Titel: Die Eisenproduction.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 141/Miszelle 2 (S. 392–395)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj141/mi141mi05_2

Die Eisenproduction.

Ueber diesen Gegenstand hat ein Hr. Abraham S. Hewitt in mehreren wissenschaftlichen Vereinen in den Vereinigten Staaten, sehr interessante Vorträge gehalten, welche einerseits bedeutende Kenntnisse und andererseits eine gewandte Darstellung verrathen. Wir entnehmen das Nachstehende dem Civil Engineer and Architect's Journal, Juni 1856, S. 194.

In Beziehung auf die Neilson'sche Erfindung, vom Jahre 1830, den Gebläsewind zu erhitzen, bemerkt Hewitt, daß ihr Einfluß auf die Produktion aus den nachstehenden Zahlen hervorgehe: in England habe

1836 die Production bestanden in 1,000,000 Tonnen
1839 1,248,781 „
1840 1,396,400 „
1845 1,512,500 „
1847 1,969,607 „
1852 2,701,000 „
1854 3,585,906 „
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Diese wurden in 599 Hohöfen producirt, d.h. durchschnittlich in jedem Hohofen 6000 Tonnen, nämlich 2 1/2 Mal so viel als 1825 jeder Hohofen zu erzeugen im Stande war. Diese unglaubliche Produktion wurde durch die directe Arbeit von 238,000 Menschen und 2120 Dampfmaschinen mit einer Gesammtkraft von 242,000 Pferden erreicht, und der Werth dieser Production betrug 125 Millionen Dollars (à 1 Rthlr. 14 Sgr. oder 2 fl. 31 kr. rhein.). Um diese ungeheure Production zu bewirken und mehr als die Hälfte davon in Stabeisen zu verwandeln, mußten den Eingeweiden der Erde enthoben und verbraucht werden:

Eisenerze 21,346,000 Tonnen
Kalkstein 2,458,000 „
Steinkohlen 20,942,000 „
–––––––––––––––
Summa 44,746,000 Tonnen.

Eine Totalsumme, bei deren Betrachtung, wie Hr. Hewitt sehr treffend bemerkt, der Verstand still steht.

Aber alle diese Summen sind noch geringfügig gegen die Schätzung des zukünftigen Eisenbedarfs. Die jetzige jährliche Production auf der ganzen Erde übersteigt 7,000,000 Tonnen nicht, wovon Großbritannien mehr als die Hälfte liefert. Nehmen wir die Gesammtbevölkerung der Erde zu 900,000,000 Menschen und die Production und folglich auch den Verbrauch zu 17 Pfd. auf den Kopf an; setzen wir voraus, daß die Bevölkerung der Erde sich in hundert Jahren verdoppelt habe, so muß im J. 1956 der jährliche Verbrauch 200,000,000 Ton. betragen. Von 1840 bis 1855 stieg die Production um das 70fache; stiege sie nun in demselben Verhältniß fort, so würde sie in 115 Jahren jährlich 490,000,000 Ton. betragen. Von 1806 bis 1824 wurde die Production in Großbritannien verdoppelt; 1836 hatte sie sich wieder verdoppelt, d.h. in einer um 6 Jahr kürzern Periode als vorher. 1855 war sie in einer Periode von acht Jahren von 2 auf 3 1/2 Millionen Tonnen gestiegen, so daß sie sich in zehn Jahren verdoppelt haben wird. Hr. Hewitt nimmt daher an, daß sich die Roheisenproduction auf der ganzen Erde jede zwanzig Jahre verdoppelt, und gibt uns dafür nachstehende ungeheure Ziffern:

Im Jahre 1875 würde die Production betragen 14,000,000 Tonnen
1895 28,000,000 „
1915 48,000,000 „
1935 96,000,000 „
1955 192,000,000 „

Es scheint dieß eine wilde Rechnung zu seyn, allein Hr. Hewitt zeigt, daß diese staunenswerte Menge auf der Erde auch benutzt werden wird. Den Bedarf an Eisenbahnen allein schätzt er auf folgende Weise:

In Großbritannien kommt auf acht (engl.) Quadratmeilen Boden 1 (engl.) Meile Eisenbahnen. Im Connecticut ist das Verhältniß etwa wie 1 : 6, in New-York etwa wie 1 : 20. Es würde daher der bewohnbare Theil nicht zu überflüssig mit Eisenbahnen versehen seyn, wenn auf jede zehn Quadratmeilen 1 Meile von diesen jetzt so unumgänglich nöthigen Vehikeln des Reifens und des Transports käme. – Nun umfaßt nach sichern Berechnungen der bewohnbare Theil der Erde 20,000,000 engl. Quadratmeilen, welche demnach 2,000,000 engl. Meilen Eisenbahnen erfordern würden. Zur Herstellung und zum Betrieb dieser sind 600,000,000 Tonnen Eisen erforderlich, deren jährliche Abnutzung zu 10 Procent, zu 60,000,000 Tonnen anzunehmen seyn würde. Der Verbrauch der Eisenbahnen beansprucht jetzt etwa ein Drittel der ganzen Eisenproduction, und da die übrige Benutzung des Eisens sich nothwendig ebenfalls noch steigern wird, indem jedes Jahr noch neue Benutzungen bringt, so gibt es gar keine praktischen Gränzen für die Anwendung des Eisens.

Die zunächst auszuwerfende Frage ist: wie und wo, geographisch betrachtet, diese ungeheure Menge, oder die Hälfte, oder das Viertel derselben erzeugt werden kann? Dieß führt Hrn. Hewitt zuvörderst zur Betrachtung der elementaren Bedingungen einer großen Eisenproduction; es bestehen dieselben:

1) in einer verhältnißmäßigen Lieferung der erforderlichen Rohstoffe: Erzen, Zuschlagskalkstein und Steinkohlen, da Holzkohlen nur in verhältnißmäßig geringer. Menge auf einmal und niemals viele Jahre hintereinander an einer Localität dargestellt werden können;

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2) diese Materialien zur Eisenerzeugung müssen eine solche geographische Lage haben, daß sie wohlfeil zu den Hütten geschafft werden können; denn der Werth der Rohstoffe besteht vielmehr in dem Wo als in dem Wie seines Vorkommens; ein Umstand, der jetzt bei vielen Bergwerksunternehmungen ganz übersehen, oder nicht gehörig berücksichtigt wird;

3) die Producte müssen durch wohlfeile Transportmittel zum Markte gebracht werden können;

4) die Bevölkerung muß dicht genug seyn, um hinreichende und wohlfeile Arbeitskräfte erlangen zu können?

5) es müssen hinreichende (Kapitalien zur Anlage und zum Betriebe der Werke vorhanden seyn;

6) die Arbeiterbevölkerung und die Beamten der Anlagen müssen hinreichende Geschicklichkeit und Kenntnisse besitzen, um den Betrieb nach den Regeln der Kunst und eines guten Haushaltes führen zu können;

7) das Eisenhüttengewerbe kann nur da mit gutem Erfolg und nach einem großen Maaßstabe geführt werden, wo eine recht steißige und kräftige, intelligente und keine großen Ansprüche machende Bevölkerung existirt.

Alle diese Bedingungen sind, wie Hr. Hewitt (und mit ihm gewiß alle Sachkundigen) behauptet, in Großbritannien in einem großartigen Maaßstabe vereinigt. Allein es gibt eine natürliche Gränze, über welche hinaus die verhältnißmäßig erforderliche Menge der Rohmaterialien nicht mehr beschafft werden kann. Eben so wenig können die Vorzüge, welche England in Beziehung auf Kapitalien besitzt, immerwährend dauern. Es muß ein Zeitpunkt eintreten, dem seine Hülfsquellen in Beziehung auf Rohstoffe nicht mehr genügen, und wo die Productionskosten für Eisen höher zu stehen kommen als jetzt. Während England jetzt im Stande ist die ganze Erde mit Eisen zu versehen, wird die Steigerung der Produktion des Inselreichs um 1 Million Tonnen den Preis verdoppeln und eine zweite Million des Bedarfs muß ihn noch mehr steigern, dann muß aber ein Zeitpunkt eintreten, wo Britannien den Bedarf nicht mehr liefern kann. Aus welchem Theil der Erde soll dann der Mangel ersetzt werden?

Hr. Hewitt antwortet sehr entschieden: aus den Vereinigten Staaten Nordamerika's. Es würde uns zu weit führen, die Erörterungen verfolgen zu wollen, die er in dieser Beziehung macht) wir müssen uns darauf beschränken seine praktischen Folgerungen mitzutheilen, welche nachstehende sind:

1) die Vereinigten Staaten haben größere natürliche Quellen zur Eisenerzeugung als irgend ein anderes Land auf der Erde, und zwar wegen der unbegränzten Steinkohlenflötze, der vielen und reichen Eisenerze, und wegen des ausgedehnten Systems natürlicher und künstlicher Straßen, welche das Land durchschneiden;

2) die Schwierigkeiten einer großen Production sind nur socialer und künstlicher Natur. Die Theuerung des (Kapitals und der Arbeit, für jetzt sehr wesentliche Hindernisse, werden gewiß nach und nach durch die Fortschritte des Landes und durch den Umstand überwunden werden, daß die Zunahme des Verbrauchs der Erde in gar nicht langer Zeit die Eisenproduction Großbritanniens in seine äußersten Gränzen zurückweisen, nämlich die Productionskosten und die Verkaufspreise steigern wird;

3) daß die Vereinigten Staaten keine andere Concurrenz als Großbritannien, wie im Welthandel, so auch hinsichtlich des Eisens haben; sie müssen den Mehrbedarf liefern, welchen England nicht beschaffen kann; es ist daher von der Nationalregierung nicht klug gehandelt, daß sie Particularinteressen begünstigt und Differentialzölle im Eisengeschäft anbahnt. Ein solches Verfahren muß die Fortschritte des Gewerbes hemmen und für diejenigen sehr nachtheilig seyn, welche Capitalien in diesem bedeutenden Industriezweig anlegen wollen, zumal es erwiesen ist, daß in Amerika Eisenbahnschienen im Durchschnitt eben so wohlfeil erzeugt werden können als im Ausland;

4) daß die Steigerung des Gewerbes die entsprechende in Großbritannien überstiegen hat; obgleich Nordamerika fünfzig Jahre später begonnen hat, so ist es jetzt doch nur um neunzehn Jahre gegen England zurück, und es ist Grund zu der Annahme vorhanden, daß es die brittische Production noch überflügeln wird;

5) daß es wegen des höhern Eisengehalts der amerikanischen Erze möglich seyn dürfte, mit der unmittelbaren Reduction der Erze zu Stabeisen so weit zu kommen, |395| daß dieser jetzt noch unvollkommene Proceß die wohlfeilere brittische Production schon in der nächsten Zukunft ausgleicht.

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Der deutsche Referent bemerkt hierzu, daß wenn Hr. Hewitt um fünfzig Jahre vorgeht, er Recht haben mag, daß dieß aber nicht der Fall ist, wenn er von der nächsten Zukunft, nämlich den nächsten zehn bis zwanzig Jahren redet. Obgleich die Steinkohlengebirge westlich und östlich von den Alleghanis, in Pennsylvanien, Ohio, Tenessee, Virginien, Alabama etc. mächtige Lager von sehr guten Sphärosiderit und Kohleneisenstein enthalten, die viel und gutes Eisen geben; obgleich auch noch viele andere Arten von Eisenerzen in der Nähe der Steinkohlenformation und von ausgedehnten Waldungen vorkommen, kurz, obgleich alle diese Verhältnisse einer weitern Entwickelung des Eisenhüttengewerbes sehr günstig sind: so stehen derselben in der nächsten Zukunft doch sehr große Hindernisse entgegen. Dahin gehören die Höhe der Arbeitslöhne, der Mangel brauchbarer Hüttenarbeiter und geschickter Beamten, welches bei so schwierigen Betriebszweigen doppelt nachtheilig ist und auch noch lange fortdauern wird, da die Löhne bei der täglich größern Entwickelung aller Industriezweige, für die Arbeiter so specieller Fächer, noch immer steigen werden. Deßhalb kann die amerikanische Production, obgleich sie vollkommen ein Drittel der englischen, d.h. etwa 20,000,000 Centner beträgt, unerachtet der Schutzzölle, noch nicht mit der brittischen concurriren, und die Vereinigten Staaten sind daher noch immer die besten Abnehmer des englischen Roh- und Stabeisens, während die Ausfuhr desselben nach Deutschland sich immer mehr und mehr vermindert, wegen der großartigen Entwickelung des preußischen Eisenhüttengewerbes, insbesondere in Westphalen und am Rhein.

Was endlich die Behauptung Hewitts betrifft, als könne durch directe Darstellung des Stabeisens aus Erzen die Production desselben wohlfeiler gemacht werden, so vermögen wir dieser Meinung nicht beizustimmen. Nach dem jetzigen Stande der Eisenhüttenkunde ist, unerachtet neuerlich viel über den Gegenstand geschrieben wurde, nicht daran zu denken, direct aus guten Erzen wohlfeileres Stabeisen als durch die gewöhnlichen Processe darzustellen.

H.

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