Titel: Ueber die Construction der Leinenwebstühle; von G. Jordan.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 141/Miszelle 2 (S. 235–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj141/mi141mi03_2

Ueber die Construction der Leinenwebstühle; von G. Jordan.

Die erste Grundbedingung eines guten Webestuhles ist: daß er vollkommen horizontal, Winkel- und lothrecht stehe und den durch den Anschlag hervorgebrachten Erschütterungen möglichst satt ohne merkbare Schwingungen Widerstand leiste. Hiezu erforderlich ist: daß die vier Ruhepunkte der Grundfläche so weit als möglich auseinander entfernt seyen und dem Stuhl selbst so viel Masse gegeben werde, als ohne zu großen Kostenaufwand möglich ist.

Für schwere gute Waare ist Letzteres unbedingt nöthig, um einen satten Anschlag der Lade zu erzielen, bei leichterer Waare kann durch Versprießen mit den Wanden des Locals etc. nachgeholfen werden.

Die Construction des Stuhles selbst muß der Art seyn, daß jeder Schreiner mit seinem gewöhnlichen Handwerkszeug, Bleiloth, Winkelmaaß, Kreuzschienen, den Stuhl überall richtig aufstellen und zu jeder Zeit von seiner richtigen Lage wieder sich überzeugen kann, da durch die Veränderungen, welchen das Holz unterworfen, durch die fortwährenden Erschütterungen der Arbeit und sonstige Einflüsse die Quadratur des Stuhles aufgehoben und Nachhülfe nöthig wird. Die Verbindungen eines guten Stuhles sollen daher nicht fest, sondern mit Schwalbenschwanzzapfen und hartholzenen Schließen gemacht werden.

Um von der eben erwähnten richtigen Stellung des Stuhles Gewißheit erlangen zu können, muß der Weber ohne Hülfe eines besonders geschickten Handwerkers zu jeder Zeit seinen Stuhl abmessen und sich von der richtigen Stellung der einzelnen Theile zu einander überzeugen können, da nur dann eine gleiche Spannung der Kette möglich ist.

Innere Construction. Um den Stuhl durch den Anschlag möglichst wenig zu erschüttern, ist die Linie der Kette so tief zu legen, als dieß mit bequemer Arbeit verträglich ist.

An den Seiten des Stuhles muß für den Eintritt freier Zugang vorhanden seyn. um beim Schlichten, Fadenknüpfen etc. mit möglichst wenigem Zeitaufwand zur Kette gelangen zu können, und nicht durch unbequemes Hinundhersteigen zum Zerreißen von Fäden veranlaßt zu seyn. Bei Erschwerungen behilft sich der Weber häufig auf Kosten der Schönheit der Waare.

Das Obergestell des Stuhles muß die gehörige Festigkeit sowie den nöthigen Raum zum Aufhängen der Lade, zu einem Contremarsche oder einer Jacquardmaschine bieten, da der Weber den Stuhl für längere Zeit sich anschafft.

Die Entfernung des Garnbaumes vom Brustbaum kann veränderlich seyn oder nicht; bei gröberer Waare wird der Weber besser thun, wenn er den Garnbaum liegen läßt, und die Arbeit des Hin- und Herlegens erspart. Gestattet die Construction Veränderung in der Entfernung, so muß sie doch dabei solid seyn, damit |236| der Garnbaum sowohl in der nahen als in der fernen Lage gehörig gespannt werden kann, ohne Differenzen in der Spannung ausgesetzt zu werden.

Die Lage des Garnbaumes bezüglich der Höhe kann eine feste seyn und bei starken oder langen Ketten, welche den Durchmesser des Baumes sehr verändern, durch ein Streifbäumchen ausgeglichen werden. Der Durchmesser des Garnbaumes wird möglichst groß angenommen, um einer gleichen Spannung recht nahe zu kommen und die Differenz zwischen dem vollen Kettenbaum und dem leeren möglichst zu vermindern Zudem laufen die einzelnen Garngruppen nicht immer reihenförmig auf, sondern häufig gruppenweis, und erleiden die äußeren größere Spannung als die inneren, was desto auffallender wird, je geringer der Durchmesser des Baumes ist. Eiserne Zapfen des Garnbaumes würden der Spannung ein leichteres Spiel gestatten, sie bedingen jedoch eine andere Anordnung der Spannung, welche gewöhnlichen Webern noch zu ferne liegt. Ebenso wäre es wünschenswerth, wenn die Schwingungspunkte der Lade verstellbar wären, so daß der Schwerpunkt der Lade bald näher bald entfernter von der Brustbaumseite siele und so nach Erforderniß einen schwereren oder leichteren Schlag begünstigte.

Endlich sollte dafür gesorgt seyn, daß die Sitzbank leicht höher oder niederer gestellt werden kann, da die Weber eine festgenagelte Sitzbank, um sie nicht wegreißen zu dürfen, lieber in ungünstiger Lage belassen und ganz besonders jüngere Leute öfter zu tief sitzen, was einmal ein leichtes Arbeiten erschwert, auf der andern Seite die Gesundheit der Brust untergräbt, wenn sie mit der obern Brust an den Brustbaum anliegen und die Anschläge der Lade aushalten müssen.

Noch ist der Punkt im Auge zu behalten, daß der gewöhnliche Weber seinen Zettel im Stuhle selbst aufbäumt und also dieser auch hiefür geeignet seyn muß. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1856, Nr. 24.)

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