Titel: Ueber Seifenpreise.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 140/Miszelle 10 (S. 238–239)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj140/mi140mi03_10

Ueber Seifenpreise.

Gegenwärtig, wo eine allgemeine Theuerung aller Lebensbedürfnisse herrscht, muß es befremden, daß gerade ein in sehr bedeutenden Quantitäten consumirter Artikel, die Seife, an derselben nicht Theil nimmt. Und doch ist das Material zu ihrer Bereitung in den letzten Jahren wesentlich theurer geworden; Talg, aus welchem die gesuchtesten Seifen dargestellt werden, ist von 15 auf 20 Thlr. gestiegen, Palmöl, seit dem Kriege mit Rußland immer mehr als Ersatzmittel des Talges in Aufnahme, von 11 auf 16 Thlr.; Potasche, zur Schießpulverbereitung ungewöhnlich in Anspruch genommen, sogar von 6 1/2 auf 12 1/2 Thlr.

Man könnte fragen, war etwa in früheren Jahren der Nutzen der Fabrikanten an ihrer Seife so bedeutend, daß der Preis des Rohmaterials noch beträchtlich erhöht werden konnte, ohne daß sie sich dadurch beeinträchtigt fanden? oder hielten dieselben das Steigen der Fettpreise nur für vorübergehend und änderten aus diesem Grunde ihre Seifenpreise nicht ab? Die Antwort ist aber vielmehr in andern Verhältnissen zu suchen und ergibt sich einfach aus der Vergleichung der heutigen mit den früheren Seifen. Eine Kernseife, wie sie gegenwärtig jede Materialhandlung führt, unterscheidet sich äußerlich von der ehemaligen nicht, demungeachtet ist sie eine durchaus verschiedene Waare, welcher der Name Kernseife nicht einmal zukommt; denn dieser Ausdruck bedeutet, daß die Seife nach Scheidung aus ihrer Lösung durch Kochsalz „zum Kern“ gesotten wurde. Aber bei den heutigen sogenannten Kernseifen ist keine solche Scheidung bewirkt, der Käufer bekommt die ganze Unterlauge als Zugabe. Da diese aber zumeist aus Wasser besteht, so ist mithin Wasser derjenige Körper, dessen sich der Seifensieder bedient, um sich dadurch für den hohen Preis seines Rohmaterials zu entschädigen. Diese Art Seife, nach dem Ort ihrer ersten Erscheinung von den Seifensieder „eschweger“ genannt, hat, wie gesagt, das Ansehen und die herkömmliche Marmorirung der Kernseifen, erscheint in ihrem frischen, wasserreichen Zustande vollkommen trocken und hart, und hat durch die geringere Quantität der verwendeten Fette einen im Vergleich mit den wirklichen Kernseifen niedrigen Werth, Umstände, welche ihr Eingang verschafften und bewirkten daß man sie der ächten substituirte. Als Anhaltspunkt darf man annehmen, daß bei vollkommen guter Beschaffenheit beider die letztere ungefähr um die Hälfte theuerer seyn muß, daß, wenn man 8 Pfund sogenannter Kernseife für einen Thaler erhält, man von der wirklichen für dasselbe Geld nur 5 1/2 Pfund erwarten kann; oder daß 8 Pfund von jener nicht mehr leisten, als 5 1/2 Pfund |239| von dieser, doch wie gesagt, unter Voraussetzung, daß beide von untadelhafter Beschaffenheit sind.

Eine zweite allgemein im Handel vorkommende Seifenart ist die seit langer Zeit bekannte pomeranzengelbe, nach Terpenthin riechende „englische“ Seife. Sie entsteht durch Vermischung von wirklicher Kernseife mit der seifenartig wirkenden Verbindung von Natron und Harz; 7 1/3 Pfd. für 1 Thlr. ist bei richtiger Beschaffenheit und wachsartiger Consistenz gegenwärtig der angemessene Preis.

Endlich ist noch eine Classe von Seifen zu betrachten, welche man die „chemischen“ nennt, weil sich ihre Darstellung auf die Handhabung der Aequivalente der Chemiker stützt. Zu diesen gehören sowohl die am nachlässigsten gearbeiteten und deßwegen verwerflichsten Seifen, von denen man 12 Pfund für 1 Thlr erhält, als auch die feinsten und kostbarsten, welchen aus diesem Grunde zum Toilettengebrauch die lieblichsten Wohlgerüche beigemischt werden. Es gehören auch die unter dem Namen von „Wachsseifen“ bekannten zwei Präparate hierher, welche mit einem gefälligen Aeußern sehr gute Eigenschaften verbinden; für die in der Lindener Fabrik dargestellten sind für den Thaler 6 Pfund von der einen und 6 3/4 Pfund von der andern Sorte die ihnen richtig zukommenden Preise.

Es geht aus dieser Zusammenstellung deutlich hervor, daß beim Kaufe von Seife gerade wie bei dem von jeder anderen Waare die Qualität ins Auge gefaßt werden will, indem es klar ist, daß sogenannte Kernseife bei einem Preise von 6 Pfund für den Thaler theurer ist als wirkliche Kernseife bei 5 1/2 Pfund für den Thaler; oder daß man 7 Pfund englische Seife mit 1 Thlr. theurer bezahlt als 6 3/4 Pfd. der zweiten Sorte von Lindener Seife.

Die Seife gehört bis jetzt nicht zu denjenigen Waaren, welche nach Gehaltsprocenten verkauft werden, wie dieß mit Soda, Sprit oder Indig der Fall ist, doch läßt sich voraussehen, daß es sich in nicht sehr entlegener Zeit zwischen Käufer und Verkäufer ebenfalls nur um den wirklichen Seifengehalt in Procenten ausgedrückt handelt, wenn nämlich die Abneigung vor dem Gebrauch von Waage und Thermometer und vor der Ausführung einiger geringfügiger Operationen durch die zunehmende Erschwerung der Existenz überwunden seyn wird. (Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereins. 1856, S. 51.)

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