Titel: Mathieu-Plessy, über den Antimon-Zinnober.
Autor: Plessy, E. Mathieu
Fundstelle: 1855, Band 137, Nr. LI. (S. 198–202)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj137/ar137051

LI. Ueber den Antimon-Zinnober; von Hrn. E. Mathieu-Plessy.

Aus dem Bulletin de la Société industrielle de Mulhouse, 1855, Nr. 130.

Das Product, welches ich hier Antimon-Zinnober nenne, ist eine neue Modification des Schwefelantimons, welches ich durch Zersetzung des Dreifachchlorantimons (salzsauren Antimonoxyds) mittelst unterschwefligsauren Natrons erhalte.38)

Bekanntlich bildet sich orangegelbes Schwefelantimon (Dreifach-Schwefelantimon), wenn man Antimonoxyd aus seiner Lösung in Säuren mittelst Schwefelwasserstoff fällt, oder durch Schwefelkalium oder Schwefelnatrium. Wenn jedoch letztere Reagentien durch längere Berührung mit der Luft sich theilweise in schwefligsaures Salz verwandelt haben, so geben sie mit einem Antimonoxydsalz verschieden gefärbte Niederschlage, je nachdem mehr oder weniger schwefligsaures Alkali vorhanden ist.

Durch das Studium dieser Reaction gelang es mir, ein rothes Schwefelantimon zu erhalten, welches von den bereits bekannten Modificationen des Dreifach-Schwefelantimons sehr verschieden ist; letztere sind: 1) das oben erwähnte orangegelbe Schwefelantimon; 2) das in der Natur vorkommende |199| Grauspießglanzerz; 3) die von Fuchs 39) entdeckte braunrothe Modifikation des letztem (amorphes Dreifach-Schwefelantimon), worüber in der letzten Zeit H. Rose 40) eine Untersuchung angestellt hat.

Bereitung des Antimon-Zinnobers.

Um das rothe Schwefelantimon mit allem Glanz zu erhalten, dessen es fähig ist, genügt es jedoch nicht, Auflösungen von saurem salzsaurem Antimonoxyd und unterschwefligsaurem Natron zu vermischen. Um diesen Zweck in constanter Weise zu erreichen, mußte ich zahlreiche Versuche bei verschiedenen Temperaturen und Verhältnissen anstellen, bis es mir endlich gelang ein Verfahren zu ermitteln, wornach ein schönes Product mit Leichtigkeit dargestellt werden kann.

Da der Antimon-Zinnober in der Folge mehrfache Anwendung finden dürfte,41) so bemühte ich mich zuerst ein praktisches Verfahren zur Bereitung des unterschwefligsauren Natrons und des salzsauren Antimonoxyds im Großen zu ermitteln.

Hinsichtlich des unterschwefligsauren Natrons habe ich zur Vermeidung der Krystallisationen ein Verfahren befolgt, wornach ich dieses Salz in hinreichend reinem Zustande zu einer Zeit erhielt, wo seine Darstellung noch wenig bekannt war. Dieses Verfahren beruhte auf der Anwendung des schwefligsauren Natrons. In der betreffenden Abhandlung42) zeigte ich, daß man letzteres Salz (bei der Behandlung mit Schwefel) im neutralen Zustande anwenden muß, um die Reaction der schwefligen Säure auf das unterschwefligsaure Salz zu vermeiden.

Um das schwefligsaure Natron zu bereiten, befolgte ich das von Hrn. Camille Köchlin angegebene Verfahren, wobei der Schwefel in einem Apparat verbrannt wird, welchen man leicht zusammenstellen kann. Ein Sieb, welches große Krystalle von kohlensaurem Natron enthält, wird in den obern Theil eines Fasses (Weinfasses) gesteckt, dessen Deckel ausgeschlagen wurde; am untern Theil des Fasses wird ein knieförmig gebogenes Ofenrohr, das eine Esse bildet, mit einem kleinen thönernen Ofen |200| verbunden, auf welchen man den Schwefel nach und nach wirft. Man regulirt durch die Thür die Verbrennung des Schwefels nach Belieben; der Zug stellt sich ganz genügend her und nach Verlauf von drei bis vier Tagen sind die Natronkrystalle tief in ihr Inneres angegriffen. Sollte dieß nicht ganz der Fall seyn, so löst sich doch das sehr zerreibliche schwefligsaure Salz leicht ab, und man gibt den nicht angegriffenen Kern wieder in das Faß.

Mit dem so erhaltenen schwefligsauren Natron macht man eine Auflösung von 25° Baumé, welche man mit krystallisirtem kohlensauren Natron in der Wärme neutralisirt. Wenn letzteres Salz kein Aufbrausen mehr hervorbringt (dieß ist das beste Kennzeichen, das Lackmuspapier gibt keine genügende Anzeige), oder vielmehr, wenn in dem verdünnten schwefligsauren Salz auf Zusatz von Salzsäure eine schwache Entbindung von Kohlensäure erfolgt, so setzt man Schwefelblumen zu, worauf das Gemenge in einem irdenen Gefäß drei Stunden lang im Wasserbad erhalten wird, indem man umrührt und das verdampfende Wasser wieder ersetzt. Nachdem die Flüssigkeit erkaltet ist, filtrirt man sie und verdünnt sie auf 25° Baumé.

Das saure salzsaure Antimonoxyd läßt sich leicht bereiten, indem man das natürliche graue Schwefelantimon (rohen Spießglanz) in gepulvertem Zustande mit käuflicher Salzsäure erwärmt. Wenn bei gelindem Feuer die Entwickelung von Schwefelwasserstoff nachzulassen beginnt, erhitzt man einige Minuten bis zum Kochen, dann läßt man erkalten und decantirt die klare Lösung.

Um von dem sich entbindenden Schwefelwasserstoff nicht belästigt zu werden, kann man das Gas in eine Natronlösung leiten, oder man befestigt auf dem Kolben worin die Zersetzung vor sich geht, eine lange Glasröhre welche am Ende schwach ausgezogen ist, und erhitzt sie daselbst durch eine untergestellte Weingeistlampe. Selbst wenn der Schwefelwasserstoff in starkem Verhältniß mit Wasserdampf gemischt ist, fährt er dann fort zu brennen und belästigt also durch seinen Geruch nicht.

Das so erhaltene salzsaure Antimonoxyd wird mit Wasser auf 25° Baums verdünnt.

Zur Darstellung des Antimon-Zinnobers gießt man in eine Steinzeugschüssel 4 Liter von diesem salzsauren Antimonoxyd und 6 Liter Wasser, dann 10 Liter obiger Lösung von unterschwefligsaurem Natron; letzteres löst den Niederschlag, welchen das Wasser bildete, in der Kälte rasch wieder auf; man stellt alsdann die Schüssel in ein kochendes Wasserbad, wodurch sich die Temperatur des Gemisches allmählich erhöht; gegen 30° C. fängt der Niederschlag an sich zu bilden; er ist anfangs orangegelb, wird |201| aber nach und nach dunkler; nachdem die Temperatur der Mischung bis 55° C. gestiegen ist, nimmt man die Schüssel aus dem Wasserbad; dann läßt man den Niederschlag sich absetzen, was rasch erfolgt; man decantirt die Mutterlauge und wascht den Rückstand zum erstenmal mit Wasser welches 1/15 Salzsäure enthält; zu den folgenden Waschungen verwendet man gewöhnliches Wasser; endlich gibt man den Niederschlag auf ein Filter und trocknet ihn. In feuchtem Zustande ist der Antimon-Zinnober glänzend roth; durch das Austrocknen verliert er ein wenig von seinem Glanz. Der Niederschlag von Antimon-Zinnober würde sich auch in der Kälte bilden, aber nach dem angegebenen Verfahren erhält man ein schöneres Product und ist des Erfolges sicher.

Analyse des Antimon-Zinnobers.

Da die quantitative Bestimmung des Antimons nach keiner der bekannten Methoden mit großer Genauigkeit auszuführen ist, so begnügte ich mich, das Verhältniß des Schwefels zu ermitteln, um den Antimongehalt durch Differenz zu finden, nachdem vorher der Wassergehalt genau bestimmt wurde.

0,668 orangegelbes Schwefelantimon verloren 0,038, bei 200° C.
0,808 rothes 0,009,

Aus diesem Resultat ersieht man, daß der Antimon-Zinnober ein wasserfreier Körper ist, weil sein Gewichtsverlust offenbar von unvollkommenem Austrocknen herrührt; wenn man andererseits den Gewichtsverlust des orangegelben Schwefelantimons in Aequivalenten berechnet, so ergibt sich daß dieses Schwefelantimon der Formel SbS³ + HO entspricht.

Es erübrigt jetzt nur noch durch die Analyse zu beweisen, daß der Antimon-Zinnober in seiner Zusammensetzung sich vom orangegelben Schwefelantimon bloß durch ein Aequivalent Wasser unterscheidet, wo sich dann die neuen Eigenschaften dieses Körpers ganz natürlich erklären.

2 Gramme rothes Schwefelantimon wurden mit Königswasser behandelt, welchem so viel Salpetersäure beigemischt war, daß man immer nur salpetrige Säure und niemals Schwefelwasserstoff in Ueberschuß hatte. Nach der lebhaften Einwirkung welche im Augenblick des Angriffs statt findet, bleibt Schwefel unaufgelöst; da sich dieser bei andauernder Wirkung des Königswassers und der Wärme nicht auflöste, so entschloß ich mich ihn abzusondern und sein Gewicht zu bestimmen; die Flüssigkeit wurde daher mit Weinsteinsäure versetzt, um die Fällung der Antimonsaure zu verhüten und nach ihrer Verdünnung der abgesetzte Schwefel durch Decantiren ausgewaschen; man erhält ihn hierbei mit einer kleinen |202| Menge Wasser imprägnirt, welches beim Trocknen im Sandbad leicht verjagt wird. Von 2 Grammen Schwefelantimon bekam ich 0,046 Schwefel.

Die Flüssigkeit, von welcher dieser Schwefel abgesondert wurde, gab, mit salzsaurem Baryt gefallt, 3,558 schwefelsauren Baryt, entsprechend 0,488 Gr. Schwefel. Addirt man zur Gesammtmenge des gefundenen Schwefels das bei 200° C. verjagte Wasser, so hat man in Procenten:

Wasser 1,1
Schwefel 26,7
Antimon, durch Differenz bestimmt 72,2
–––––
100,0

eine Zusammensetzung, welche genau das Verhältniß 3 : 1 für die Aequivalente von Schwefel und Antimon gibt. Die Formel des neuen Schwefelantimons ist folglich SbS³.

Obige Resultate wurden unter den Augen des gelehrten Chemikers erhalten, welcher gegenwärtig das Laboratorium der Normalschule zu Paris dirigirt.

|198|

Dieser Antimon-Zinnober ist sowohl in Deutschland als in Frankreich schon von andern Chemikern entdeckt worden; man sehe Strohl's Notiz im polytechn. Journal, 1849, Bd. CXIII S. 215.

A. d. R.

|199|

Poggendorff's Annalen, Bd. XXXI S. 578.

|199|

Ebendas. Bd. LXXXIX S. 122.

|199|

Professor M. Pettenkofer fand diese Farbe nur für Oelmalerei, ferner als Leim- und Wasserfarbe brauchbar, wofür sie eine Acquisition genannt werden darf; aber nicht für Fresco- und Wasserglasmalerei, weil sie alkalischen Einflüssen nur kurze Zeit widersteht, man sehe polytechn. Journal Bd. CXIII S. 217.

A. d. Red.

|199|

Annales de chimie et de physique, 1844, t. XI p. 182.

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