Titel: Ueber das Mauerwerk der Wohngebäude zu Paris; von Hrn. Architekt Chailly.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 141/Miszelle 2 (S. 153–155)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj141/mi141mi02_2

Ueber das Mauerwerk der Wohngebäude zu Paris; von Hrn. Architekt Chailly.

Die Construction der Pariser Wohnhäuser, so weit sie hauptsächlich von der unseren verschieden ist, ist bedingt durch das Vorhandenseyn besserer Zieglerwaaren und besserer Bindemittel der Steine.

Vorerst ist anzuführen, daß in Paris die Umfassungsmauern aller Wohnhäuser bis über das Dach von Stein sind, und daß auch in älteren Häusern wenigstens einige Scheidmauern ganz massiv von Stein sind. Allerdings kommen neben diesen steinernen Scheidmauern auch hölzerne Riegelwände vor; aber diese sind immer spärlicher geworden und werden jetzt nur noch selten angewandt. Man macht jetzt alle äußeren und inneren Mauern, die ein Gebälk zu tragen haben, massiv von Stein. Dünne Scheidewände, welche vom Gebälk nichts oder wenig tragen, hatte |154| man bis jetzt meistens so construirt, daß man in einer Entfernung von 6' gehobelte Pfosten von Eichenholz 3–3 1/2'' dick aufstellte, dazwischen ein Netz von Latten nagelte und alles bündig mit den Pfosten mit Gyps und sogenanntem platras ausfüllte; letzteres ist alter Schutt von Gypswänden, welcher in Paris ganz allgemein als Baumaterial, hauptsächlich zum Ausfüllen von Wänden und Gehalten dient. Derselbe wird mit frischem gelöschtem Gyps verbunden, wodurch das Ganze eine gleichmäßige ungetheilte Masse wird. Die oben beschriebene Art von Aufführung dünner Scheidewände von 3–3 1/2'' hat jetzt schon sehr häufig einer anderen Methode Platz gemacht, nämlich Wände von 3'' 7''' aus liegenden Backsteinen ganz ohne Holz aufzuführen; sind 3 bis 4 Stockwerke hoch solche Wände übereinander, so kann man zur Entlastung die oberen Stockwerke aus hohlen Ziegeln mauern. Haben solche Wände keine große Höhe und Länge und nichts als sich selbst zu tragen, so habe ich sie auch sogar aus aufrechten Steinen 2'' dick gesehen; diese Wände erhalten auf jeder Seite einen Gypsverputz von ungefähr 6''' Stärke, wodurch sie um 12''' dicker werden und bedeutend an Festigkeit und Steifigkeit zunehmen. In dem von Ingenieur Clarke aus London ausgestellten Musterhaus für Arbeiter waren übrigens unverputzte Scheidewände von besonders dünnen aufrechten Backsteinen zu sehen; diese nur 12''' dicken, etwa 8' hohen und ebenso langen Wandchen boten eine erstaunliche Steifigkeit dar; hier war das Bindemittel ein wohlfeiler Cement, während in allen angeführten Pariser Constructionen das Bindemittel Gyps ist.

Es gibt noch eine andere Art von Construction dünner Scheidewände, nämlich aus im Vorrath gegossenen Gypstafeln von circa 1,5' Länge und 3–5'' Dicke, eine Rinne am Umfange der Tafeln, in welche bei dem Versetzen flüssiger Gyps eingegossen wird, dient zur Verbindung der Tafeln. Diese Wände bedürfen bei dem Verputzen nur des letzten 1''' starken Auftrags (Scheibspeis), sind somit sowohl wohlfeil und sogleich trocken.

Die eigentlich tragenden inneren Wände der Häuser sind meistens massiv steinerne Mauern. In 5 bis 6stockigen Häusern sind die Wände unten 14'' oben 12'' stark, wenn sie aus rauhen Mauersteinen bestehen.

Die Baugesetze in Paris schreiben für jedes Feuer ein besonderes Kamin vor; die vielen Kaminröhren, welche hierdurch in einem Hause entstehen, sucht man alle nebeneinander in eine Mauer zu vereinigen; da diese Röhren gewöhnlich 8–9'' Durchmesser und die Wanddicken derselben 3–3 1/2'' haben, so hat eine Wand, in welcher sich Kaminröhren befinden, wenigstens 15'' Dicke; da diese Wände aber durch die vielen darin befindlichen Röhren sehr wenig Material erfordern, und da die Herstellung der Röhren nur durch sehr wenig Zeit erfordernde Aussparung im Mauerwerk bewirkt wird, so sind solche mit vielen neben einander befindlichen Röhren versehene Mauern wenigstens nicht theurer, als wenn sie massiv wären. Auf diese Weise kosten die Schornsteine nicht nur nichts, sondern sie verunstalten auch nicht durch vorspringende Ecken die Zimmer. Man bringt deßhalb gerne und ohne Kosten für jede Feuerstelle eine besondere Kaminröhre an, wodurch zugleich am einfachsten und gründlichsten dem Rauchen der Kamine, dem schlechten Zug u.s.w. begegnet ist. Neben den Schornsteinrohren befinden sich in den massiven Scheidewänden auch andere Röhren, für Ventilation, für Luftheizungen, für verticale Communication, z.B. für Speisen, das Kehricht etc. Für alle Einrichtungen, wo verticale Röhren gebraucht werden, eignen sich die massiven Wände ungemein, während bei unserer Construction diese Röhren nicht zweckmäßig angebracht werden können. Deßhalb müssen wir verzichten auf die Vortheile aller verticalen Communicationen, der Ventilation, der Luftheizung u.s.w., während sich diese Einrichtungen in Paris immer mehr Bahn brechen. Die Vortheile, nicht durch bloß stückweise Feuerwände mit den Oefen u.s.w. an gewisse Plätze gebunden zu seyn, und einer leichten Veränderung in der Stellung der Oefen, leuchten ebenfalls ein.

Die Art, wie die Schornsteinröhren in den Mauern ausgespart werden, ist verschieden; es werden entweder Röhren aus gebranntem Thon auf einander gesetzt, um welche herum gemauert wird, oder es werden besonders geformte Ziegel mit eingemauert, welche die Form des Kamins geben, oder, was das billigste ist, es wird eine Form von Holz oder Zinkblech vom Durchmesser des Kamins und von etwa 4' Fuß Länge eingesetzt, mit gewöhnlichen Steinen und mit Gyps drum |155| herum gemauert und die Form nach Vollendung des betreffenden Stücks herausgezogen.

Die Abtrittsschläuche werden gewöhnlich nicht in der Mauer angebracht, sondern nur etwas darin eingelassen und sind von sehr gut gebranntem Thon, meistens aber von Gußeisen. Abtrittsschläuche von Holz scheint man nicht zu kennen. Ein großer Theil der Kaminröhren wird gewöhnlich in die gemeinschaftlichen Mittelmauern zwischen zwei Häusern (murs mitoyens) gelegt; diese haben fast nie mehr als 17'' Dicke und sind von ungehauenen Bruchsteinen. Eine solche Mauer, welche sowohl vor der Façade als über das Dach etwas vorsteht, an einem großen 6 bis 7stockigen freistehenden Gebäude, macht einen wirklich verwegenen Eindruck.

Die Scheidemauern. welche keine Röhren haben, aber Gebälke oder den Dachstuhl tragen, werden jetzt meistens aus Backsteinen und zwar nur zwei Stein (7'' 8''') stark errichtet, wobei man meistens die oberen Stockwerke von hohlen Backsteinen mauert; bei hohen 6stockigen Gebäuden sieht man, aber auch nicht immer, den unteren Stock drei Stein (12'') stark. Ein weiterer Vortheil der massiven Scheidewände ist der, daß sie mit den Umfassungsmauern in guten Verband gebracht werden können, wodurch es wiederum möglich wird, letztere schwächer zu halten, als wenn sie auf die ganze Länge ohne Verbindung mit den inneren Hauswänden frei da ständen.

Was nun diese Umfassungsmauern betrifft, so ist die vordere Façade von Hausteinen oder von rauhen Bruchsteinen, die Hinteren und Nebenseiten' dagegen fast immer von letzteren. Merkwürdig ist, daß in den Mauerdicken fast kein Unterschied ist, ob solche von Quadern oder rauhen Mauersteinen sind. Die innere Flucht der Mauern ist meist senkrecht, die äußere wenig anlaufend, so daß die Dicke der Umfassungsmauer aus Bruchsteinen unter Dach 14'', im Erdgeschoß 17'' und bei 6 und- mehrstockigen Häusern 2' 2'' ist. Dieß sind die von Alters her üblichen und auch von Rondelet empfohlenen Mauerstärken; neuerdings findet man davon manche Abweichungen, indem man noch kühner construirt; die obersten Stockwerke werden auch besser von hohlen Ziegeln (7'' 8''' dick) construirt als von Bruchsteinen.

In Façaden von Bruchsteinen sind die Fenster- und Thüröffnungen nicht mit Hausteinen eingefaßt, sondern Leibungen und Spunten sind nur in Gyps gezogen. Diese Construction ist vielleicht nicht nachahmungswerth, aber sie zeigt die Güte des Pariser Gypsmörtels, die so etwas zu machen erlaubt. Die Kellergewölbe werden von rauhen Mauersteinen in gewöhnlichen Kalkmörtel nach einem flachen Bogen gemauert, dessen Pfeilhöhe ungefähr 1/4 der Spannweite ist, dabei sind sie 8–10'' stark. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1856, Nr. 18.)

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