Titel: Ueber die gasförmigen Producte der Schießpulver-Detonation; von Prof. Dr. A. Vogel jun.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1855, Band 136/Miszelle 6 (S. 156–158)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj136/mi136mi02_6

Ueber die gasförmigen Producte der Schießpulver-Detonation; von Prof. Dr. A. Vogel jun.

Bei Versuchen über die gasförmigen Producte der Schießpulverdetonation habe ich einige von den bisherigen Annahmen abweichende Resultate erhalten, welche ich daher zur vorläufigen Mittheilung bringe.

A.

Läßt man gewöhnliches gekörntes Schießpulver in ganz kleinen Portionen, stets nur 2 bis 3 Körner auf einmal, in ein förmiges, durch Kohlenfeuer schwach erhitztes Glasrohr gleiten, so ist die Detonation des Schießpulvers nur sehr gering und die gasförmigen Producte entweichen am andern offenen Ende des Rohres, woselbst sie aufgefangen werden können. Hiebei ist ganz unverkennbar durch den Geruch Ammoniak wahrzunehmen. Läßt man, nachdem eine Quantität Schießpulver detonirt hat, durch die wieder abgekühlte Röhre trockene Luft hindurchstreichen, so wird ein befeuchtetes Curcumapapier durch die ausströmende Luft braun und die braune Färbung verliert sich wieder beim schwachen Erwärmen des Papiers. Ein mit Salzsäure befeuchteter Glasstab in die Mündung des Rohres gebracht, entwickelt starke Salmiaknebel. Es kann demnach kein Zweifel über die Gegenwart von Ammoniak in den gasförmigen Producten des Schießpulvers bleiben, und zwar scheint es als Schwefelammonium und kohlensaures Ammoniak oder auch in caustischem Zustande vorhanden zu seyn.

Die Bildung des Ammoniaks konnte durch den Wassergehalt des Schießpulvers veranlaßt seyn, obgleich es vor dem Versuch genau bei 100° C. im Wasserbade getrocknet worden war. In einem weiteren Versuche wurde Schießpulver im luftleeren Raume bei 140 bis 150° C. getrocknet, bis daß der Schwefel zu sublimiren begann. Auch dieses Pulver lieferte in der angegebenen Weise verpufft Ammoniak. Um mit völlig wasserfreien Materialien zu experimentiren, wurde nun ein Gemenge aus vorher |157| weißgeglühtem Kienruß und geschmolzenem Salpeter in dem Rohre verpufft. Die Ammoniakbildung zeigte sich hier eben so entschieden und deutlich, natürlich mit dem Unterschiede, daß kein Geruch nach Schwefelammonium stattfand. Es muß daher angenommen werden, daß die Ammoniakbildung durch den in jeder Kohle stets vorhandenen Wasserstoff in diesem Falle bedingt ist, und sich daher stets unter den gasförmigen Producten der Schießpulver-Detonation finden muß.

Daß die zur Untersuchung verwendeten Sorten von Schießpulver vor dem Versuche auf einen allenfallsigen Gehalt an Ammoniaksalzen untersucht worden waren, bedarf kaum der Erwähnung.

B.

Als die gasförmigen Producte des Schießpulvers werden allgemein Stickgas und Kohlensäure angenommen. Jedenfalls sind es diese beiden Gasarten, welche sich bei der Zusammensetzung des Schießpulvers nach der Formel

3 Aeq. C
1 Aeq. S
1 Aeq. KONO₅

=
3 Aeq. CO₂
1 Aeq. N
1 Aeq. KS

in überwiegender Menge entwickeln. Nach einigen Chemikern wird außer diesen beiden Gasarten hiebei noch Kohlenoxydgas gebildet, namentlich dann, wenn zur Fabrication des Pulvers, wie z.B. zum Sprengpulver, ein Ueberschuß von Kohle, 1 Aeq. KONO₅: 4 Aeq. C genommen worden ist.

Um über die Kohlenoxydfrage zur Entscheidung zu gelangen, wurde ein bei 120° C. im luftleeren Raume getrocknetes Jagdpulver zum Versuche verwendet.

Dasselbe enthielt: KONO₅ 100
S 15,86
C 17,76

war also nach der Mischung 1 Aeq. KONO₅: 3 Aeq. C zusammengesetzt.

Die Verpuffung fand statt in einer förmigen gebogenen Glasröhre, deren mittlerer Theil in Kohlenfeuer bis zum schwachen Rothglühen erhitzt war. Das Pulver befand sich in einem Glasgefäße, welches in den oberen aufgebogenen Theil des Glasrohres einmündete, mit der Einrichtung, daß durch langsames Drehen immer ein Pulverkorn nach dem anderen einzeln die schiefe Ebene herabgleitete und die glühende Stelle berührend zur Verpuffung gelangte. Der ganze Apparat war zur Verdrängung der Luft mit Kohlensäure gefüllt. Die Producte der Verbrennung wurden über Quecksilber in graduirten Röhren aufgefangen.

496 Milligramme des Pulvers in dem eben beschriebenen Apparat detonirt, lieferten ein von Kalilauge nicht absorbirtes Gas:

Gas-Rohr Nr. I. = 39 Kub. Cent.
„ „ Nr. II. = 7,5 „
––––––––––––
46,5 Kub. Cen.

Barometerhöhe = 26'' 1,5''' Par.

Temperatur der Sperrflüssigkeit = 18° C.

Daraus ergibt sich das auf 0° und 760 Millimeter Barometerstand reducirte Volumen des Gases zu 39,5 Kub. Cent.

Berechnet man dasselbe als reines Stickgas, so wiegen diese 39,5 Volume 50,1 Milligramme, und nach der Formel

1 KONO₅
1 S
3 C

=

KS + 3CO₂ + N

hätten obige 496 Milligramme Schießpulver 52,4 Milligr. Stickgas geben müssen.

Man darf also mit Entschiedenheit annehmen, daß unter diesen Umständen der Detonation eines der angegebenen theoretischen Formel sehr nahe kommenden Pulvers kein Kohlenoxydgas in den gasförmigen Producten gebildet ist, um so weniger, da nicht einmal die ganze Menge des Stickgases in dem erhaltenen Gasgemenge vorhanden war, wodurch die Möglichkeit der Gegenwart anderer Gase geradezu ausgeschlossen wird. Hiezu kömmt noch, daß in dem Gasgemenge das Kohlenoxyd weder durch Glühen mit Kupferoxyd als Kohlensäure durch Kalkwasser, noch durch Absorption |158| mittelst Kupferchlorür qualitativ nachgewiesen werden konnte. Stickoxydgas, welches Chevreul als einen nicht unbedeutenden Gemengtheil fand, konnte weder in den erhaltenen gasförmigen Producten, noch in dem festen Rückstande salpetrige Säure beobachtet werden. Durch die im Vorhergehenden beschriebene Ammoniakbildung rechtfertigt sich ohnehin die der Berechnung nicht vollkommen entsprechende Menge Stickgas.

Ein nach der Formel

1 KONO₅
4C
= KOCO₂ + 3CO

hergestelltes gekörntes Gemisch lieferte, unter den nämlichen Umständen der Detonation unterworfen, ebenfalls ein Resultat, welches die Abwesenheit von Kohlenoxydgas entschieden nachweist.

375 Milligramme dieses bei 120° C. im luftleeren Raume getrockneten Gemisches gaben von Kalilauge nicht absorbirtes Gas:

Gas-Rohr Nr. I. = 29,0 Kub. Cent.
„ „ Nr. II. = 13,0 „
–––––––––––––
42,0 Kub. Cent.

Barometerhöhe = 26'' 2''' Par.

Temperatur der Sperrflüssigkeit = 16° C.

Hieraus berechnet sich das wahre Volumen zu 35,4 Kub. Cent.

Im Rückstande fand sich die ganze Menge des Kalis mit Kohlensäure neutralisirt, aber gleichzeitig eine nicht unbedeutende Menge unoxydirter Kohle. Daraus ergibt sich in Verbindung mit dem erhaltenen Gasvolumen, daß die gasförmigen Producte kein Kohlenoxydgas enthalten konnten. Denn obige 375 Milligramme Gemeng hätten liefern müssen:

N 42 Milligramme = 33,1 Kub. Cent.
CO 42 „ = 33,2 „
––––––––––––––––––––––
Im Ganzen 66,3 Kub. Cent.

Die gefundene Menge der durch Kalilauge nicht absorbirten Gase entspricht nahezu der durch den Zersetzungsproceß in Freiheit gesetzten Quantität Stickgases, die Kohle aber konnte sich nach der durch die erwähnte Formel verlangten Weise an der Zersetzung nicht betheiligen. Sie bildet nur Kohlensäure, und ihr Ueberschuß bleibt im ungebundenen Zustande im Rückstande. Ungeachtet in diesem Versuche das erhaltene Gasvolumen um ein Geringes größer war als das berechnete, so konnte doch in demselben keine Spur von Kohlenoxydgas nachgewiesen werden. (Gelehrte Anzeigen der k. bayer. Akademie der Wissenschaften, 1855, Nr. 9 und 10.)

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