Titel: Der diätetisch-medicinische Werth der Weine.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 140/Miszelle 9 (S. 399–400)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj140/mi140mi05_9
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Der diätetisch-medicinische Werth der Weine.

Man hat seit einiger Zeit die Bedeutung der Phosphorsäure für den Stoffwechsel im Körper kennen gelernt, und weiß nun, wie wichtig insbesondere der phosphorsaure Kalk für die Knochen, so wie für die ganze Zellenbildung im Organismus ist. Deßhalb hat man auch in neuerer Zeit vielfach darnach gefragt, ob die Nahrung, welche unter gewissen Verhältnissen sich darbietet, dem Körper die hinreichende Phosphorzufuhr gewährt, und ebenso suchte man zu erforschen, in welchen Nahrungsmitteln vorzugsweise die nützlichen Phosphorverbindungen vertreten sind. Da nun der ächte Malagawein, welcher bekanntlich den Reconvalescenten ein so bedeutendes Stärkungsmittel ist, sich durch einen hohen Phosphorsäuregehalt auszeichnet, so liegt es nahe, in letzterem das hervorragendste Moment für seine eigenthümlich kräftigende Wirkung zu finden. Diesen Gedanken verfolgend, prüfte v. Kletzinsky in Wien die verschiedenen Weinsorten auf ihren Gehalt nicht bloß an freier Säure, Extract und Alkohol, sondern speciell an Phosphorsäure. Es ergab sich 1) daß phosphorsaure Magnesia ein regelmäßiger Bestandtheil des Weines sey, unabhängig vom Standort, Güte, Jahrgang und Alter; 2) daß die Menge des vorgefundenen Phosphorsäuresalzes aber bedeutende Schwankungen zeige, welche 3) in unmittelbarer Beziehung zum Weine stehen, so daß die Bestimmung des Gehaltes an diesem Salze vielleicht ein richtigeres Maaß der Weingüte abgibt, als die des Gehalts an Extract und Alkohol.

Bisher hat man Weine mit hohem Extractgehalt „schwere“ Weine genannt. Weine mit hohem Alkoholgehalt wurden „starke“ Weine genannt; Weine mit wenig Extract hießen „leichte“; solche mit wenig Alkohol „schwache“ Weine. Ein schwerer und schwacher Wein hieß fett, voll; ein leichter und schwacher hieß mager oder leer, schaal Außerdem berücksichtigte man noch den Gehalt des Weins an freier Säure: den sauren, herben und milden Wein. Alle diesen besonderen Weinarten hatten ihren besonderen Nutzen. Nunmehr tritt aber zu jenen drei Momenten das vierte hinzu: der Phosphorsäuregehalt. Der an diesem reiche Wein sagt vor allem solchen Reconvalescenten zu, welche von jenen vielnamigen chronischen Krankheiten erstanden oder noch an denselben leiden, welche auf einer steten Verarmung des Körpers an Phosphorsäure beruhen, mögen sie sich im Knochensysteme oder im Drüsensysteme, oder endlich im Nervensysteme kundgeben. Die von Kletzinsky beigebrachte Tabelle über den Gehalt der verschiedenen Weinsorten an Extract, Alkohol und Phosphorsäure gibt Aufschluß über die interessanten Beziehungen zwischen Weingüte und ihren einzelnen drei Factoren. Besonders hervorzuheben ist, daß die ungarischen Weine durch ihren hohen Phosphorgehalt sich auszeichnen und daher in gleicher Weise wie der bisher ziemlich allein geschätzte Malagawein für Reconvalescenten zu verwerthen sind. (Wiener medicin. Wochenschrift, 1855.)

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