Titel: Ueber eine Schere zum Glasschneiden; von K. Karmarsch.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1855, Band 136/Miszelle 2 (S. 232–234)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj136/mi136mi03_2

Ueber eine Schere zum Glasschneiden; von K. Karmarsch.

Es ist eine längst bekannte Sache, daß dünnes Tafelglas mit einer gewöhnlichen Papierschere geschnitten werden kann, wenn man dasselbe dabei etwas tief unter Wasser getaucht hält. Das Wasser hat offenbar den Zweck und Nutzen, die Schwingungen oder Erschütterungen des Glases zu mildern, und somit dessen Zerspringen vorzubeugen. Ich habe das Verfahren öfters versucht, mich aber überzeugt, daß die Schnittkante stets sehr rauh, grobzackig ausfallt, und daß man |233| vor dem Entzweispringen der Glastafel doch nicht völlig gesichert ist. Ernste, d.h. praktisch-technische Anwendung ist demnach wohl schwerlich jemals von dem kleinen Kunststück gemacht worden. Daß man die Glasstücke nur beschneiden, nicht aber etwa nach beliebigen Linien durch schneiden kann, versteht sich von selbst: der Glaser aber erreicht das erstere weit besser und sicherer durch ein in seiner Werkstätte übliches Werkzeug, nämlich das Kröseleisen.

Vor ganz Kurzem habe ich nun aber aus Paris eine Schere empfangen, welche ganz vortrefflich zum Beschneiden des Tafelglases, frei in der Hand ohne Hülfe des Wassers, geeignet ist Nach meinen vielfältigen Versuchen lassen sich damit alle gewöhnlich vorkommenden Sorten Fensterglas, von den dünnsten bis zu den dicksten, so leicht, bequem, schnell und sicher behandeln, daß es mehr ein Spiel als eine Arbeit ist. Für längere geradlinige Schnitte wird zwar der Diamant immer den Vorzug behalten; ja er behauptet eine ausschließliche Anwendbarkeit beim Durchtheilen der Tafeln, wo beide getrennte Theile unzerkleinert bleiben müssen. Allein um Ecken abzuschneiden, so wie runde und ovale Platten etc. darzustellen, überhaupt den Glasrand nach auswärts gekrümmten Umrissen zuzurichten, kann ich die erwähnte Schere aus Erfahrung bestens empfehlen. Sie erzeugt eine Schnittkante von so guter fein- und stumpfzackiger Beschaffenheit, daß dieselbe in den meisten Fällen (z.B. beim Einlegen des Glases in Rahmen) ohne weitere Zurichtung bleiben kann; nöthigenfalls aber durch sehr geringes Nachschleifen auf einem Sandsteine genugsam geglättet wird. Die abgeschnittenen überflüssigen Glastheile zersplittern, aber fast niemals entsteht der kleinste widerwärtige Sprung nach dem Innern der Glasfläche zu; und das Beschneiden geht beinahe so rasch von statten, als wenn man dünnes Messingblech unter den Händen hätte. Die kleinen Rauhigkeiten des Randes sind nachträglich mittelst der Schere selbst beinahe völlig zu beseitigen, indem man diese so gebraucht, daß sie fast nur Staub abnimmt. Mit dem Kröseleisen arbeitet man weder eben so sauber, noch eben so schnell. Man muß nur darauf achten, daß die Schere stets sehr wenig geöffnet und auf jeden Druck wenig fortgeschoben werde; die Bewegungen des Oeffnens und Schließens dürfen jedoch so flink auf einander folgen, als die Hand irgend im Stande ist sie hervorzubringen. Es ist unnöthig zu bemerken, daß – will man nicht dem Augenmaaße vertrauen, sondern genau einer vorgeschriebenen krummen Linie folgen – am besten ein richtig geformtes Blatt Papier vorläufig auf dem Glase angeklebt wird.

Nun zur Beschreibung der Schere: dieselbe gleicht im allgemeinen Aussehen einer Hand-Blechschere, ist aber mit großen ovalen Ringen zum Einstecken der Hände ausgestattet. An meinem Exemplare ist die Gesammtlänge, von der Spitze der Blätter bis zum Ende der Ringe, 11 1/4 Zoll (hannov.); davon kommen 2 3/4 Zoll auf den Abstand zwischen der Spitze und dem Mittelpunkte des Nietes. Die Oeffnung jedes Ringes mißt 3 5/8 Zoll in der Länge und 1 3/8 Zoll in der Breite. Die Länge der Schneiden beträgt 2 1/8 Zoll. – Die wichtigste Eigenthümlichkeit dieser Glasschere liegt in der Zuschärfung der Schneiden. Die fast ein Viertelzoll dicken, auf der innern Fläche wie bei anderen Scheren ein klein wenig hohlgeschliffenen Blätter sind nämlich von außen her durch eine einzige ebene Facette von 5/16 Zoll Breite so zugeschärft, daß der Kantenwinkel an den Schneiden sehr nahe = 45° ist. Hierin liegt eine höchst wesentliche Abweichung von den Blechscheren, an welchen zwar eine ähnliche breite und schräge Facette vorhanden ist, deren Schneidkanten jedoch durch Anschleifen einer zweiten, sehr schmalen Facette in solcher Weise gebrochen werden, daß der eigentliche Schneidwinkel die Größe von ungefähr 80° erhält.

Indem sonach beim Schneiden des Glases dieses zwischen zwei dünnen, scharfen Schneiden gefaßt wird, entsteht ein Druck nur auf die schmalen von denselben berührten Linien, und das Absprengen oder Abbrechen der Glastheilchen geschieht mit möglichst geringer Einwirkung auf die daneben liegenden Theile der Oberfläche, veranlaßt daher auch keine Spannung, welche einen ungehörigen Sprung erzeugen könnte.

Sehr gute Härtung der Scherblätter ist, wie von selbst einleuchtet, ein wesentliches Bedingniß. Mit der vorliegenden Schere scheint nach dem Härten gar kein, oder höchstens nur ein sehr geringes Nachlassen statt gefunden zu haben. Sie erhielt, wie kaum anders zu erwarten, durch fortgesetzten Gebrauch eine Menge äußerst feiner (nur bei genauer Betrachtung erkennbarer) Scharten in den Schneiden; diese |234| schaden aber ihrer Wirkung nicht. Sollte sich jedoch ein schwacher Grath seitwärts an den Schneiden aufrichten, so müßte man denselben mit einem feinen Handschleifsteine abstreichen, wie denn überhaupt für gute Instandhaltung der Schere zu sorgen ist, wenn sie ihrem Zwecke genügend entsprechen soll. Der Preis dieser Glasschere ist in Paris 15 Francs. (Mittheilungen des hannoverschen Gewerbe-Vereins, 1855, Heft 1.)

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