Titel: Ueber Bonelli's Eisenbahntelegraph.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1855, Band 137/Miszelle 2 (S. 74–75)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj137/mi137mi01_2

Ueber Bonelli's Eisenbahntelegraph.

Der Bahntelegraph des Piemontesen, Ritter Bonelli (des bekannten Erfinders des elektrischen Webestuhls), hat den Zweck, den telegraphischen Verkehr sowohl zwischen zwei oder mehreren auf einer Bahnlinie in Bewegung befindlichen Bahnzügen, als auch zwischen letzteren und den an der Bahn befindlichen Stationen zu jeder Zeit zu ermöglichen. Es ist in dieser Absicht zwischen den Schienen des Bahngeleises eine gehörig isolirte Leitung mittelst eines eisernen Bandes hergestellt und diese steht mit dem im Coupe eines Wagens befindlichen Telegraphenapparate dadurch in Verbindung, daß eine vom Apparate herabgehende eiserne Feder über das leitende Band wegstreicht. Denkt man sich zwei solche fahrende Telegraphenbüreaux auf diese Weise mit einander metallisch verbunden, so fehlt zur Herstellung des erforderlichen elektrischen Schließungskreises noch die gewöhnliche Erdleitung. Diese wird ersetzt durch eine zweite, mit einer Achse oder einem Rade des betreffenden Wagens in Berührung stehende Feder, wodurch die elektrische Strömung den Schienen und von diesen der Erde, mit welcher sie in Berührung, zugeführt wird. Es leuchtet ein daß, um diese Einrichtung practicabel und zuverlässig zu machen, eine Menge Details nothwendig sind, deren zweckmäßige und scharfsinnige Anordnung eigentlich das Hauptverdienst des Erfinders bilden. Anfangs Mai wurde von Bonelli mit seinem Bahntelegraphen der erste Versuch auf der hiemit eingerichteten Bahnstrecke zwischen Turin und Moncalieri angestellt. Aus einem mit einer Geschwindigkeit von 4 geographischen Meilen in der Stunde fahrenden Eisenbahnwagen wurden hiebei mit Leichtigkeit Fragen und Antworten mit der Turiner Station gewechselt. Sobald der Telegraph bis Traffarello vollendet ist, soll in Gegenwart von Sachverständigen die Correspondenz zwischen einem Bahnzug in voller Geschwindigkeit und einem andern auf der Bahn befindlichen, sowie den Stationen Turin, Moncalieri und Traffarello versucht werden. Die Ausführbarkeit der Bonelli'schen Idee erscheint sonach außer Zweifel gesetzt. Eine andere Frage ist aber die, ob eine Einrichtung dieser Art Bedürfniß ist und den großen damit verknüpften Aufwand lohnt. Wer den praktischen Eisenbahndienst genau kennt, dürfte dieß verneinen. Es kommt nur selten der Fall vor, daß zwei Züge auf einer Bahn sich in der Nothwendigkeit befinden, mit einander zu correspondiren, oder daß ein Bahnzug nach einer Station oder umgekehrt etwas mitzutheilen hat. Der Betrieb einer Eisenbahn soll niemals von einem complicirten Apparat abhängig gemacht werden, der nur zu leicht außer Ordnung kommen und dann durch seine momentane Nichtbenützbarkeit mehr schaden kann, als er während längerer Zeit zu nützen im Stande war Die Erfahrung hat längst bewiesen, daß diejenigen Eisenbahnen keineswegs die sichersten sind und die wenigsten Unfälle aufzuweisen haben, deren Signalsystem am ausgebildetsten und kostspieligsten ist. Selbst die einfachere Einrichtung der transportabeln Telegraphenapparate, welche auf mehreren Eisenbahnen besteht und den Zweck hat bei vorkommenden Unfällen mittelst Einschaltung des mitgeführten Apparats in die längs der Eisenbahn hinführende Drahtleitung eine Communication mit den Bahnstationen zu ermöglichen, hat bis jetzt |75| nur wenig Vortheil gewährt und daher nur beschränkte Anwendung gefunden. Will man von der elektrischen Telegraphie für den Eisenbahndienst einen möglichst großen Nutzen ziehen, so geschieht dieß am einfachsten und sichersten dadurch, daß möglichst viele, am besten alle an der Bahn befindlichen Stationen mit Telegraphenapparaten versehen werden, und daß für deren allzeitige sorgfältige Bedienung gesorgt wird. – Nach dem Angeführten möchten wir der Bonelli'schen Erfindung vorerst eine große praktische Bedeutung nicht beilegen, dieselbe vielmehr nur als ein schönes Experiment betrachten, welches geeignet ist. die ausgedehnte und vielseitige Anwendung, deren die elektrische Telegraphie fähig, darzuthun.

(Schw. M.)

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