Titel: Ueber Mineralöl, Hydrocarbür, Photogene und Paraffin; von Hrn. H. Angerstein.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1855, Band 137/Miszelle 10 (S. 465–466)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj137/mi137mi06_10

Ueber Mineralöl, Hydrocarbür, Photogene und Paraffin; von Hrn. H. Angerstein.

Die in neuerer Zeit zuerst in England und später auch bei uns als Beleuchtungsmaterial angewendeten Destillationsproducte der Steinkohlen, Braunkohlen und des Torfes verdienen unstreitig die größte Beachtung, da nicht nur damit ein sehr schönes und wohlfeiles Licht erzeugt werden kann, sondern auch das auf diese Weise verwerthete Rohmaterial gewöhnlich zu andern Zwecken wenig tauglich, ja häufig ganz werthlos ist. Deutschland ist reich an solchen Braunkohlen, welche als Heizmaterial kaum verwendbar, dagegen zur Darstellung der fraglichen Beleuchtungsstoffe sehr geeignet sind. Ebenso befinden sich im norddeutschen Flachlande große Strecken Torfmoore, welche in Folge ihrer isolirten Lage bisher völlig unbenutzt blieben, aber an Ort und Stelle errichteten Fabriken das wohlfeilste Material in unerschöpflicher Menge darbieten würden. Bis jetzt bestehen in Deutschland drei Etablissements, welche jene Beleuchtungsstoffe im Großen darstellen: die Fabrik der neuen Beleuchtungsgesellschaft zu Hamburg, die Fabrik von A. Wiesmann u. Comp. bei Bonn, und die von Denis u. Höch bei Ludwigshafen.

Die Hamburger Fabrik gewinnt aus einer schottischen Kännelkohle durch mehrmalige Destillation und Behandlung des Destillats mit Schwefelsäure das sogenannte Hydrocarbür, eine dem gewöhnlichen Steinöl sehr ähnliche Flüssigkeit |466| von 0,785 spec. Gewicht, welche den solchen Destillationsproducten eigenthümlichen unangenehmen Geruch nur in geringerem Grade besitzt, und namentlich frei von Schwefel ist, wodurch sie sich von allen ähnlichen Fabricaten sehr vortheilhaft unterscheidet und ihre Benutzung auch in geschlossenen Räumen möglich ist. Das damit erzeugte Licht ist sehr weiß und dem gewöhnlichen Gaslicht ähnlich, dabei die Leuchtkraft von solcher Stärke, daß eine mit Hydrocarbür gespeiste Lampe vier gleiche Oellampen ersetzt. Bei einem Dochtdurchmesser von 9 Linien verbrauchte eine Lampe in der Stunde für 1,86 Pfennig Hydrocarbür, während eine gleichgroße Oellampe für 2,77 Pfennig Rüböl consumirte. Man benutzt das Hydrocarbür in Norddeutschland häufig zur Straßenbeleuchtung, auch werden damit sämmtliche im Freien brennende Lampen der hannover'schen Eisenbahnen unterhalten, wozu es sich, abgesehen von anderen Vorzügen, schon deßhalb ganz besonders eignet, weil es in der Kälte stets flüssig bleibt und nicht wie das Oel gefriert. Die gewonnenen Kohks benutzt die Hamburger Fabrik, mit Steinkohlen und einer gewissen Portion Theerrückstand vermischt, als Heizmaterial, während ein anderer Theil dieses Rückstandes der zweiten Destillation zur Fabrication der sogenannten künstlichen Kohlen (Patentkohlen, charbons de Paris) verwendet wird. Paraffin gewinnt man in Hamburg nicht.

Die Fabrik in Bonn98) verarbeitet eine dort vorkommende Braunkohle, die Blatt- oder Papierkohle. Diese wird in eisernen Retorten ähnlich denjenigen, welche man in Gasanstalten benutzt, bei schwacher Rothglühhitze der Destillation unterworfen; eine stärkere Hitze würde die Ausbeute an flüssigen Producten verringern, hingegen die der gasförmigen vermehren, welche letztere hier aber nicht in Betracht kommen. Man erhält als Destillationsproducte ammoniakalisches Wasser und einen schwärzlichen Theer; dieser gibt bei wiederholter Destillation 90 Proc. flüchtige Oele, von denen 50 Proc. so specifisch leicht und dünnflüssig sind, daß sie zum Brennen in Lampen sich eignen, zu welchem Zwecke sie durch Behandlung mit Schwefelsäure und Aetzkali gereinigt und unter dem Namen Mineralöl oder Photogene in den Handel gebracht werden. Dieses Mineralöl ist eine klare gelbe Flüssigkeit von 0,820 spec. Gewicht, besitzt den charakteristischen Geruch solcher Destillate in hohem Grade und enthält ziemlich viel Schwefelkohlenstoff, eine Verunreinigung, welche die Benutzung des Oels in geschlossenen Räumen nicht gestattet, da die bei der Verbrennung entstehende schweflige Säure zu sehr belästigen würde. Das am wenigsten flüchtige und daher bei der Destillation zuletzt übergehende Oel enthält hauptsächlich Paraffin, welches man durch Abkühlen sich daraus ausscheiden läßt und dann vermittelst einer Centrifugalmaschine vom Oele vollständig absondert. Das so erhaltene Paraffin wird darauf geschmolzen, in Blechformen gegossen, und die erhaltenen Tafeln werden mittelst einer hydraulischen Presse erst kalt, dann warm gepreßt, darauf mit 50 Procent concentrirter Schwefelsäure behandelt, wodurch die färbenden Bestandtheile zerstört werden, und endlich mit Aetzkalilauge digerirt und gewaschen. Das so erhaltene Paraffin ist weiß, krystallinisch, fettglänzend, geschmack- und geruchlos und eignet sich in diesem Zustande besonders zur Kerzenfabrication. Wegen seiner Fähigkeit, den Säuren und Alkalien zu widerstehen, ist es auch ein gutes Material zum Verschluß solcher Gefäße die derartige Flüssigkeiten enthalten. Auch läßt es sich bei galvanoplastischen Arbeiten zum Ueberziehen solcher Theile, auf welche sich kein Metall niederschlagen soll, sehr gut benutzen. Der bei der ersten Destillation gewonnene kohlige Rückstand wird mit dem gleichzeitig erhaltenen ammoniakalischen Wasser vermischt und bildet dann einen guten Dünger. Der Theerrückstand der zweiten Destillation dient ähnlich wie Asphalt zur Lackbereitung.

In der Fabrik von Denis u. Höch zu Ludwigshafen bilden Braunkohlen und Torf das Rohmaterial, letzterer wird durch Pressen auf ein geringes Volumen gebracht, auf die vorhin erwähnte Weise der Destillation unterworfen, wobei er ähnliche Producte wie die Kohlen liefert. Der Torftheer kann zu gleichen Zwecken wie der Birkentheer benutzt werden. Torf-Kohks sind ein gutes Heizmaterial, Torfasche gibt ein gutes Düngemittel ab. Das aus dem Torfe erhaltene Paraffin ist von gleicher Beschaffenheit, wie das aus den Kohlen gewonnene, 1 Centner guten Torfs liefert davon gegen 10 Loth. (Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereins, 1855, Heft 5.)

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Man vergl. über dieselbe polytechn. Journal Bd. CXXIX S. 157 und Bd. CXXXV S. 138.

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