Titel: Capitän Ericsson über die calorische Maschine.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1855, Band 137/Miszelle 1 (S. 315–316)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj137/mi137mi04_1

Capitän Ericsson über die calorische Maschine.

Nachdem die amerikanischen Zeitungen wiederholt behaupteten, daß in dem Schiff „Ericsson“ die calorische Maschine durch eine Dampfmaschine ersetzt worden ist, veröffentlicht Capitän Ericsson folgenden Brief an Lieut. Gov. H. J. Raymond in den zu New-York erscheinenden Daily Times.

New-York, den 24. Mai 1855.

Die Behauptungen meiner Gegner, daß die calorische Maschine ein verfehltes Project war und von mir aufgegeben wurde, ferner daß das Schiff „Ericsson“ mit „einer neuen Dampfmaschine“ versehen wurde, sind ganz ungegründet.

Jeder Versuch hat die Richtigkeit des Princips der calorischen Maschine bewiesen, denn jeder stellte eine außerordentliche Brennmaterial-Ersparniß heraus. Ich hielt es jedoch für klug, gewisse Thatsachen, welche den endlichen Erfolg entscheidend sichern, nicht zu veröffentlichen, weil dadurch viele Ingenieure aufgemuntert worden wären mir „verbessern“ zu helfen, und mich wo möglich um die Früchte meiner Arbeit und meines Kostenaufwands zu bringen.

Die erste Maschine des calorischen Schiffes wurde ungeachtet ihrer Brennmaterial-Ersparniß beseitigt, weil sie bezüglich des ausgeübten Nutzeffects sich als nicht genügend erwies – mit andern Worten, weil die Kraftdifferenz des Arbeitskolbens und Speisekolbens in der Praxis nicht realisirte was die Berechnung versprach – indem die Verluste durch Undichtheiten, Reibung etc. über alle Erwartung groß waren. Die zweite calorische Maschine, womit das Schiff versehen wurde, sollte diesem Fehler abhelfen, indem ich durch Anwendung comprimirter Luft eine größere Kraft hervorzubringen suchte; es zeigte sich jedoch, daß die Verbindungen der Röhren von den sogenannten Heizern nicht dicht genug gemacht werden konnten, um mehr als ein Drittel des beabsichtigten und erforderlichen Drucks auszuhalten. Aus diesem Grunde konnte mit der abgeänderten Maschine keine größere Geschwindigkeit des Schiffes, als sieben Meilen per Stunde erzielt werden. Abgesehen von der Unvollkommenheit in Folge der erwähnten Undichtheiten, arbeitete die Maschine zur Bewunderung aller derjenigen welche sie im Gang sahen. Dagegen konnte allerdings Dampf in den Röhren der Heizer zurückgehalten werden, welcher daher, anstatt Luft, in überhitztem Zustande angewendet wurde. Mit solchem überhitztem Dampf wurde die Maschinerie an dem Tage betrieben, wo unglücklicherweise (wie die Zeitungen berichtet haben) das Schiff versank. Die plötzliche Abkühlung des Ofens, der Röhren etc. beim Untersinken, zerstörte leider einen wesentlichen Theil der Maschinerie, und nach fruchtlosen Versuchen dem Schaden abzuhelfen, blieb mir nichts anderes übrig, als gewöhnliche Kessel anzuwenden. Die Maschinen sind jedoch jetzt unverändert dieselben wie früher bei Anwendung von comprimirter Luft. Die Behauptung, daß das Schiff neuerlich mit von mir zu dem Zweck construirten „neuen Dampfmaschinen“ versehen wurde, ist eine reine Erdichtung. Als ich den Eigenthümern des Schiffes vorschlug, die ursprüngliche calorische Maschine zu beseitigen, versprach ich denselben, die zweite Maschine auf solche Weise zu bauen, daß wenn uns die Anwendung von Luft mißlingen sollte, Dampf benutzt werden kann, indem man die Luft-Heizer durch Dampfkessel ersetzt.

Was man bisher über das Durchbrennen der gewölbten Heizer-Boden der ursprünglichen calorischen Maschine in die Zeitungen geschrieben hat, glaubte ich unberücksichtigt lassen zu können, weil sich diese Schwierigkeit offenbar durch verschiedene praktische Mittel überwinden läßt; jeder Ingenieur wird zugeben, daß das „unvermeidliche Durchbrennen der Boden“ keine Sache von Belang ist.

Die positive Behauptung, daß ich die calorische Maschine gänzlich aufgegeben habe, ist eine reine Verleumdung. Der Gegenstand wurde von mir ununterbrochen verfolgt. Ich stellte Versuch auf Versuch an, und war fortwährend bemüht, die Mechanismen zu vervollkommnen, wodurch sich das Princip dieser Maschine, welches auf unbestreitbaren physikalischen Gesetzen beruht, zur Herstellung eines wohlfeilen |316| und ungefährlichen Motors benutzen läßt. Wie weit mir endlich die praktische Lösung des großen Problems gelungen ist, wird sich bald zeigen, da ich jetzt mit dem Bau einer Maschine von beträchtlicher Größe beschäftigt bin.

Vielleicht (possibly) wird die Ausführung dieser Maschine beweisen, daß die Verfasser mehrerer theoretischen Schriften über die calorische Maschine eben so im Irrthum sind wie es einmal Sir Humphrey Davy war, als er den Vorschlag London mittelst Gas zu beleuchten, lächerlich fand.

Ich füge noch bei, daß wenn nach der Ausführung der genannten Maschine wegen irgend einer unerwarteten Schwierigkeit die Leistungsfähigkeit des neuen Systems nicht vollkommen realisirt seyn sollte, dieß mich keineswegs abhalten wird den Gegenstand weiter zu verfolgen; keine mechanische Schwierigkeit kann mich veranlassen jemals einen Plan aufzugeben, welcher so ganz und gar auf physikalische Wahrheit gegründet ist und dessen Durchführung die größten Vortheile gewähren würde. Es wäre sehr zu bedauern, wenn eine so wichtige Sache durch die störende Einmischung von Leuten verzögert würde, welche nicht Kenntnisse genug besitzen, um einzusehen, daß unser gegenwärtiger Motor, die Dampfmaschine, welche innerhalb sehr beschränkter Temperaturgränzen betrieben wird und bei welcher der Wärmestoff beständig verloren geht, niemals ein ökonomisches Mittel abgeben kann, um die Kraft des Wärmestoffs als Bewegung zu übertragen. Glücklicherweise unterstützen gerade die höchsten Autoritäten der Wissenschaft die gute Sache. Bei der letzten Versammlung brittischer Naturforscher (in England) wurde der Gegenstand gründlich erörtert und die Unzulänglichkeit der Leistung unserer jetzt gebräuchlichen Dampfmaschinen vollkommen nachgewiesen. Der berühmte Regnault – unter den lebenden Physikern hinsichtlich des Wärmestoffs die größte Autorität – sagt in einer der französischen Akademie der Wissenschaften übergebenen Abhandlung,70) nachdem er die von den bisherigen Dampfmaschinen mittelst der verbrauchten Wärmemenge erzeugte Triebkraft besprochen hat: „da aber bei Ericsson's System die Wärme, welche die austretende Luft besitzt, sich auf Körpern ablagert, denen die neue eintretende Luft sie entzieht um sie wieder in die Maschine zu übertragen, so sieht man, daß bei letzteren Maschinen alle aufgewendete Wärme für die Triebkraft benutzt wird, während bei der besten Dampfmaschine die für die mechanische Arbeit benutzte Wärme kaum den zwanzigsten Theil der aufgewendeten Wärme beträgt.“ Ich werde daher fernere Angriffe unberücksichtigt lassen und fortfahren an der Vervollkommnung der calorischen Maschine zu arbeiten, bis ich meinen Zweck erreicht habe.

Ich verbleibe etc.

J. Ericsson.

(Mechanics' Magazine, Juli 1855, Nr. 1665.)

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Polytechn. Journal Bd. CXXVIII S. 285.

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