Titel: Praktische Anwendungen der Ausdehnung des Gußeisens durch Erhitzung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1855, Band 136/Miszelle 2 (S. 461–462)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj136/mi136mi06_2

Praktische Anwendungen der Ausdehnung des Gußeisens durch Erhitzung.

Die Altenauer Eisenhütte unweit Clausthal hat einen Hohofen, der nur taugliches Eisen für die etwa mit 50 Mann belegte Gießerei zu liefern braucht, ohne Rücksichtsnahme auf das nicht zu vergießende Eisen, welches granulirt und an die Oberharzer Silberhütten abgegeben wird und als Granulireisen von keiner besonderen Eigenschaft zu seyn braucht. Die halbirte Beschaffenheit des Gußeisens, vorzüglich hervorgerufen durch das Verschmelzen von Magneteisenstein, Bohnerz etc., eignet sich bekanntlich zum Guß von Poteriewaaren am besten, welche hier seit länger als 30 Jahren in den verschiedensten Größen. Façons etc. angefertigt werden und auf dem Markte wegen ihrer Vorzüglichkeit bekannt sind. Zu diesen Waaren gehören auch Streich- und hohle Platteisen. Außerdem liefert die Gießerei Röhren, ferner Gegenstände für die Eisenbahnen und Geschosse aller Art für die Artillerie.

Mit der Abgabe von hohlen Plätteisen ist auch eine solche von zugehörigen gußeisernen Bolten verbunden, die erfahrungsmäßig viel kleiner gegossen werden als es die Höhlung der Plätteisen anfänglich erlaubt, weil sie beim Erhitzen sich ausdehnen – hier quellen genannt – und von der Hausfrau verwünscht werden, wenn dieses in dem Maaße geschieht, daß sie nicht mehr für die Eisen passen; der Schmied muß dann Volten von Schmiedeeisen anfertigen, weil dieses die Eigenschaft des Quellens nicht besitzt. Ein praktischer Nutzen von dieser Eigenschaft wurde auch hier (wie in Oesterreich) beim Gusse der Kanonenkugeln (m. s. Seite 72 in diesem Bande des polytechn. Journals) zu erzielen gesucht. Man legte die zu klein ausgefallenen Kugeln in den Wind-Erhitzungsapparat des Hohofens und erreichte den Zweck der erwünschten Ausdehnung, wobei jedoch der Uebelstand eintrat, daß die Oberfläche mit rothem Eisenoxyd überzogen war. Dieser rothe Anfing ließ sich so schwer von den Kugeln abputzen, daß man es vorzog lieber neue Kugeln zu gießen, als mühsame Reinigung auszuführen. Nachdem ich nun mit großer Freude in dem vorhin beregten Aufsatze gelesen, daß die Kugeln, welche Hr. Hüttenmeister Schmollik zu gleichem Zwecke glühen ließ, eine blaue und reine Oberfläche gezeigt, so wurden sogleich einige von den gegenwärtig für die hannover'sche Artillerie in Arbeit befindliche Kugeln in einem Kohlenfeuer geglüht, wie es Hr. Schmollik vorschreibt. Die ersten Kugeln, welche ohne Abschluß der Luft erkalteten, bekamen ebenfalls eine rothe Oberfläche; dagegen erhielten die darauf folgenden, welche unter einer Decke von Kohlenklein erkalteten, einen graublauen Anflug von Eisenoxyd-Oxydul und brauchten nicht weiter geputzt zu werden. Ich muß also Hrn. Bergrath Rochel für die Veröffentlichung der betreffenden Notiz um so mehr dankbar seyn, da ich von derselben bei gleichen Gegenständen direct Nutzen ziehen kann.

Eine anderweitige praktische Anwendung von der Eigenschaft des Gußeisens beim Erhitzen zu quellen, mache ich oft bei Beantwortung der Frage, welche von den Käufern der Kochgeschirre an mich gerichtet wird, wie diese am besten zum Weißkochen der Speisen zu präpariren seyen?

Dieses wird am leichtesten erreicht, wie vielfache Erfahrung gezeigt, wenn der leere Topf ungefähr 1/2 Stunde auf einem Kohlenfeuer geglüht, dann mit Fett (eine Speckschwarte genügt schon) eingerieben und zur Sicherheit diese Procedur zwei- oder dreimal wiederholt wird. Die Beschaffenheit des Eisens, ob gaar oder halbirt, |462| spricht hierbei auch mit, und berühre ich diesen Punkt noch einmal durch eine weitere unten auszusprechende Frage. Beim Glühen des Topfes quillt derselbe in allen seinen Theilen (wird poröser oder lockerer) und nimmt das Fett begierig auf, und erst wenn ein Topf gehörig vom Fett durchdrungen ist, kann er weißkochen.

Die Eigenschaft des Quellens von erhitztem Eisen macht sich in der Praxis oft unangenehm bemerklich; so an zu eng gelagerten Roststäben; hier z.B. bei den horizontal liegenden Röhren des Wind-Erhitzungsapparates, die mit ihren Muffenenden festgemauert sind, während der mittlere Theil derselben frei liegt und stets von der Hohofenflamme getroffen, bald quillt und schließlich senkrecht platzt. (Denkt man sich die Röhren von Schmiedeeisen hergestellt, so würden dieselben, bei Verhütung einer Biegung nach der Seite, das Gemäuer trotz Anwendung des größten Widerstandes dennoch auseinandertreiben.) – Was nun die wissenschaftliche Erörterung dieses Gegenstandes betrifft, so sollte die einfache Erklärung der Eigenschaft des Gußeisens, beim Glühen sich auszudehnen, ohne nach dem Erkalten wieder auf das frühere Volumen zurückzugehen, in folgender Art wohl genügen:

Wird ein Stück Schmiedeeisen und ein Stück Roheisen erhitzt, so können beim Erkalten dieser Stücke die Theile (Atome, Lamellen) des ersteren sich ungehindert wieder zusammenziehen und das ganze Stück nimmt sein früheres Volumen wieder an, während beim Roheisen die einzelnen Eisentheilchen sich ebenfalls wieder zusammenziehen werden, wogegen aber die Kohlentheilchen (Atome) unverändert bleiben und sich nicht zusammenziehen, so daß hierdurch ein lockerer Zusammenhang von Kohle und Eisen oder eine Volumenvermehrung bedingt ist.

Wie werden sich aber die verschiedenen Eisensorten, ob gaar, halbirt und weiß, bei ihrer linearen Ausdehnung (die nach Hrn. Bergrath Rochel 0,00833 circa 1/125 beträgt) unter einander verhalten? – Quensell, k. hannoverscher Hüttenmeister zu Altenau. (Berg- und hüttenmännische Zeitung, 1855, Nr. 23.)

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