Titel: Ueber eine zu Cent am 17. Mai d. J. vorgekommene Dampfkessel-Explosion; von Hrn. Jobard zu Brüssel.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 141/Miszelle 1 (S. 152–153)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj141/mi141mi02_1

Ueber eine zu Cent am 17. Mai d. J. vorgekommene Dampfkessel-Explosion; von Hrn. Jobard zu Brüssel.

Diese Explosion des Kessels einer kleinen Dampfmaschine in der Fabrik der HHrn. Van Heke und Comp. war eine fürchterliche, welche wenigstens zehn Menschen das Leben kostete und außerdem eine Menge von Verwundungen veranlaßte.

Der Cylinder der Maschine allein ist stehen geblieben, ihr Balancier in zwei Stücke zerbrochen; die quadratische Esse bekam einen solchen Stoß, daß ihr oberer Theil aus dem Loth wich. Der 1,20 Meter im Durchmesser haltende Kessel mit kugeligen Enden war in drei Theile von fast gleicher Länge zerrissen; die beiden Enden desselben waren in der vordern und hintern Richtung wohl hundert Meter weit geschleudert; der mittlere Theil war liegen geblieben, aber in erwähnter Weise zerrissen. Offenbar hat sich der Kessel gehoben, indem er von den beiden Siederöhren abgerissen ist, welche noch in dem Schutt liegen; sie müssen aber auf eine gewisse Höhe gehoben worden und dann erst zurückgefallen seyn, da sie ihre frühere Lage nicht behielten.

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Der Kessel war alt; gewisse Theile hatten nur noch 5 Millimeter Dicke. An der Stelle, wo sich die Flammen der beiden Canäle vereinigten, um in die Esse zu strömen, fanden sich deutliche Spuren von Verbrennung, welche einen Wassermangel im Kessel beweisen. Man nimmt an, daß der Heizer sein Register niederzulassen vergaß, daher das Feuer die ganze Nacht gedauert habe und daß der Wassermangel erst beim Wiederanfeuern am folgenden Morgen bemerkt und die Speisepumpe in Betrieb gesetzt wurde, worauf die Explosion ausgebrochen sey. Thatsache ist, daß man die Alarmpfeife weder in der Nacht noch am Morgen gehört hat, und in dieser Beziehung erfuhr ich, daß einige (belgische) Fabrikanten die Pfeife gänzlich außer Anwendung gesetzt haben, um die Arbeiter nicht in Furcht zu setzen, die sich in Gefahr glauben, wenn sie die Pfeife hören. Der Heizer selbst, welcher durch die Pfeife seine Nachlässigkeit erkannt glaubt, sucht sie oft stumm zu machen, daher sie, wie das eine Sicherheitsventil, in der Folge unzugänglich gemacht werden sollte.

Die Maschine von 10 bis 15 Pferdekräften war zu schwach im Verhältniß zu der Anzahl von Webestühlen, die sie in Betrieb zu setzen hatte, und Man sagt, daß der Dampfkessel deßwegen oft überspannt werden mußte. Man behauptet, er sey mit den vorgeschriebenen Sicherheitsapparaten versehen gewesen, welche aber nichts nutzen, wenn man sie unwirksam machen kann.

Die gewöhnliche Ursache der Dampfkessel-Explosionen ist das Sinken des Wasserstandes im Kessel. Es sollten daher obere, selbstwirkende Speisereservoirs angewandt werden, und man sollte die Speisepumpe in einem unter den Augen des Heizers befindlichen Wassertroge anbringen. Das Wasser sollte nicht mehr aus einem Brunnen oder einem Untern Reservoir geschöpft werden dürfen, um es direct in den Kessel zu pumpen; man muß daher zwei Pumpen anstatt einer verlangen.

Bei den meisten schweren Unfällen durch Dampfkessel-Explosionen in Belgien fehlte die erwähnte Speisung, welche die preußischen Verordnungen vorschreiben. Auch sollte man nicht gestatten, daß sich über den Generatoren Werkstätten befinden, wie dieß in vielen kleineren Fabriken noch der Fall ist. Oefen und Kessel müssen stets von den Arbeitsgebäuden getrennt und neben denselben, am besten unter der Sohle angebracht seyn Die Heizer sind dann die einzigen Opfer ihrer Unvorsichtigkeit und die Kesselexplosionen werden gewiß immer seltener werden, besonders wenn Seitens der Regierung sachverständige Beamte die sämmtlichen Dampfkessel in ihrem Bezirk, wenigstens zweimal jährlich, bloß mittelst der Ausdehnung des unter 100 Grad Cels. erhitzten Wassers untersuchen. Ein solcher Dampfmaschinen-Inspector bedarf nur eines kleinen Desbordes'schen Taschenmanometers zur Erfüllung seiner Mission. Er läßt nach der gewöhnlichen Arbeitszeit den Kessel mit kaltem Wasser füllen, die Ventile unwirksam machen, das Manometer auf die Proberöhre schrauben und so lange feuern, bis die Ausdehnung des Wasservolums die Anzahl der vorgeschriebenen Atmosphären angibt. Solche in Frankreich schon öfters von Bergwerks-Ingenieuren angestellte Versuche sind vollkommen gelungen; bei 60° C. bezeichnete das Manometer schon 12 1/2 Atmosphären. (Comptes rendus, Mai 1856, Nr. 21.)

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