Titel: Der Zuckerrübenbau auf Kämmen in Lens bei Lille.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 140/Miszelle 7 (S. 317–318)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj140/mi140mi04_7

Der Zuckerrübenbau auf Kämmen in Lens bei Lille.

Eine der berühmtesten Wirthschaften Frankreichs ist gegenwärtig die Decrombecque'sche in Lens. Dieselbe wurde in neuerer Zeit von ausgezeichneten Landwirthen besucht und beschrieben, namentlich hat Hr. v. Gasparin vor einigen Monaten die von Decrombecque eingeführte und in großem Maaßstab betriebene Mastmethode des Rindviehs und der Schafe als Muster aufgestellt. Die Abhandlung über diesen Gegenstand hat große Sensation erregt und die Runde in allen wissenschaftlichen Blättern gemacht. Außerdem bietet in Lens die Anwendung der neuesten vollkommensten Ackerwerkzeuge Englands, die in großer Anzahl vorhandenen Thiere der edelsten Racen, die eigenthümlichen Stalleinrichtungen, die großartige Zuckerfabrik und Rübenbrennerei u.s.w. besonderes Interesse.

Hr. v. Decrombecque bebaut jährlich 350 bis 400 Morgen mit Zuckerrüben und erntet gewöhnlich 320 bis 340 Zollcentner per Morgen (württemb. Maaß), es dürfte daher seiner Culturmethode ziemliches Vertrauen geschenkt werden, was auch von Seiten seiner Landsleute und seiner Nachbarn, der Belgier, geschieht.

Kürzlich veröffentlichte derselbe seine Erfahrungen im Gebiete des Zuckerrübenbaues in dem Journal des belgischen landwirthschaftlichen Centralvereins, und ich denke es dürfte eine Uebersetzung dieses Artikels manchen Landwirth interessiren.

„Ich baue,“ sagt Hr. v. Decrombecque, „die Zuckerrüben auf folgende Weise:

Nachdem der Boden kurz vor der Saat zubereitet wurde, um das Austrocknen zu verhüten, werden sogleich Kämme mit dem Häufelpflug gezogen, welche 21'' (württemb. Maaß) von einander zu liegen kommen. Hierauf folgt eine steinerne oder hölzerne Walze (je nach dem Feuchtigkeits- und Lockerungsgrade des Bodens), welche gerade so lang ist, daß drei Kämme auf einmal gewalzt werden.

Die Samenkörner werden stellenweise auf die abgeplatteten Kämme eingelegt. Zu diesem Behufe zieht ein Arbeiter einen zweirädrigen Karren über die Kämme. Auf beiden Rädern desselben sind Zapfen in einer Entfernung von 8 1/2'' von einander angebracht, wodurch die Stellen markirt werden, in welche ich die Körner mit der Hand einlegen lasse. Das Bedecken derselben geschieht ebenfalls mit der Hand. (Man würde diese Operation schneller und billiger vermittelst der Maschine des Hrn. H. Ledocte oder des Hrn. v. Chestret, welche beide auf der Pariser Ausstellung figurirten, bewerkstelligen, besonders wenn noch Guano oder Knochenmehl mit dem Samen ausgestreut werden soll.)

Die auf diese Weise gesäeten Rüben befinden sich gleich auf dem ihnen angewiesenen Platz, widerstehen besser dem zerstörenden Angriff der Insecten, überdieß hat man die Wahl beim Auslichten, und kann also immer nur die schönste Pflanze stehen lassen. Sobald der Same aufgegangen und die jungen Pflänzchen soweit gediehen sind, daß sich die Reihen bemerklich machen, wird ein Wühlpflug (Untergrundpflug) zwischen den Kämmen durchgezogen, und zwar das erstemal sehr seicht, damit die Rüben nicht mit Erde bedeckt werden. Durch diese Operation werden die Keime der Unkräuter zerstört und die Insecten verjagt. Der befruchtende Einfluß des Lichtes |318| und der Wärme, welcher durch diese Lockerung veranlaßt wird, erstreckt sich auf die jungen Pflanzen und bewirkt große Fortschritte im Wachsthum derselben.

Einige Zeit nachher werden die Reihen durch Taglöhner mit der Handhaue gehackt, worauf später das Auslichten vorgenommen wird, was mit Leichtigkeit geschieht, indem die schönste Pflanze mit der einen Hand beschützt, und alle andern mit der andern Hand ausgezogen werden.

Nach dem Auslichten wird noch mehrmals der Untergrundpflug zur Lockerung und Reinigung des Raums zwischen den Linien und die Handhacke zur Nachhülfe in den Linien angewendet, bis die Pflanzen so weit erstarkt sind, daß sie den Boden beschatten. Der Untergrundpflug muß immer tiefer gerichtet werden, je mehr die Pflanzen erstarken. Den Schluß der Arbeiten während der Vegetationsperiode bildet das Behäufeln, welches mit dem Häufelpflug verrichtet werden kann, indem durch die Anwendung des Wühlpfluges die Kämme verschwinden, die Oberfläche des Feldes also wieder eben geworden ist.

Durch dieses System bietet man der Rübe alle Mittel die höchste Entwicklung, deren sie fähig ist, zu erreichen und zugleich ihren Zuckerreichthum zu vermehren.

1) Durch die Anfertigung von Kämmen vermehrt man die Tiefe der Ackerkrume an derjenigen Stelle, auf welcher die Pflanze wächst. Dieser Punkt ist hauptsächlich da von Wichtigkeit, wo die Krume seicht oder naß ist.

2) Der außerhalb der Erde wachsende Theil der Pflanze befindet sich auf einer Höhe und hat auf beiden Seiten Vertiefungen, welche eine fortwährende Erneuerung der Luft bewirken. Es folgt hieraus, daß die Pflanze besser den wohlthätigen Einfluß des Lichts und der befruchtenden Gasarten, welche in der Atmosphäre sich befinden, sich zu Nutzen machen kann.

3) Diese Methode ist mehr, als jede andere, für alle Arten von Bodenverhältnissen geeignet. In steinigem Boden z.B. ist die Anwendung der Säemaschine und der Pferdehacke häufig sehr schwierig. In feuchtem Boden kann sich die Rübe des überflüssigen Wassers schneller durch die nebenliegenden Furchen und durch die größere Oberfläche, welche dem abtrocknenden Einfluß der Sonne und des Windes ausgesetzt ist, entledigen.

4) Durch dieses System wird die reine Brache nachgeahmt, indem Reinigung, Lockerung, Zerkrümelung des Bodens dadurch erzielt wird, daß eine größere Oberfläche des Bodens den atmosphärischen Einflüssen ausgesetzt wird.

5) Das Ausziehen der Wurzeln ist leichter.

6) Die Bearbeitung während der Vegetation ist weniger kostspielig und kann namentlich leichter bei feuchtem Wetter ausgeführt werden.“

Soweit der Artikel des Hrn. v. Decrombecque. Bei Aufzählung der verschiedenen wesentlichen Vortheile, welche der Bau der Rüben auf Kämmen bietet, hat er einen für viele Landwirthe wichtigen Punkt vergessen, nämlich die Ersparniß von Dung. Hr. v. Decrombecque weiß freilich nichts von Dungmangel. Meine eigenen Erfahrungen stimmen mit denen vieler Landwirthe, welche den Rübenbau im Großen treiben, darin überein, daß das stellenweise Einlegen des Samens große Vortheile im Vergleich mit der Reihensaat hat, und ich habe deßwegen auch, wie manche andere, eine ganze Sammlung der neuesten Säemaschinen unter dem Schuppen stehen lassen und den Rübensamen mit der Hand eingelegt, bis endlich die Pflanzmaschine des Hrn. H. Ledocte bekannt wurde. Was das Anlegen der Kämme betrifft, so mußte diese Methode trotz ihrer Vorzüge in Abnahme kommen, weil das für den Zuckerreichthum nöthige Häufeln nicht ausgeführt werden konnte. Durch die Anwendung des Wühlpfluges ist nun aber dieses Hinderniß beseitigt, und es wird daher das Decrombecque'sche System jedem praktischen Landwirth einleuchten.

Heilbronn.

F. Bertrand.

(Württemberg. Wochenblatt für Landwirthschaft, 1856, Nr. 18.)

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