Titel: Ueber den Cement von Vassy; von Hrn. Architekt Chailly.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 141/Miszelle 7 (S. 75–77)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj141/mi141mi01_7

Ueber den Cement von Vassy; von Hrn. Architekt Chailly.

Wenn man die mit Cementen angestellten Versuche in der Pariser Industrie-Ausstellung gesehen hat, wenn man die in Paris und anderwärts mit Cement ausgeführten Bauwerke betrachtet, so kann man das, was Cementfabricant Gariel in der Vorrede zu seinem Album sagt, nicht mehr bezweifeln, nämlich daß der Cement (von Vassy) durch seine außerordentliche Cohäsionskraft eine neue Constructionsweise geschaffen hat, welche mit großer Solidität eine ungemeine Kühnheit, Leichtigkeit und Wohlfeilheit verbindet. Man kann sicher behaupten, daß alle großen Mauerwerksconstructionen, wobei kein Cement angewendet ist, nicht mehr zeitgemäß sind.

Der erwähnte Hr. Gariel ist Eigenthümer der Cementfabrik in Vassy, welche gegenwärtig die gesuchtesten Fabricate in Frankreich liefert.

Unter den mit Cement von Vassy ausgeführten Bauwerken wähle ich einige zur näheren Beschreibung aus.

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  • a) Brückenbogen für schweres Fuhrwerk hergestellt aus kleinen unbehauenen Bruchsteinen und Mörtel aus Cement.
    Spannweite. Pfeilhöhe. Dicke im
    Scheitel.
    Dicke der
    Widerlager.
    Name der Brücke.
    108' 10' 8'' 4' 2'' 10' 0''14)Pont aux doubles, Paris.
    119' 27' 4' 0'' 4 5''Pont de Villeneuve sur Yonne.
  • b) ditto aus Backsteinen und Cementmörtel
    21' 1' 7' 0' 9'' 0' 9'' Am Canal von Berry,
  • c) eine Menge alter baufälliger Brücken und Wasserbauten sind damit restaurirt worden.
  • d) Um die Anwendbarkeit des Cement-Mauerwerks zu Hochbauten kennen zu lernen, wurden folgende Versuche gemacht:

Ein Gewölbe von 31' Spannweite, 6' 5'' Pfeilhöhe aus 2 Lagen flacher Backsteine von zusammen 4'' 2''' Dicke wurde 8' hoch mit Sand und Steinen belastet, ohne zu brechen. Dieses Gewölbe war im November 1853 gebaut und während 7 Monaten der Winterwitterung frei ausgesetzt gewesen. – Der Quadratzoll Cementmörtel zerbrach unter einer Last von ungefähr 3000 Pfd. bei mehreren Versuchen, welche mit Mörtelwürfeln angestellt wurden, die drei Jahre lang der Witterung ausgesetzt waren u.s.f.

  • e) Gewölbe, welche als Decken in Häusern dienen.

In einer Fabrik rue Lascares No. 3 zu Paris ist das untere Stockwerk von 12' 2'' und das darüber stehende von 16' 4'' Höhe aus Pfeilern und Kreuzgewölben gebildet in Backstein und Cementmörtel. Die Pfeiler sind 1' 2'' allweg stark, ihre lichte Entfernung 11,0', die Gewölbstärke 0' 4'', Pfeilhöhe der Gewölbe 1' 1''. Der mit Cement ausgeglichene Rücken der Gewölbe bildet unmittelbar den Fabrikfußboden.

Ein Keller in Nantes von 42' Länge und 28' Breite wurde mit einem flachen Gewölb von 2' 5'' Pfeilhöhe und 4'' Dicke überdeckt. In der Mitte trägt dieses Gewölb einen großen Kochherd von 20' Länge und 8' Breite.

Die Kirche in Baguères de Luchon ist mit einem Gewölbe von 45' Spannweite, 22' Pfeilhöhe und 5'' Dicke in hohlen Backsteinen überdeckt.

Die Kirche in St. Germain du Puits ist mit Kreuzgewölben in Backstein und Cement von 3'' 2''' Dicke überdeckt. Die Widerlagermauern sind aus ordinärem Gemäuer 14' hoch bis zum Gewölbanfang und 2' 4'' dick; unter jeder Querrippe haben sie einen Vorsprung von 1' breit und 1' dick; die Weite der Gewölbe ist 17'.

Die vier Stockwerke des Departemental-Archivs in Litte sind mit flachen Kreuzgewölben von 4'' Dicke überwölbt, deren mit Steinstückchen und Cement ausgeglichener Rücken zugleich den Fußboden bildet. Die Umfassungsmauern verjüngen sich von einer Dicke von 2' 5'' im untern Stock bis zu einer Dicke von 2' im vierten Stock. Die Weite der Zimmer ist 17' und die Sprengung der Gewölbe 6''.

In der Cementfabrik von Vassy selbst ist ein Raum von 162' Länge und 58' Breite mit einem Gewölbe von drei Reihen flacher Backsteine mit zusammen einer Dicke von 4'' 3''' überdeckt, die Pfeilhöhe ist 19'. Da man glaubte, dieses Gewölbe nicht der Witterung aussetzen zu dürfen, so überdeckte man es mit einem zweiten leichten Gewölbe von 2'' Dicke in Dachform, welches durch 2'' dicke Wände getragen wird, die auf dem untern Gewölbe aufstehen. Vier Winter zeigten übrigens, indem sie am oberen Gewölbe gar keinen Schaden verursachten, daß dieses selbst unnöthig war Die Eigenthümer dieses Etablissements haben jetzt dieses leichte Dach mit Erde beschüttet und einen hängenden Garten darauf angelegt.

  • f) Bassins für Wasser und andere Flüssigkeiten.

Als Probe wurde ein Gefäß von Cement von 7' Länge und 7' Höhe, dessen Wände 4'' 5''' stark waren, und dessen oberer Rand durch Spreizen gegen das Nachgeben |77| gesichert war, mit Wasser gefüllt; es zerbrach gerade, als das Wasser den obern Rand erreichte.

Wassergefäße, deren Wände 7'' 8''' dick in Backsteinen und Cementmörtel ausgeführt sind und innen einen Cementüberzug von 8–9''' Dicke haben, ruhen auf Gewölben von 5'' Dicke aus drei Reihen flacher Backsteine.

Bei einem andern Wasserbassin, welches für die Chlorfabrication dient, bestehen die Wände aus drei Reihen aufrechter in Cement gemauerter Backsteine und einem inneren Cementüberzug von zusammen 7'' Dicke; das Ganze steht auf einem sehr leichten Gewölbe ebenfalls von Backsteinen und Cementmörtel.

Der Cement von Vassy kommt von einem thonhaltigen Kalkstein von grauer Farbe her, welchen man unmittelbar über dem Lias findet, und dessen chemische Zusammensetzung folgende ist:

kohlensaurer Kalk 63,8
Magnesia 1,5
Eisenoxyd 11,6
Kieselerde 14,0
Thonerde 5,7
Wasser und organische Stoffe 3,4
–––––
100,0

In gewöhnlichen Kalköfen gebrannt, verliert der Stein ungefähr 40 Proc. an Gewicht; seine Farbe wird gelbgrün und seine Zusammensetzung ist:

Kalk 56,6
Eisenoxydul 13,7
Magnesia 1,1
Kieselerde 21,2
Thonerde 6,9
Verlust 0,5
–––––
100,0

Das specifische Gewicht des frei daliegenden Cements ist 0,8; in die Fässer gedrückt ist es 1,18 und aus den Fässern genommen 0,96.

Durch das Löschen mit Wasser verliert der reine Cement von 0,96 Dichtigkeit an Volum 0,83 seines ursprünglichen Volums; er wird aber fast immer mit 1 oder 1 1/2 Theil Sand gemischt. Der Kubikmeter solchen Mörtels kostet in Paris 80–90 Frs.; 100 Kil. Cement in Fässern ebendaselbst 7 Frs. 75 C., hierbei ist der Transport von Vassy bis Paris (ungefähr 70 Stunden) sowie das Octroi eingerechnet.

Der Cement von Vassy wurde im Jahr 1831 von den HHrn. Gariel und Garnier entdeckt, welche aber bis zum Jahr 1846 nicht denjenigen Absatz und Nutzen fanden, den sie wünschten. In diesem Jahre verbanden sie sich mit einem Ingenieur und übernahmen die Fertigung der Bauten, anstatt wie früher nur die Lieferung des Cements. Dieß hatte den großen Nutzen, daß der Cement bei der Anwendung nicht durch unerfahrene Arbeiter verdorben wurde und daß er überhaupt immer zweckmäßiger und auch ökonomischer angewandt wurde, als früher. Dadurch hat sich aber auch der Absatz an diesem Cement derartig gesteigert, daß Hr. Gariel die Absicht hat, seine Unternehmungen jetzt wieder aufzugeben und sich nur noch mit der Fabrication abzugeben, indem die Güte des Cements jetzt hinlänglich bekannt sey.

Von andern in der Ausstellung vorhandenen Cementen erwähne ich diejenigen, mit welchen Versuche angestellt waren:

1 Stück Beton von 1' allweg groß (Cubus) von Lafarge und Régny in Marseille trug ein Gewicht von 28 Ctr.; also der Quadratzoll 28 Pfd. Ein Backstein aus Cement von Chabillon (bei Boulogne) von einem quadratischen Querschnitt von 12''' trug 260 Pfd. Die Steine zu diesen Proben werden vorher einige Stunden ins Wasser gelegt. Eine andere Fabrik Dumenil im Mareuil macht große Platten aus Steinchen und Cement für Scheidewände, wovon der Quadratfuß 4 kr. kostet. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1856, Nr. 16.)

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Davon sind nur 5' Cementgemäuer, das andere ordinäres Hintergemäuer.

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