Titel: Stein, über holländisches und französisches Bleiweiß.
Autor: Stein, W.
Fundstelle: 1855, Band 137, Nr. XXXVII. (S. 128–137)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj137/ar137037

XXXVII. Ueber holländisches und französisches Bleiweiß; von Professor W. Stein in Dresden.

Aus dem polytechn. Centralblatt, 1855, S. 513.

Die holländische Fabricationsmethode liefert ein Product, welchem bezüglich seiner Deckkraft der Vorrang vor dem französischen von Niemanden bestritten wird; sie ist aber eben so unbestreitbar die unbequemste und kostspieligste, und zwar liegt dieß theils in der Anwendung des Pferdedüngers und der dadurch bedingten Töpfe, theils in dem gänzlichen Verluste aller Essigsäure. Der Pferdedünger, welcher nur zum Theil durch Lohe ersetzt werden kann, hat zwei Functionen zu erfüllen: er muß durch seine Fäulniß die zur Verdampfung des Essigs nöthige Wärme und zur Zersetzung des entstehenden Bleisalzes die Kohlensäure liefern. Er wird sonach entbehrlich seyn, wenn man seine Wirkungen auf entsprechende andere |129| Weise ersetzt. Eine aus dieser Betrachtung hervorgegangene Fabricationsmethode, welche man die österreichische oder deutsche nennen könnte, hat den Gebrauch des Düngers gänzlich beseitigt und ist ein nicht unwesentlicher Fortschritt, da das erzielte Product alle guten Eigenschaften des holländischen Besitzt. Anstatt der Töpfe werten große Kammern benutzt, welche der Länge oder Quere nach, in mehrfachen Reihen über einander, von Latten durchzogen sind, die gewissermaßen die Stelle der Vorsprünge in den Töpfen versehen und über welche die Bleiplatten, dachförmig gebogen, gehängt werden. Die Stelle des Düngers vertritt eine directe Zuführung von Kohlensäure und Wärme. Die Erwärmung geschieht gewöhnlich mittelst tragbarer Windöfen, auf welchen Holzkohle verbrannt wird, um zugleich die nöthige Kohlensäure zu erzeugen, und damit möglichst wenig Wärme nach außen abgeleitet werde, sind die Kammern mit doppelten Wänden versehen und die Zwischenräume mit einem schlechten Wärmeleiter ausgefüllt; zur Beobachtung der Temperatur gehen an verschiedenen Stellen Thermometer luchtdicht durch die Wände der Kammern. Der Boden der Kammern stellt einen mit Dielen bedeckten wasserdichten Kasten dar, in welchem sich der zu verdampfende Essig befindet, den man dadurch erwärmt, daß man aus einem tiefer gelegenen Dampfkessel nicht Wasserdämpfe, sondern, indem man diesen mit Essig speist, Essigdämpfe in denselben leitet. Damit die Dämpfe in die Kammer gelangen können, sind die Dielen, nach Art der Malzdarren, durchlöchert oder auf irgend andere Weise zweckentsprechend mit Oeffnungen versehen.

Bei dieser Einrichtung fehlt es wegen Mangel an Luftwechsel häufig an Kohlensäure, wodurch große Mengen von neutralem essigsaurem Bleioxyd entstehen; auch ist man genöthigt, öfter zur Unterhaltung des Feuers in die Kammern zu gehen, was wiederum eine Abkühlung mit sich bringt. Besser ist es daher jedenfalls, die Heizung durch Dampf oder Wasser oder die heiße Kohlensäure und die Essigdämpfe selbst zu bewirken, indem man die erstere durch Verbrennen von Holzkohle erzeugt und durch die hierbei entstehende Wärme den Essig in Dampf verwandelt, Kohlensäure und Essigdämpfe aber in einer Esse zusammentreten läßt, die, mit einem kleinen Dache versehen, in die Kammer mündet. In beiden Fällen legt man übrigens die Kammern und Dampfkessel über einander, jene im ersten Stock, diese zu ebener Erde an.

Es ist leicht zu erkennen, daß auch bei dieser Einrichtung noch alle Essigsäure verloren geht; gewöhnlich entweicht sie durch die Fugen der kleinen Fensterladen und der (doppelten) Thüren. Indessen, sollte man meinen, müßte es doch möglich seyn, durch zweckmäßige Einrichtungen |130| wenigstens einen Theil derselben wieder zu gewinnen; man könnte z.B. in der Decke der Kammern Abzugsröhren anbringen, welche in ein durch Wasser abgekühltes geschlossenes Gefäß mündeten, was seinerseits mit einer Luftpumpe verbunden wäre. Der ökonomische Vortheil, welcher dadurch zu erreichen wäre, ist nicht gering; denn selbst unter der Voraussetzung, daß nur sechstel-essigsaures Bleioxyd gebildet würde, was thatsächlich nicht der Fall ist, gehen für jeden Centner Blei 9,6 Pfd. Essigsäurehydrat, d.h. 1 1/2 Ctr. Essig von der gewöhnlichen Stärke, verloren, dessen Preis wenigstens 2 1/2–3 Thlr. beträgt; bildet sich aber drittel-essigsaures Bleioxyd, so verdoppelt sich natürlich der Verlust.

Daß die französische Fabricationsmethode den Verlust an Essigsäure jedenfalls auf das Minimum bringt und überdieß den Vortheil des Fabrikanten noch durch Verringerung der Anlagekosten und schnellere Beendigung der Arbeit, also Verminderung der Capitalzinsen überhaupt erhöht, ist bekannt. Das Product hat aber die Meinung der Abnehmer gegen sich, es soll weniger decken. Obgleich es gewiß schwierig seyn wird, durch Versuche im Kleinen einen vollgütigen Beweis dafür zu liefern, so ist doch dem praktischen Urtheile der Anstreicher und Maler sicherlich seine Berechtigung nicht abzustreiten, und es fragt sich nur, worin diese Verschiedenheit ihren Grund haben könne.

In früherer Zeit wurde ohne Weiteres angenommen, daß dieselbe in der chemischen Zusammensetzung beruhe; das holländische Bleiweiß sey basisch, das französische neutral, und dieß bedinge wiederum, daß ersteres amorph, daher undurchsichtig, und letzteres krystallinisch, daher durchscheinend, sey. Spätere Untersuchungen29) haben gezeigt, daß der Niederschlag, welcher erhalten wird, wenn man durch Bleiessig Kohlensäure leitet, bis die Flüssigkeit nicht mehr basisch reagirt, zweidrittel-kohlensaures Bleioxyd ist, wie das holländische, und daß, unter dem Mikroskop betrachtet, die physischen Elementartheile von beiden sehr kleine sphärische Körper sind, deren Durchmesser Hochstetter er bei beiden Arten von Bleiweiß zu 0,00001 bis 0,00003 und 0,00004 Zoll gefunden hat; die Kügelchen des französischen Bleiweißes sollen nach ihm etwas größer und durchsichtiger seyn. Bei einer mikroskopischen Untersuchung, welche ich mit Kremserweiß, französischem, fabrikmäßig dargestelltem und im Kleinen erzeugten, sowie mit österreichischem angestellt habe, fand ich die größten Kügelchen vom Kremserweiß = 0,0025 Millimeter und die des französischen = 0,0037 |131| Millimeter, doch sind die Mehrzahl weit kleiner. Dieß stimmt, wie man sieht, mit den Messungen von Hochstetter so gut, als dieß bei einem solchen Gegenstande erwartet werden kann, überein; ich lege indessen auf diese Uebereinstimmung nur einen geringen Werth, weil ich in vielen Fällen in der Größe der verschiedenen Bleiweißsorten gar keinen Unterschied wahr, zunehmen im Stande war.

Ist nun aber der morphoidische Zustand des Bleiweißes als amorph zu bezeichnen? Ich glaube nicht. Der amorphe Zustand ist der der vollständigsten Homogeneität, der gänzlichen Structurlosigkeit; der des Bleiweißes zeigt eine sphärische Gestaltung, welche offenbar zwischen dem amorphen und krystallinischen Zustande in der Mitte steht, mindestens ein Gestaltungszustand genannt werden muß. Darin findet auch das Verhältniß der verschiedenen morphoidischen Zustände zum Lichte seine Erklärung. Der vollkommen amorphe und der vollkommen krystallinische (oder besser krystallisirte) Zustand ist mit Durchsichtigkeit verbunden, weil das Licht bei seinem Durchgange nicht genöthigt ist von einem Mittel in ein anderes überzutreten, daher kein Hinderniß seiner Bewegung findet und keine ungewöhnlich starke Zurückwerfung erleidet. Einen amorphen Niederschlag bemerkt man daher kaum unter dem Mikroskop; erst wenn der Gestaltungsproceß, die Theilung in mehrere Individuen, eintritt, kann man denselben beobachten, weil sich nun Gränzen zweier Mittel bilden, die das Licht verschieden brechen. Bei einer Gummilösung tritt die Kugelbildung und die Undurchsichtigkeit ein, wenn man sie mit absolutem Alkohol vermischt; sie verschwindet wieder in dem Maaße, als der Alkohol verdunstet; die Individuen verlieren ihre Selbstständigkeit und fließen wieder in einander. Man könnte daher den amorphen auch als den festgewordenen Flüssigkeitszustand oder als den Flüssigkeitszustand der Atome bezeichnen. Was bei der Gummilösung der Zusatz von Alkohol, das bewirkt bei Krystallen die Theilung in viele kleine einzelne Individuen, daher ist der verworren krystallinische Zustand stets von einem größeren oder geringeren Grade von Undurchsichtigkeit begleitet, und jeder durchsichtige Körper überhaupt wird undurchsichtig durch mechanische Zertheilung (Diamant, Glas u.s.w. fein gepulvert). Wenn man einen Tropfen Lösung von essigsaurem Bleioxyd oder Chlorcalcium unter dem zuvor genau eingestellten Mikroskop mit einem Tropfen kohlensaurer Ammoniaklösung vermischt, so bemerkt man den entstehenden Niederschlag anfänglich nur da, wo er mit der einen oder anderen im Ueberschuß vorhandenen Lösung zusammengränzt, in Form einer structurlosen Membran. Nach einiger Zeit beginnt der Gestaltungsproceß durch eine Contraction der Materie um einzelne Mittelpunkte herum, wodurch inselartig, und zwar zuerst an eben diesen Berührungsstellen, sphärische Körper auftreten, |132| deren Entstehung und Zusammenlagerung zu Krystallen ich indessen nie durch eine Bewegung zu verfolgen vermochte. Der amorphe Zustand wird, so wie ich ihn eben beschrieben habe, nur beobachtet, wenn man concentrirte Lösungen von essigsaurem Bleioxyd oder kohlensaurem Kalk anwendet, und läßt sich am schönsten beobachten, wenn man Lösungen von arseniksaurem Natron und schwefelsaurem Kupferoxyd benutzt, weil er hier länger andauert und wegen der Färbung des Niederschlags besser sichtbar ist; in diesem Falle wird nicht einmal eine concentrirte Lösung erfordert. In manchen Fällen scheint nun der Gestaltungsproceß mit der Bildung der sphärischen Körper (der sichtbaren Atome) sein Ende erreicht zu haben, so beim Bleiweiß, wo ich die Niederschläge beobachtete, welche durch Vermischen von neutralem essigsaurem Ammoniak, durch Fällung desselben Salzes mittelst gasförmiger Kohlensäure, des Bleiessigs mit Kohlensäure bei gewöhnlicher Temperatur und kochend, erhalten werden. Alle diese Niederschläge bestehen aus sphärischen Körpern, in keinem derselben läßt sich etwas Krystallinisches erkennen, und doch Besitzt namentlich der letztere die pulverige Beschaffenheit, die man als krystallinisch bei den Niederschlägen zu bezeichnen gewöhnt ist. Dem Bleiweiß ähnlich verhält sich das arsenigsaure Kupferoxyd, dessen schleimiger, amorpher Niederschlag nach und nach in einen pulverigen übergeht, der nur aus sphärischen Elementen besteht. Bei anderen Körpern dagegen entstehen aus den letzteren endlich die Krystalle, so beim kohlensauren Kalk. Wenn man eine verdünnte Lösung von Chlorcalcium mit kohlensaurem Ammoniak vermischt, so tritt eine Art Zwischenzustand zwischen dem amorphen und sphärischen zuerst ein, es zeigen sich unter dem Mikroskop30) Flocken von scharfen und zackigen Umrissen, denen mancher Gewitterwolken vergleichbar, an welchen die einzelnen Elementartheile noch nicht erkennbar sind. Nach einiger Zeit ziehen sich diese Flocken zusammen und gestalten sich zu gegliederten Zweigen, welche auf der Oberfläche der Flüssigkeit sich bewegen. Unterdessen sind aber an der Oberfläche des Glasplättchens die mehrgenannten sphärischen Körper als dunkle Punkte entstanden, und haben sich, ohne daß eine Bewegung derselben bemerkbar gewesen wäre, in Reihen geordnet, die theils einander parallel laufen, theils sich unter spitzen Winkeln schneiden. Es ist kaum anders möglich, als daß diese Reihen entstanden sind durch Niedersinken der einzelnen Glieder der schwimmenden Zweige, welche den Anfang der gänzlichen Absonderung der sphärischen Elemente bezeichnen. Die |133| Reihen scheinen nun keine weitere Veränderung zu erleiden, außer daß die dunkeln Punkte in der Mitte durchsichtiger werden, bis die Flüssigkeit eintrocknet, wo man plötzlich farrenkrautwedelartige Zeichnungen gewahrt, die aus an einander gelagerten prismatischen Körpern bestehen, deren Flächen durchsichtig sind, und, wie es scheint, entstehen durch Ineinanderfließen der sphärischen Körper. Hierdurch hat dieser Zustand mit dem amorphen die größte Aehnlichkeit; unerklärlich ist es mir aber, daß die sphärischen Körper sofort, wie vorher, wieder zum Vorschein kommen, sobald man den vertrockneten Niederschlag wieder mit einem Tropfen Wasser befeuchtet.

Im Vorstehenden ist nun zwar nachgewiesen, daß keine Art von Bleiweiß amorph genannt werden kann, und angedeutet, welches der Grund der Undurchsichtigkeit im Allgemeinen ist, nicht aber, warum Bleiweiß rücksichtlich seiner Undurchsichtigkeit von anderen Stoffen und die beiden in Rede stehenden Bleiweißsorten von einander sich unterscheiden. Was den Unterschied des Bleiweißes und einiger ihm nahe stehenden Körper, wie Schwerspath und schwefelsaures Bleioxyd, von anderen Stoffen betrifft, so beruht er in erster Stelle wohl auf einer specifisch verschiedenen Durchsichtigkeit der „sichtbaren Atome.“ Außerdem scheint hierbei eine wichtige Rolle das Brechungsverhältniß zwischen den sich berührenden Medien, also allgemein die Dichtheit derselben, zu spielen. Je größer die Differenz der beiden Exponenten, je größer mithin der Exponent für den in das dichtere Medium übergehenden Strahl, um so leichter wird der Fall der totalen Reflexion beim Wiederaustritt desselben aus dem dichteren in das weniger dichte Medium eintreten können. Eine Bestätigung dieser Ansicht finde ich in dem Umstande, daß gepulvertes Glas (und wie dieses verhalten sich viele andere Körper), wenn seine Theilchen von Luft umgeben sind, undurchsichtig erscheint, seine Durchsichtigkeit aber zum großen Theile wieder erhält, sobald man es mit Wasser, oder noch besser mit Terpentinöl, befeuchtet. Nächst diesem kommt jedenfalls die Größe der „sichtbaren Atome“ in Betracht; einmal darum, weil ein um so öfter wiederholter Wechsel des Lichtüberganges stattfinden muß, je kleiner diese Atome sind, je mehr deren also auf gleichem Raume sich beisammen befinden; sodann aber auch, weil ihre Durchsichtigkeit absolut durch Verschluckung des Lichts vermindert wird. Als Beweis dafür kann ich anführen, daß diese Atome beim Bleiweiß, schwefelsauren Bleioxyd und Schwerspath, auch beim kohlensauren Kalk, sehr klein sind. Die Gestalt der Atome scheint von weniger wesentlichem Einfluß zu seyn, denn während die des Bleiweißes und kohlensauren Kalks sphärisch, sind die des Schwerspaths und schwefelsauren Bleioxyds, wenn auch undeutlich, prismatisch. Das Gesetz, was diesen Verhältnissen zu Grunde liegt, läßt sich vielleicht auffinden, wenn es gelingt, |134| Form und Größe der sichtbaren Atome, sowie die Lichtmengen genau zu bestimmen, welche gleich dicke Schichten derselben durch sich hindurchlassen. Es werden sich dann überhaupt erst Verschiedenheiten in der Deckkraft einander sehr nahe stehender Körper, wie die verschiedenen Bleiweißsorten, mit Bestimmtheit nachweisen lassen, die jetzt noch, streng genommen, auf nichts weiter als unvollständig begründeten Meinungen beruhen. Wenn sie zwischen dem holländischen und französischen Bleiweiß thatsächlich vorhanden sind, so beruhen sie weder in der Form und Größe der Atome denn die erstere ist bei beiden Bleiweißarten gleich und die letztere in der Hauptsache nicht verschieden – noch in der chemischen Zusammensetzung, denn die Abweichungen, welche bezüglich der letzteren zwischen beiden Arten vorkommen, sind kaum größer als die, welche sich zwischen holländischen Sorten von verschiedener Bereitung finden.

Läßt sich aber der verschiedene Grad von Deckkraft, unmittelbar wenigstens, weder durch die chemische Zusammensetzung, noch durch die Form und Größe der Atome erklären, so liegt sie am wahrscheinlichsten in der verschiedenen Dichtheit derselben, welche allerdings wohl in Beziehung zur chemischen Beschaffenheit stehen kann; denn in diesem Falle kommt beim Anstreichen auf eine gleich große Fläche eine verschiedene, im Verhältniß zur größeren Dichtheit größere Menge Materie, welche das Licht vollständiger zurückwirft. Um darüber Aufschluß zu erhalten, habe ich verschiedene Bleiweißarten und Bleiweißsorten auf doppelte Weise unters sucht. Ich füllte nämlich einestheils in ein Maaßgläschen mit abgeschliffenem Rande die feingepulverte Probe, unter vorsichtigem Aufstoßen des Röhrchens auf eine möglichst unelastische Unterlage ein, schob alsdann eine aufgeschliffene Glasplatte darüber, um den Ueberschuß von Bleiweiß hinwegzuschieben, und wog. Dabei erhielt ich folgende Resultate:

das Maaßgläschen faßte:

1) von einem kalt gefällten Niederschlage 4,3720 bis 5,0715 Grm.,
2) „ „ heiß gefällten Niederschlage 6,2825 „ 6,3145 „

Um zu erfahren, in welcher Weise diese Resultate sich ändern würden, wenn die zwischen den einzelnen Bleiweißtheilchen befindliche Luft durch Leinöl verdrängt wird, rührte ich beide Proben mit gleichen Volumen Leinöl an. Nr. 1 lieferte einen ziemlich dünnflüssigen Brei, der mit Nr. 2 erhaltene war dicker;

das Maaßgläschen faßte nun:

von Nr. 1 5,3725 Grm.,
„ „ 2 6,0605 „
|135|

Hieraus folgt zunächst, daß man durch kochende Fällung ein französisches Bleiweiß von größerer Dichtheit erzeugen kann, als durch kalte Fällung, und daß eine größere Menge davon in einen gleich großen Raum eingeht, wenn es mit Leinöl angerieben, als wenn es mit Luft untermengt ist.

3) Von französischem Bleiweiß, im trockenen Zustande, aus Heilbronn, faßte das Gläschen 7,403 bis 7,405 Grm.

Wenn man diese Zahlen mit den vorher angeführten vergleicht, so ist man, um die bedeutenden Verschiedenheiten zu erklären, genöthigt anzunehmen, daß auf die Dichtheit der Niederschläge die entstehenden Quantitäten nicht ohne Einfluß sind.

Das Maaßgläschen faßte ferner:

4) von Kremserweiß unbekannten Ursprungs 8,035 bis 8,045 Grm.,

5) von deutschem Bleiweiß aus Schönebeck 8,160 bis 8,172 Grm.

Andererseits bestimmte ich die Dichtheit durch Wägungen in Aether, wobei sich folgende Verhältnißzahlen mit Rücksicht auf die verdrängten Aethermengen ergaben:

Nr. 3 7,274 Grm.,
„ 4 7,418 „
„ 5 7,466 „

Verglichen mit dem Bleiweiß von Heilbronn, ist das Verhältniß der Dichtheit zwischen Nr. 3, 4 und 5:

a) nach den Versuchen der ersten Reihe, wie 1 : 1,086 : 1,103,
b) „ „ „ der zweiten Reihe, wie 1 : 1,019 : 1,026.

Die Dichtheit der verschiedenen Bleiweißarten und Bleiweißsorten ist daher offenbar verschieden, und nach den Ergebnissen der ersten Versuchsreihe, die den in der Praxis zu erlangenden Resultaten jedenfalls am nächsten stehen, auch groß genug, um eine Verschiedenheit in der Deckkraft als möglich erscheinen zu lassen. Die Deckkraft eines Bleiweißes ließe sich demgemäß (relativ) wohl am einfachsten dadurch ermitteln, daß man dessen Dichtheit, mit seinem gleichen Volumen Leinöl angerieben, in der oben angegebenen Weise bestimmte.

Gehaltsprüfung des Bleiweißes. Wenn man weiß, wie eifrig und unablässig die Chemiker bemüht sind, für Fabricanten und Käufer Methoden zu ersinnen und vorzuschlagen, um Güte und Reinheit der Fabricate und Waaren zu prüfen, so ist es kaum glaublich, daß davon kein Gebrauch gemacht, daß damit kein Nutzen geschafft werden sollte. Nichtsdestoweniger kann man sehr leicht die Erfahrung machen, daß Fabrikanten |136| und Käufer nur selten und mit Widerstreben chemische Prüfungsmethoden in Anwendung bringen, sich vielmehr mit der nur zu oft unzureichenden Beobachtung gewisser physikalischen Merkmale begnügen. Sucht man nach dem Grunde dieser Erscheinung, so findet man dafür mehrere Ursachen. Zuerst und vor allen Dingen ist der Mangel an theoretischchemischen Kenntnissen und praktisch-chemischer Fertigkeit dem Verständniß und der Anwendung sehr vieler Prüfungsmethoden seitens der Betheiligten am meisten hinderlich. Diese Ursache wird nur so lange dauern, bis eine technische Durchbildung in alle Schichten der industriellen und gewerblichen Thätigkeit zum Heile Aller eingedrungen seyn wird. Eine andere Ursache liegt aber darin, daß sehr viele Methoden zu umständlich, also zeitraubend, sind, und Apparate erfordern, die nicht Jedem zu Gebote stehen. Zeit ist aber Geld für jeden Geschäftsmann, Apparate kosten Geld, und daher kommt es, daß man sich lieber wissentlich einem Verluste aussetzt, indem man die Prüfung unterläßt, weil man, gewiß mit Unrecht, befürchtet, einen größeren zu erleiden, wenn man sie unternimmt. Wenn es aber nicht zweifelhaft ist, daß gute Prüfungsmethoden das einzige Mittel sind, den Fabrikanten wie den Käufer vor Uebervortheilungen zu sichern und das domoralisirende System der Verfälschung und Verringerung der Waaren zu beschränken, wenn nicht unmöglich zu machen, so kann nicht dringend genug die Anwendung derselben empfohlen und zugleich den Chemikern ans Herz gelegt werden, nur möglichst einfache, leicht ausführbare und nicht kostspielige Apparate erfordernde Methoden in Vorschlag zu bringen, weil nicht sowohl absolute Genauigkeit, sondern leichte Anwendbarkeit als oberster Grundsatz hierbei zu betrachten ist.

Die Vermischung des Bleiweißes mit Schwerspath ist bekannt, und gehört, obgleich sie nicht gerechtfertigt werden kann, streng genommen, nicht zu den Verfälschungen, weil sie von den Fabrikanten offen zugestanden wird. In Osterreich und Belgien geschieht sie sogar in bestimmten Verhältnissen, welche für gewisse Sorten unveränderlich und bekannt sind; dessenungeachtet darf eine Prüfung seitens der Käufer nicht für überflüssig erachtet werden. Für die einfachste halte ich nach meinen Versuchen die Bestimmung des Glühverlustes, welcher in directem Verhältniß zur vorhandenen Menge des kohlensauren Bleioxyds steht. Nach vielen Versuchen mit verschiedenen Bleiweißproben variirt derselbe bei unvermischten Proben zwischen 13 und 16 Procent und beträgt im Mittel 14,5 Procent. Absichtlich hergestellte, wohlgetrocknete Mischungen von Bleiweiß mit: 1) 66 2/3 Proc., 2) 50 Proc., 3) 33 1/3 Proc. und 4) 20 Proc. Schwerspath verloren durch Glühen: 1) 4,5 bis 5 Proc., 2) 6,5 bis 7 Proc., 3) 10 bis 10,44 Proc. und 4) 13 Proc.

|137|

Die Prüfung kann in einem tarnten Porzellantiegel, oder in jedem kleinen thönernen Gefäße, auch in einer kleinen eisernen Schale ausgeführt werden. Die Probe muß zuvor gut ausgetrocknet seyn und wird nach dem Abwägen in einem Kohlenfeuer oder über einer Spirituslampe mit doppeltem Luftzuge zuerst schwach, zuletzt aber bis zum Schmelzen des Rückstandes erhißt. Man bedarf zum Abwägen nur eine Handwaage, wie sie in den Apotheken gebräuchlich sind, muß aber jedenfalls Apothekergewicht bis zu einem Gran haben. Wenn man dann 1 1/2 Unzen (3 Loth) zu jedem Versuche verwendet, so drückt der Gewichtsverlust in Granen nahezu den Gehalt an Bleiweiß in Procenten aus;31) verwendet man dagegen nur 1/2 Unze (1 Loth), so braucht man den Gewichtsverlust in Granen nur mit 2,9 zu multipliciren, um den Procentgehalt an Bleiweiß zu finden.

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S. Hochstetter, Gmelin's Handbuch der Chemie. 4. Auflage, Bd. III S. 117, und polytechn. Journal, 1842, Bd. LXXXVI S. 204.

|132|

Die Beobachtung wurde mit einem Oberhäuser und bei 55facher Linearvergrößerung gemacht.

|137|

1,5 Unze = 720 Gran; (14,5 . 720)/100=104,4.

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