Titel: Verfahren zur Darstellung der Ameisensäure; von Hrn. Berthelot.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 140/Miszelle 8 (S. 78)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj140/mi140mi01_8

Verfahren zur Darstellung der Ameisensäure; von Hrn. Berthelot.

Die Oxalsäure zersetzt sich bekanntlich beim Erhitzen in Kohlensäure, Wasser und Kohlenoxyd (CH²O = C²O⁴ + C²O² + H²O²). Da im Augenblicke dieser Zersetzung das Wasser und Kohlenoxyd im status nascens mit einander in Berührung sind, so genügt die Dazwischenkunft des Glycerins, um diese beiden Körper zu verbinden und unmittelbar die Ameisensäure (C²H²O⁴ zu erhalten. Man verfährt folgendermaßen:

In eine Retorte von 2 Liter Inhalt gibt man 1 Kilogr. käufliche Oxalsäure, 1 Kilogr. syrupartiges Glycerin und 100 bis 200 Gramme Wasser: nachdem man die Retorte mit einer Vorlage verbunden hat, erhitzt man sie sehr gelinde, die Temperatur darf nämlich 100° C. nur wenig überschreiten. Es tritt bald ein lebhaftes Aufbrausen ein, indem sich reine Kohlensäure entwickelt. Nach Verlauf von 12 bis 15 Stunden ist alle Oxalsäure zersetzt, die Hälfte ihres Kohlenstoffs und ihres Sauerstoffs haben sich als kohlensaures Gas entbunden; eine kleine Menge mit Ameisensäure geschwängerten Wassers ist überdestillirt und in der Retorte bleibt das Glycerin, in welchem fast alle Ameisensäure aufgelöst ist.

Um die Ameisensäure von dem Glycerin abzusondern, gießt man in die Retorte einen halben Liter Wasser und destillirt; man ergänzt das Wasser in dem Maaße als es überdestillirt, und setzt die Operation fort, bis man 6 bis 7 Liter destillirte Flüssigkeit gesammelt hat. Alsdann ist fast alle Ameisensäure mit dem Wasser verflüchtigt, und das Glycerin bleibt allein in der Retorte. Man kann es anwenden um ein zweites Kilogramm Oxalsäure zu zersetzen, dann ein drittes etc.

Drei Kilogr. käufliche Oxalsäure lieferten nach diesem Verfahren 1 Kilogr. und 50 Gramme Ameisensäure. Nach der Theorie hätte man 1 Kilogr. und 90 Grm. erhalten müssen; der Unterschied zwischen dem erhaltenen und dem berechneten Resultat ist daher so gering als möglich, und erklärt sich überdieß durch die in der käuflichen Oxalsäure enthaltenen Unreinigkeiten (100 Theile der angewandten Säure hinterließen 2,7 Theile fixen Rückstand).

Mittelst des beschriebenen Verfahrens lassen sich ohne Schwierigkeit beliebige Quantitäten von Ameisensäure darstellen und dasselbe erfordert fast keine Ueberwachung. Wesentlich ist es, daß man die Zersetzung der Oxalsäure nicht übertreibt, denn wenn die Temperatur übermäßig gesteigert würde, so könnte sich die bereits gebildete Ameisensäure wieder in Kohlenoxyd und Wasser zersetzen. – Die so bereitete Ameisensäure ist sehr rein und ganz frei von Oxalsäure; mit kohlensaurem Kalk, Baryt oder Bleioxyd gesättigt, liefert sie schon bei der ersten Krystallisation reine ameisensaure Salze dieser Basen. (Comptes rendus, März 1856, Nr. 9.)

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