Titel: Colorirung der photographischen Bilder, von Giov. Minotto, Vicedirector der elektrischen Telegraphen in Piemont.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1855, Band 136/Miszelle 4 (S. 395–397)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj136/mi136mi05_4
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Colorirung der photographischen Bilder, von Giov. Minotto, Vicedirector der elektrischen Telegraphen in Piemont.

Man gibt bekanntlich den daguerreotypirten oder photographirten Porträts oft einige Farbentöne, indem man auf das fertige Bild die Farben mittelst des Pinsels aufträgt. Hierbei aber wird leicht der Effect verdorben, die Aehnlichkeit beeinträchtigt, ja wohl gar ein schlecht gelungenes Bild derartig retouchirt, daß man nicht mehr das Werk der Lichtstrahlen, sondern eine vom Lichte gleichsam nur skizzirte, dagegen vom Maler vollendete Arbeit vor sich hat. Was man nicht mit darübergesetzten Farben erlangen kann – nämlich Conservirung aller feinen Details und Schattenabstufungen – das erreicht Minotto durch das umgekehrte Verfahren, indem er die Farben unter dem Bilde anbringt. Es ist die vor 30 Jahren zum Coloriren von Kupferstichen und Steindrücken unter dem Namen Oleochalkographie und Lithochromie benutzte, seitdem wieder vergessene Methode, welche in einer neuen Anwendung hier wieder auftritt. Sie taugt nur für Lichtbilder auf transparenten oder nachträglich transparent zu machenden Stoffen, also namentlich auf Papier, kann übrigens auf verschiedene Weise ausgeführt werden.

Erstes Mittel. Man stellt das Papierblatt, worauf die zu colorirende Photographie sich befindet, gegen das Licht; bezeichnet auf der Rückseite mit Bleistift die Umrisse der verschiedenen Farbentöne (z.B. bei einem Porträt die Umrisse des Haars, der Fleischtheile, des Kleides, des Weißen im Auge etc.); und gibt endlich – immer auf der Rückseite – jeder dieser Partien die ihr zukommende Farbe mittelst Wasser-, Oel- oder Firnißfarben. Nach dem Trocknen bestreicht man das Papier mit einem Firniß, der es sehr durchscheinend macht: man sieht das Bild sich coloriren und, wenn alles gut gelungen ist, das Ansehen eines Miniatur- oder selbst eines Oelgemäldes gewinnen.

Zweites Mittel. Man kann auch mit dem Firnissen des Papiers den Anfang machen, und nach dem Trocknen das Ausmalen auf der Rückseite vornehmen, wozu aber Farben nöthig sind, die auf dem Firniß haften. Der Vortheil dieser Methode besteht darin, daß das Vorzeichnen mit Bleistift erspart wird und – da man sofort den Effect der Farbenauftragung wahrnehmen kann – die Colorirung nach Belieben zu corrigiren ist. Wenn das Papier dünn ist, so scheinen auch Wohl ohne Firniß die Umrisse deutlich genug durch, um das Malen auf der Rückseite ohne Bleistift-Vorzeichnung zu gestatten, so daß in diesem Falle das Firnissen zuletzt geschehen kann wie oben.

Drittes Mittel. Man kann die Umrisse des Bildnisses auf ein besonderes Blatt Papier oder auf eine Leinwand durchzeichnen, in dieser Skizze die Farben eintragen, sie auf die Rückseite der (mittelst Firniß transparent gemachten) Photographie legen und scharf damit zusammenpressen. Dieses Verfahren gewahrt folgende Vortheile:

1) Die Photographie, wiewohl freilich gefirnißt, bleibt an sich ohne Farbe; alle beim Coloriren möglichen Unfälle thun ihr also keinen Schaden.

2) Die Colorirung ist leicht nachzubessern, indem man neue Farbenschichten auf die vorhandenen aufträgt; bei den vorstehenden zwei Methoden ist es immer die erste Farbenlage, welche sichtbar wird, und um sie zu verändern muß sie weggenommen werden.

3) Man kann einer und derselben Photographie verschiedene Colorirungen geben, indem man mehrere gemalte Hinterblätter anfertigt und eins oder das andere derselben anlegt: so würde man z.B. an einem menschlichen Bildnisse die Farbe des Kleides, zum Scherze wohl gar die der Augen, des Haares, der Haut, verändern können.

Obschon die Ausführung der verschiedenen angezeigten Verfahrungsarten an sich eine einfache Sache ist. und nur Geschick und Behutsamkeit erfordert; so wird es doch gut seyn, einige Andeutungen darüber noch folgen zu lassen.

Zu den Photographien, welche man auf diese Art coloriren will, muß ein Papier von sehr gleichförmigem Zeuge gewählt werden; solches, das beim Hindurchsehen ungleich, wolkig oder fleckig erscheint, ist zu verwerfen. Man thut gut, einige Probestückchen des Papiers zu firnissen, um es zu prüfen.

Anlangend die Dicke des Papiers, so muß dasselbe in gewissem Grade dünn seyn, damit es nicht zu sehr die Umrisse verschleiert. Doch würde andererseits ein |397| gar zu dünnes Papier große Uebelstände herbeiführen: die Schatten würden nicht kräftig genug erscheinen; die geringste Unregelmäßigkeit in der Farbenauftragung würde auffallend hervortreten, der Uebergang von einem Farbentone zum andern zu bemerkbar seyn, und nicht jene Weichheit der Tinten entstehen, welche – eine Folge von der Verschmelzung durch den Papierschleier – ein Hauptverdienst dieser Erfindung, namentlich in Ansehung der Fleischpartien, begründet.

Wäre dagegen das Papier zu dick, so liefe man mehr Gefahr, Ungleichheiten in der Masse desselben anzutreffen, und die Farben würden zu wenig hervortreten. Gutes, starkes Velin-Schreibpapier eignet sich im Allgemeinen am besten.

Die Photographie muß scharf und durchweg deutlich, auch von einem der beabsichtigten Colorirung entsprechenden Farbentone seyn. Es ist höchst wichtig, daß die weißen Stellen ganz rein und auf der Rückseite des Papiers keine Flecken vorhanden seyen.

Die aufgetragenen Farben müssen stets kräftig gehalten werden; denn der Schleier, welchen das photographische Papier darüberzieht, dampft und schwächt sie. Man muß sich hierin nach der Dicke und der größern oder geringern Durchsichtigkeit des Papiers richten. Andererseits ist es nöthig, die Farben dort blässer zu halten, wo schwache Schatten in dem Bilde vorkommen.

Schlichte farbige Flächen ohne Tonverschiedenheiten und Schatten muß man so gleichmäßig al möglich anlegen; doch kommen geringe Fehler gegen diese Regel nicht in Betracht, weil das darübergelegte Papier eine Verschmelzung und Milderung der Ungleichheiten bewirkt.

Daß man mit keiner Farbe die ihr zugehörigen Gränzen überschreiten dürfe, versteht sich ohne Erinnerung.

Der Firniß muß farblos seyn, nach dem Trocknen das Papier durchsichtig erhalten und nicht etwa mit der Zeit dasselbe gelb färben. Der gewöhnliche Mastixfirniß eignet sich sehr gut. Man könnte auch den Firniß gebrauchen, dessen man sich bei der oben erwähnten Oleochalkographie bediente, und welcher mit

1 Theil Mastix bester Sorte,

7 Theilen rectificirtem Terpenthinöl,

3 „ venetianischem Terpenthin,

10 „ gestoßenem weißem Glase

nach bekannter Weise bereitet wird. (Nach Armengaud's Génie industriel, Juni 1854, durch die Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereins; 1855, Heft 2.)

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