Titel: Die Hyalophanie; von Professor Reinsch in München.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1855, Band 137/Miszelle 6 (S. 396–399)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj137/mi137mi05_6

Die Hyalophanie; von Professor Reinsch in München.

Die neueren Fortschritte der Physik und Chemie gaben mehrfache Veranlassung zur Verbesserung bereits bestehender Verfahrungsweisen zur Auffindung und Hervorbringung neuer nützlicher, zweckmäßiger Kunst- und Industrie-Erzeugnisse.

Insbesondere aber bildeten die vielfachen Forschungen und deren Resultate über die Natur des Lichtes, Zerlegung der Lichtstrahlen, Beugung und Interferenz derselben für die nachstehend näher erörterte Hyalophanie die hauptsächlichste Grundlage.

Dieselbe ist nun, wie aus der Bezeichnung hervorgeht, die Kunst, Effecte hervorzubringen, bei welchen die Refraction, Reflexion und Beugung des Lichtes benützt, und wie folgt, durch entsprechende und zweckdienliche Mittel hervorgerufen und in Anwendung gebracht werden.

I. Technische Benützung.

Im Allgemeinen dient dieselbe in artistischer und industrieller Beziehung als vorzügliches architektonisch-decoratives Mittel für Wand- und Plafond-Bekleidung, ferner für kirchliche Attribute, Altäre, Kanzeln, Capellen etc.; ferner als zweckmäßiges Veredelungsmittel für alle Arten von Möbeln und Ersatzmittel für Mosaik, Marqueterie, Ebenistique etc., außerdem noch für speciellere Anwendung in Theatern, Salons, Cabinetten etc. und zur Hervorbringung von Malereien, in welchen die schönsten Beleuchtungs-Momente der natürlichen Lichtwirkungen auf das Täuschendste dargestellt und selbst als Gegensatz von Glasmalereien in Räumen benützt werden können, in welchen deren schönste Wirkung durch reflectirtes Licht beabsichtigt wird.

Mittelst nachstehender Verfahrungsweisen vermag man auch noch ein ganz anderes entsprechendes Surrogat für die bekannten und so sehr beliebten englischen und französischen Perlmutter-Malereien auf viel billigerem Wege zu schaffen.

II. Material und Mittel.

Die Mittel, welche als Oberfläche, Farbenträger, und zur Befestigung irgend einer gegebenen Zeichnung, Malerei oder Gestalt, behufs Herstellung der Hyalophanie dienen, bestehen aus Glas, Horn, russischem Glimmer, transparenten Geweben, thierischen Membranen. Metall, Gelatine- und Collodium-Folien.

Als Reflexionsmittel für industrielle Zwecke werden die genannten Folien, und für höhere künstlerische Anwendung Gold, Platin, Kupfer- und Silber-Lüster, auch das Plaqué benützt.

III. Praktische Anleitung.

Um genannte Gebilde darzustellen, muß irgend ein dieser neuen Methode anpassender artistischer oder industrieller Gegenstand gewählt werden.

Beispielweise will man hier einen Tisch oder ein Zifferblatt bezeichnen, welche nach dieser Methode hergestellt werden sollen.

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Zuvor ist es nöthig, eine Zeichnung nach Art irgend einer Mosaik, Ebenistique, oder überhaupt einer eingelegten Arbeit zu entwerfen; ist diese hergestellt, so wird dieselbe nach Wunsch und dem Zwecke entsprechend ins Colorit gesetzt, so daß man, bevor zur weiteren Durchführung geschritten wird, schon die Skizze von der projectirten Arbeit besitzt.

Als Träger, Bekleidungs- und Befestigungsmittel des bestimmten Dessins bedient man sich vorzugsweise 1/8 Zoll dicker oder auch stärkerer Spiegelglas-Platten, die jedoch in Hinsicht billiger Herstellungskosten nicht absolut fehlerfrei zu seyn brauchen, demnach hiezu sogenannte Ausschuß-Fabricate benützt werden können.

Nach der bestimmten Größe, welche als eingelegte Arbeit, vielmehr als Hyalophanie erscheinen soll, werden alsdann Glasstücke genau so zugeschnitten, daß man dieselben in einen schmalen Falz einzusenken und nach Vollendung des Gegenstandes mit Holz- oder Metallleisten zu garniren und zu befestigen vermag.

Die nächstfolgende Arbeit besteht nun darin, daß die nöthigen Glas- und Einsatzstücke auf einer Seite mittelst feinen Trippels matt geschliffen werden, damit das auffallende und durchgehende Licht nicht direct, sondern als zerstreutes Licht, wie ähnlich bei den Lithophanien, zurückkehrt und hervortritt.

Die mannichfachen Variationen der Hyalophanie erfordern mitunter auch das Mattschleifen mit grobem Quarzsande, um die Wirkung der Refraction abzustimmen.

Sind nun die Glasplatten vorbereitet, so wird die entworfene Zeichnung auf der polirten Seite der Glasstücke schwach befestigt und alsdann auf der matten Oberfläche mit Bleistift in feinen Linien durchgezeichnet.

Soll z.B. der Grundton einer Tischplatte oder eines Zifferplattes als lapislazuli erscheinen, so wird eine Mischung von künstlichem Ultramarin mit einer höchst geringen Quantität von der gröbsten Sorte unächter Gold-Bronze, bestehend aus feingeschlagenen und geriebenen Metallplättchen, unter Beifügung von Copal-Firniß benützt, und diese Farbe mittelst Pinsel genau der Contour entsprechend auf dem hier bestimmten Theile pastos aufgetragen.

Die doucirte Fläche des Glases wird in Folge dieses Farben-Auftrages aufgehoben und erscheint alsdann wie das höchst polirte natürliche Mineral.

Ebenso kann man mit Anwendung der bekannten hellen oder dunkeln Farbenkörper unter Zusatz dieser feinen Metallplättchen Aventurin u. d. m. täuschend hervorbringen.

Die weitere Darstellung von allen möglichen Erscheinungen, Schattirungen, und der zartesten Farben-Abstufungen des Marmors, der Jaspisse, Achate etc ergibt sich nach einiger Uebung und Anhaltung an die natürlichen Vorbilder von selbst, insofern man sich theilweise opaken und lasirenden Farben-Auftrages bedient.

Nur zur Hervorrufung solcher Erscheinungen, welche den Smaragden, Topasen, Rubinen eigenthümlich sind, werden höchst gleichförmige, geriebene und in dem genannten Bindemittel höchst gleichmäßig vertheilte Lasurfarben angewendet, indem die Stellen oder Ornamente, in welchen diese Dinge erscheinen sollen, höchst schwach mit benannten Mitteln überzogen werden.

Sind nun nach der dargelegten Weise die einzelnen Glasstücke vollkommen decorirt, und deren Farbenauftrag getrocknet, so werden hiernach die Reflexionsmittel befestigt, und zwar so, daß zwischen der Glasdecke und der reflectirenden Grundfläche ein Raum von der Tiefe von mindestens 1/2 bis 1 1/2 Zoll frei bleiben muß.

Bei einfachen Hyalophanien wählt man den kleineren, bei zusammengesetzten den größeren Raum.

Die Reflexionsmittel, welcher man sich bedient, besonders bei Meubels, bestehen aus Plaqué oder aus dem wohlfeileren, stark polirten, mit ächtem Silber überzogenen Papier, welche man vor ihrer Anwendung gegen etwaige Einflüsse mit einem höchst dünnen Copalfirnisse überkleidet.

Beabsichtigt man nur gewöhnliche Erscheinungen, wie die des Achates oder überhaupt durchsichtiger oder durchscheinender Mineralien, und deren mitunter effectvolle Farben zu erzielen, so ist es nur nöthig, die genannten Reflexionsmittel möglichst plan oder in glatter Ebene auf der Bodenfläche anzubringen.

Insoferne aber die Erscheinungen der Perlmutter, krystallinische Structuren, parallaktische Wirkungen u. dgl. m hervortreten sollen, so ist erforderlich, daß eine Verknitterung oder zweckdienliche Verbiegung der Reflexionsmittel vorgenommen |398| wird, wobei man es natürlich in der Gewalt hat. eine Menge von Winkeln, schiefen Flächen und Curven hervorzubringen, wie auch von beliebiger Größe zu erzeugen. Bei der Anwendung hievon ergibt sich von selbst, daß das durchgehende Licht seinen Aufstellungspunkten entsprechend reflectirt, gleichzeitig aber an den doucirten Stellen seine Zerstreuung erleidet, und hiedurch die mannichfachste Achsendrehung, ähnlich der hierauf bezüglichen Körper, von höchster Wirkung hervortritt, so daß man versucht wird bei dieser Construction die auftretenden Erscheinungen als Folge einer Zusammenstellung der edelsten Mittel, deren sich die Mosaik und Ebenistique bedient, zu halten.

Bei feineren Producten bedient man sich noch, um die Farben- und Structurwirkungen zu erhöhen, der sogenannten gefärbten, als auch ungefärbten Metall-, Gelatine- und Collodium-Folien.

Auf eine horizontal liegende Glasplatte wird nämlich die gewöhnlich käufliche Collodiumlösung aufgetragen, welche man zuvor mit dem dreifachen ihres Gewichtes von absolutem Alkohol versetzt, und durch Zusatz einer kleinen Quantität Gummi-Traganth im Laufe einer Zeit von 8 Tagen von dem so nachtheiligen Wassergehalt möglichst befreit hat. Nachdem die aufgetragene Schichte getrocknet, erscheint dieselbe als eine vollkommen durchsichtige und zähe Membrane.

Bei den Eigenschaften dieses Körpers lassen sich daher durch die angedeuteten Verknitterungen die herrlichsten optischen Wirkungen auf leichte Weise darstellen.

Ist nun nach der angegebenen Weise eine Hyalophanie vollendet, so wird dann an den opaken, d.h. an den undurchsichtig gehaltenen Theilen des Decors eine hinlängliche Anzahl von Korkrinden-Stücken, welche mit vulcanisirtem Kautschuk überkleidet seyn können, unterhalb oder vielmehr zwischen der Glasdecke und der Bodenfläche stark anliegend befestigt, um einem etwa zufällig vorkommenden Druck von oben nach unten möglichst zu begegnen.

Hierauf werden die Glasstücke in ihren bestimmten Lagen befestigt und mit einer entsprechenden Garnitur aus Metall- oder Holzleisten umschlossen.

Bei kleineren Industrie-Erzeugnissen und Handels-Artikeln, insbesondere bei solchen, die in Taschen geführt werden, bedient man sich als durchsichtiger und durchscheinender Mittel des russischen Glimmers, mit starkem und geschliffenem Copallack überzogen, oder noch besser des Horns, Schildpatts und der bereits genannten Collodium-Membranen von größerer Stärke.

Die Mannichfaltigkeit der Durchführung der bezeichneten Methode für Industrie-Erzeugnisse ist nun lediglich Sache des hiemit speciell sich befassenden Producenten.

Es soll daher nur noch angedeutet werden, daß man durch tiefes Einschleifen der Zeichnungen auf den bereits bekannten Wegen diese Producte noch wesentlich an Schönheit und künstlerischem Werthe zu erhöhen vermag.

Tief geschliffene Gegenstände erscheinen nämlich höchst täuschend als Relief und treten so erhaben hervor, als wären sie mit unsäglicher Mühe hervorgebrachte Caméen, oder meisterhafte Schnitzwerke in Elfenbein, Bernstein, Perlmutter, Malachit etc.

Für die höhere Anwendung der Hyalophanie, im Gebiete der Architektur, insbesondere bei monumentalen Zwecken, müssen, um denselben möglichste Dauer zu verleihen, als Reflexionsmittel die bereits genannten Metall-Lüster auf Steingut. Glas, Porzellan benützt werden, deren Fabrication aber sich nur für den größeren Betrieb eignet, und die daher für minder große Anwendungen aus den hiefür geeigneten und bereits bestehenden größeren Etablissements bezogen werden können.

Die Decoration der Glasflächen selbst muß aber behufs höchster Dauer auf dem bekannten Wege der Glasmalerei dargestellt werden.

Für Zwecke des Theaters reichen transparent gemachte Gewebe und metallisirte Papiere vollkommen aus; nur für Anwendung in der Malerei, und zwar bei vorzüglicher Leistung in derselben, möchte das Plaqué zu bevorzugen seyn.

Ueberhaupt muß in der Durchführung artistischer Gebilde der Künstler sich befleißen, nur solche Darstellungen zu erzielen, wo es in der Natur der Sache liegt, daß nur die Erscheinungen und Beleuchtungs-Effecte des reflectirten Lichts gedacht werden können, und er nicht etwa in seiner Darstellung eine Lichtquelle anzubringen versucht wird, um directe Beleuchtung zu zeigen, indem hiedurch nur die größte Disharmonie in einer solchen Darstellung hervortreten würde, und das Product dem unnachsichtsvollsten Urtheile des Beschauers unterliegen müßte.

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Künstlerische Darstellungen überhaupt sollten gemäß des Princips nur auf jene Wirkungen, Farben-Contraste und effectvolle Beleuchtungs-Momente hingeleitet werden, welche mit allen technischen Hülfsmitteln bisher noch nicht erreicht werden konnten.

Als Vorstudien für solche Arbeiten und für Anbahnung eines sichern Weges behufs höherer Kunstleistungen dürfte daher die Durchführung sogenannter Perlmutter-Malereien mit Zuziehung der vorstehenden Manipulationen zu empfehlen seyn, worüber die bisherigen Versuche und Resultate bereits die unwiderlegbarsten Beweise ergeben.

Bedingt nothwendig ist es jedoch, sich hiebei möglichst an die Größe und Gestalt der natürlichen Conchylien zu halten, indem – darüber hinausgegangen – auch die Möglichkeit der Annahme, daß es Perlmutter sey, von selbst zu nichte wird, und bei entgegengesetzter Durchführung eine hauptsächlichste Erscheinung verloren gehen müßte.

IV. Herstellungskosten und Absatz-Verhältnisse.

Da es bei industriellen Productionen sowohl auf die Größe der Mittel für den Betrieb, als auch auf die wesentliche Förderung der Absatz-Verhältnisse dabei ankommt, so mag in Bezug der Herstellungskosten hier nur mitgetheilt werden, daß selbst die einfachsten der Ebenistique und Mosaik von der Hyalophanie übertroffen und die voraussichtlichen Absatz-Verhältnisse als sehr günstig bezeichnet werden können, wenn man nach vorliegenden Verfahrungsweisen erwägt, welche vorzügliche Wirkung der Producte erreicht wird, und was für eine unendliche Mannichfaltigkeit und Zweckanpassung der neue Zweig in der Technik darbietet.

Gleichzeitig läßt derselbe auch eine enorme Ausdehnung in den Geschmacksrichtungen, überhaupt in dem industriellen Typus aller Nationen zu, was ebenfalls aus den bis jetzt gewonnenen Resultaten hervorgeht.

V. Erscheinungen und Erfolg.

Die Summe der prachtvollen Erscheinungen und deren Wirkung, welche aus den bereits vollendeten Hyalophanien hervortreten, erinnert im Wesentlichen an die höchst prachtvolle, aber auch höchst kostspielige großherzoglich toscanische Mosaik-Fabrication in Florenz, bei welcher die edelsten Mittel aus dem Mineralreiche zur Herstellung benützt werden.

Mit unsäglicher Mühe werden nämlich dort die edelsten und härtesten Mineralien auf mechanischem Wege in dünne Scheiben getheilt und nach ihrer Farbenzusammenstellung in Marmor, Porphyr etc. nach einer bestimmten Zeichnung eingelegt, geschliffen und polirt.

Die Hyalophanie ist nun in der That in Folge technischer Untersuchungen, welche der Erfinder früher im Allerhöchsten Auftrage Seiner Majestät des Königs von Bayern an Ort und Stelle vornahm, zur Zeit zur höchsten Reife gediehen und dürfte nun durch Mitwirkung technischer Anstalten ihre Belebung erlangen, und der vorliegende Keim für die Hebung mannichfaltiger Productionen des Erwerbs und Verkehrs im Laufe seiner Entwickelung die ersprießlichsten Früchte tragen. (Gewerbeblatt für den Schwarzwald.)

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