Titel: Erfahrungen über die Anwendung von Reismehl und Zucker als Nothbehelf bei mangelndem Futter für Seidenraupen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 141/Miszelle 9 (S. 319–320)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj141/mi141mi04_9

Erfahrungen über die Anwendung von Reismehl und Zucker als Nothbehelf bei mangelndem Futter für Seidenraupen.

Der bekannte Seidezüchter, Hr. Heß jun. in Oehringen, hat schon seit einer Reihe von Jahren mit recht guten Erfolgen bei Futtermangel oder wenn ihm nur nasses Futter zu Gebot stand. neben einer kleinern Quantität Laub den Raupen feines Stärkmehl gereicht, mit dem er die Blätter, welche, wenn sie naß eingebracht waren, vorher abgetrocknet wurden, überstreute. Er versichert namentlich, dadurch dem so nachtheiligen Durchfall der Raupen am besten entgegengewirkt zu haben.47)

Der fünfte Jahresbericht des Seidenbauvereins in Hannover enthält über einen ähnlichen Zusatz zum naturgemäßen Futter der Seidenraupen sehr interessante Mittheilungen, die sich auf eine Reihe genauer Erfahrungen und Beobachtungen stützen und welche wir hier im Auszuge uns mitzutheilen erlauben.

Der Verein hatte unter 10 Privatraupenpfleger 6 Loth Eier vertheilt und bemerkte erst zu spät, daß zur Fütterung derselben 15–20 Centner Laub fehlten. Es handelte sich hier um die Erhaltung von 120000 schönen Raupen und, was noch mehr war, um die Ehre des Vereins.

Man beschloß, nach der Anleitung von Stanisl. Julien 48) und Beobachtungen von v. Türk, als Ersatz für die fehlende Futtermenge Reismehl und feingestoßenen Zucker neben dem vorhandenen Laub zu reichen. Es wurden 9 Theile Reismehl und 1 Theil Zucker gemengt und mit dem zu verwendenden, vorher etwas angefeuchteten Laub zur Fütterung gemischt.

Anfänglich schienen sich die Raupen an den so bepuderten Blattern zu scheuen, aber bald gewöhnten sie sich daran und, als am dritten Tage ihrer letzten Periode ihre Freßlust begann, fielen sie mit einer wahren Gier über dieses Futter her. Dadurch, daß auf diese Art concentrirtere Nahrungsstoffe den Raupen geboten wurden, ließen sich mehrere Mahlzeiten sparen, und statt deren täglich 6–8 zu reichen, wurden nur 3 gegeben.

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Der Erfolg überstieg alle Erwartungen, das Laub reichte aus, die Raupen blieben gesund, nahmen herrlich zu und spannen vortreffliche Cocons, und es wurden aus 6 3/4 Loth Grains 263 Pfund 18 Loth Cocons geerntet, eine Ernte, die, da die meisten der einzelnen Züchter noch wenig Erfahrung hatten, immerhin recht erfreulich war. Von diesem Ertrag lieferte die Vereinsrauperei aus 1 Loth Grains 51 Pfund 24 Loth Cocons und die übrigen einzelnen Züchter folgende Quantitäten mit dem nebenstehenden Baarerlös.

A. aus 1 Lth. Grains 54 Pfd. 28 Lth. Coc. 13 Thlr. 10 Ggr. 6 Pf.
B. 3/4 „ 36 „ 28 „ 10 „ 3 „ – „
C. 1/2 „ 21 „ 24 „ 5 „ 15 „ 3 „
D. 1/2 „ 20 „ 16 „ 5 „ 5 „ – „
E. 1/2 „ 18 „ 20 „ 5 „ 3 „ 9 „
F. 1/2 „ 18 „ 10 „ 4 „ 22 „ – „
G. 1/2 „ 13 „ 4 „ 3 „ 22 „ 6 „
H. 1/2 „ 12 „ – „ 3 „ 20 „ – „
I. 1/2 „ 8 „ 10 „ 3 „ 2 „ – „
K. 1/2 „ 7 „ 14 „ 3 „ – „ – „
–––––––––––––
263 Pfd. 18 Lth.

woraus 20 Pfund Rohseide gehaspelt und 30 Loth Eier gezogen wurden.

An Laub wurde im Ganzen gegen 48 Centner consumirt, also 7 Centner auf 1 Loth Eier, statt daß sonst mindestens 9–10 Centner dafür gerechnet werden, und somit 14 Centner Laub durch die Zugabe von Reismehl und Zucker erspart.

Es wurden verwendet:

58 Pfd. Mehl à Pfd. 3 Ggr. – Pf. = 7 Thlr. 6 Ggr. – Pf.
6 1/2 „ Zucker 3 „ 4 „ = – „ 21 „ 8 „
––––––––––––––––
Im Ganzen also 8 Thlr. 3 Ggr. 8 Pf.

Nimmt man nun an, daß der Centner gereinigte und zur Fütterung abgepflückte Maulbeerblatter durchschnittlich auf 1 Thlr. 16 Ggr. zu stehen kommt, so würde sich das ersparte Laub (14 Centner) berechnen auf 23 Thlr. 8 Ggr.; hievon obige Ausgabe für Mehl und Zucker, bliebe ein Ueberschuß von 15 Thlr. 4 Ggr. 4 Pf., oder bei der Zucht von jedem Loth Eier wurde 2 Thlr. 2 Ggr. (3 fl. 36 kr.) erspart.

Besonders interessant sind nun ferner die vergleichenden Versuche, die der Verein in Hannover anstellte mit Fütterung bei reichlicher Laubgabe und mit spärlich zugemessenem Laub und obigen Zusätzen.

Eine Züchterin erntete aus 1 Loth Eier:

1850 bei spärlichem Futter und Zugabe von Mehl und Zucker, 54 Pfund 28 Loth Cocons.

1851 bei reichlichem Futter (976 Pfund Blätter) ohne Zugabe, 46 Pfund 8 Loth.

Eine andere Züchterin im ersten Fall aus 1 Loth Eier 49 Pfund 3 Loth, im zweiten 37 Pfund Cocons.

Sehr günstig stellte sich aber die Sache heraus, wenn bei reichem Futter noch eine Zufütterung von Reismehl und Zucker gereicht wurde. Eine Züchterin erhielt bei reichem Futter (975 Pfund) aus 1 Loth Eier mit Zufütterung von Reismehl und Zucker (für 1 1/2 Thlr.) 47 Pfund 18 Loth Cocons, während dieselbe bei spärlichem Futter und Zugabe von jenem Beifutter aus 1 Loth Eier nur 43 1/2 Pfund Cocons erzielte.

In der Vereinsrauperei wurden 1850 bei spärlichem Futter und Mehlzugabe erzielt aus 1 Loth Eier 51 3/4 Pfd. Cocons; 1851 bei reichlichem Futter (1076 Pfd.) und mit Zufütterung von Reismehl und Zucker (ebenfalls für 1 1/2 Thlr.) aus 1 Loth Eier 66 3/4 Pfd. Cocons geerntet.

Indem wir diese eben so interessanten, als für unsern Seidezuchtbetrieb höchst wichtigen Erfahrungen unsern inländischen Seidezüchtern mittheilen, möchten wir zugleich zu ähnlichen Versuchen und zu gefälliger Mittheilung der Resultate aufmuntern. L. (Württembergisches Wochenblatt für Land- und Forstwissenschaft, 1856, Nr. 23.)

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Die sehr günstigen Resultate, welche schon vor 20 Jahren Freiherr v. Babo durch die Fütterung der Raupen mit Kartoffelstärke gewonnen hat, finden sich im Hohenheimer Wochenblatt 1837 Nro. 43 angegeben.

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Ueber Maulbeerbaumzucht und Erziehung der Seidenraupen; aus dem Chinesischen von St. Julien. Auf Befehl Sr. Maj. des Königs von Württemberg übersetzt von Legationsrath Linder. Stuttgart, J. G. Cotta'sche Buchhandlung, 1837. Vergl. S. 120 u. ff.: „Nach jeder Mahlzeit nimmt man einen Korb voll Blätter und macht die Runde um das Gestell. Wo man eine leere Stelle sieht, bedeckt man sie mit Blätern, woraus Reismehl gestreut wird.“„Zu jedem Korb Blätter braucht man vier Unzen Reismehl“ u.s.w.

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