Titel: Untersuchung der zündbaren Bleikugeln und der Patronen der Tirailleurs-Vincent-Gewehre; von X. Landerer.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1855, Band 137/Miszelle 1 (S. 234–235)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj137/mi137mi03_1

Untersuchung der zündbaren Bleikugeln und der Patronen der Tirailleurs-Vincent-Gewehre; von X. Landerer.

Vor einiger Zeit wurde ich aufgefordert, eine Untersuchung von Bleikugeln, welche die Eigenschaft besitzen, sobald dieselben in Holz stecken bleiben, dasselbe zu entzünden und mithin ein Gebäude von Holz, ein Schiff und andere Gegenstände in Brand zu stecken, zu unternehmen.

Diese fürchterliche Waffe, die nach den angestellten Versuchen diese Eigenschaft, die ich angab auch besitzen, sind gewöhnliche hohle Bleikugeln, die im Innern ganz mit Phosphor gefüllt sind. Es werden zu diesem Zwecke hohle Bleikugeln mit geschmolzenem Phosphor eingegossen und das Loch vermacht. Wird nun eine solche Kugel auf einen hölzernen Gegenstand geschossen, so zerschmettert die Kugel, der Phosphor kommt mit der Luft in Berührung und in Folge der Hitze, theils durch die Gewalt des Stoßes auf den harten Gegenstand, theils durch die mittelst des Pulvers mitgetheilte Wärme entzündet sich der Phosphor und durch denselben die hölzernen Gegenstände. Werden solche Phosphor-Bleikugeln gegen Mauerwerke geschossen, so zerschmettern dieselben und der auf dem Mauerwerk sich anklebende Phosphor entzündet sich und verbreitet sich mit Lebhaftigkeit fort.

Werden diese Phosphor-Kugeln in brennbare Stoffe, z.B. in Munitionswägen geschossen, so entzünden sich alle zündbaren Gegenstände,

Ich hatte mehrere solcher Phosphor-Kugeln angefertigt, die ihrem Zweck vollkommen entsprachen. Wenn jedoch irgend eine kleine Oeffnung bleiben sollte, so verderben solche Kugeln, indem sich phosphorige Säure bildet, die aus der Oeffnung |235| ausfließend das Blei auffrißt und sodann die Kugel mit einem weißen Anfluge von phosphorsaurem und phosphorigsaurem Bleie überzieht.

Eine andere Analyse machte ich mit den zu den genannten Gewehren gehörigen Patronen. Mittelst einer stumpfen Nadel, die auf die Basis der Patrone mit Gewalt gedrückt wird, entzündet sich die Patrone und in Folge der Entzündung des fest an gestampften Pulvers wird die oben leicht aufsitzende bleierne Spitzkugel auf die für ein Gewehr unglaubliche Weite von 600–800 Schritten hinausgeschleudert.

Die Patrone zeigt in ihrem Innern eine kleine Kammer, in der sich knallsaures Quecksilber aufgeklebt findet, auf demselben findet sich das Pulver fest angestampft und auf diesem sitzt die Spitzkugel auf. Mittelst der mit Gewalt auf das Knall-Quecksilber hingedrückten Nadel wird dieses entzündet, dasselbe theilt sich dem Pulver mit und die Spitzkugel wird auf die unglaubliche Distanz von 6, 7 bis 800 Schritten hinausgeschleudert.

Endlich möchte ich noch in wissenschaftlicher Beziehung der asphyktischen Kugeln, Boules asphyctiques, der Franzosen Erwähnung thun. Vor ungefähr drei Jahren hat ein Apotheker in Frankreich Kanonenkugeln, d.h. hohle. mit einer Mischung gefüllte Kugeln erfunden, welche die fürchterliche Eigenschaft besitzen sollen, beim Zerplatzen in einem engen Schiffsraume alle darin befindlichen lebenden Wesen in einen asphyktischen Zustand zu versetzen, der einige Minuten andauert, und im Falle diesen, an der Asphyrie darnieder liegenden Menschen nicht schnelle Hülfe geleistet wird, so sind dieselben dem Tode ausgesetzt. In Toulon sollen diese Versuche zur Bewunderung Aller ausgeführt worden seyn und sowohl Menschen als auch Thiere, die sich in diesem Schiffsraume finden, gerathen in diesen Zustand der Narcose. der für alle höchst lebensgefährlich wurde. Da ein französischer Officier, den ich kennen zu lernen Gelegenheit fand, diesen Versuchen beiwohnte, und mir einige Details darüber gab, so hielt ich es nicht für uninteressant, diesen Gegenstand und diese Erfindung, für die man dem Entdecker 150,000 Francs bezahlt haben soll(?) von wissenschaftlichem Standpunkte zur Sprache zu bringen. Wenn diese Kugel auf einen sehr festen Körper auffällt, so zerspringt dieselbe mit fürchterlicher Gewalt und in diesem Augenblick verbreitet sich (nach den Aussagen dieses Officiers, Narrata refero!) ein solcher Geruch nach bittern Mandeln, daß ein Athemzug schon hinreicht, um heftigen Schwindel zu verursachen. Setzt man sich nun dieser Einwirkung noch länger aus, so fallen die Leute zusammen, Schaum tritt aus dem Munde und dieselben ringen nun mit dem Tode. Aus dieser, wenn auch unvollkommenen Beschreibung, dürfte anzunehmen seyn, daß der die Asphyrie bewirkende Stoff von blausäurehaltigem Dunst seyn dürfte, der sich in der Kugel im condensirten Zustande befindet und der sich nach dem Zerspringen der Kugel, die durch knallsaures Quecksilber, das sich in dem Innern der Kugel in einem eigenen Raum befindet, mit furchterlicher Kraft bewirkt wird, entwickelt. Ich wollte diesen, der Untersuchung sehr würdigen Gegenstand mit diesen Worten anregen, und vielleicht gelingt es einem anderen unserer Freunde, mit der Zeit eine genauere Beschreibung mittheilen zu können. (Neues Jahrbuch für Pharmacie und verwandte Fächer, 1855, S. 255.)

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