Titel: Zur Geschichte der Glühstahl-Erzeugung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 142/Miszelle 1 (S. 231–233)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj142/mi142mi03_1

Zur Geschichte der Glühstahl-Erzeugung.

Die Oesterreichische Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen, 1856, Nr. 44 enthält folgende Erklärung von Hrn. Director Tunner:

„Die Prioritäts-Reclamation bezüglich des Glühstahles aus Württemberg,46) zwingt mich zu einer Erwiderung, obgleich der erste Artikel,47) welcher diese Reclamation hervorgerufen hat, ohne mein Wissen oder Beitragen veröffentlicht worden ist.

Nach dieser Reclamation wird die Priorität in der Glühstahl-Erzeugung für einen gewissen Weber bei Freudenstadt in Württemberg angesprochen, und als Rechtsbeweis sich auf den beschreibenden Katalog der württembergischen Erzeugnisse |232| in der allgemeinen deutschen Industrieausstellung von 1854 in München und auf das Urtheil der Jury berufen, bei deren Abtheilung ich selbst den Vorsitz hatte.

Nun die citirte Stelle lautet buchstäblich:

David Weber, Fabrik von raffinirtem und unraffinirtem Stahl in Glattthal bei Freudenstadt.“

„Rohstahl, Stahlschienen, Stangen- oder Gußstahl, Ackerstahl, zwei Sorten Feilenstahl, Messerstahl in mehreren Sorten, vier Sorten Waffengeschirrstahl, zwei Sorten Federstahl; erzeugt aus Alteisen nach patentirtem Verfahren.“

„Die Stahlfabrik des Ausstellers besteht seit sechs Jahren. Derselbe verwendet zu seiner Stahlbereitung ein von ihm aus Alteisen-Abfällen auf eigenthümliche in Württemberg patentirte Weise dargestelltes Roheisen, ist also dabei von den Erzen ganz unabhängig. Aus diesem Roheisen stellt er auch unmittelbar den Glühstahl her. Er producirt bis jetzt jährlich etwa 1500 Ctr. Stahl.“

Glühstahl war also nicht ausgestellt, daher auch kein Gegenstand der Beurtheilung, sondern das Urtheil der Jury lautete wegen Neuheit seines patentirten Verfahrens, Stahl, und zwar Rohstahl, aus Alteisen zu erzeugen. – Bezüglich des Glühstahls, der allerdings dem Namen nach vorkam, erklärte der Vertreter für Württemberg, daß auf dem königl. Werke zu Friedrichsthal bei Freudenberg etliche Jahre zuvor Versuche in diesem Gegenstande gemacht wurden, auf welchem Werke Hr. Weber im Dienste war, daß diese Versuche vorläufig aber eingestellt seyen. Bei Gelegenheit meiner Reise zur Pariser Ausstellung im Monate Junius 1855 besuchte ich Friedrichsthal mit seinen ausgedehnten Eisen- und Stahlhütten, fand auch noch die Apparate für die Glühstahlerzeugung, nebst einigen übrig gebliebenen Producten, aber das Ganze offenbar seit längerer Zeit außer Gebrauch.48) Es war zu sehen, daß das Roheisen durch Raffiniren eigens vorbereitet, in kleinen, dünnen, meist porösen Schienen gegossen, mit Braun- und Rotheisenstein eingebunden und in luftdicht geschlossenen Gefäßen geglüht wurde. Also ein Verfahren, ganz ähnlich dem auch anderwärts bereits versuchten. Von einer Glühstahlfabrication des Hrn. Weber war nichts zu erfahren, was um so auffallender seyn mußte, wenn derselbe damit zu einem currenten Betriebe gelangt wäre.

Uebrigens hat weder Friedrichsthal, noch weniger Weber, sondern meines Wissens Friedrich Lohmann in Witten an der Ruhr zuerst in Deutschland Glühstahl erzeugt, und zwar aus umgeschmolzenem Spiegeleisen, und dieses Product bei der Londoner Ausstellung im Jahre 1851 als Neuigkeit zur Anschauung gebracht. Gleichzeitig mit Lohmann, oder vielleicht etwas später, hat der französische Ingenieur Jullien auf Glühstahl- und Glüheisenerzeugung ein Patent in Frankreich genommen, wie im polytechn. Journal Bd. CXXVII S. 276 zu lesen.

Ungeachtet alles dessen glaube ich doch die Priorität der Idee für die Darstellung des Glühstahls und Glüheisens mit Recht in Anspruch zu nehmen und meinen eigenen Weg darin gegangen zu seyn, indem ich dieselbe bereits vor dem Jahre 1846 in dem von mir verfaßten Buche „Der wohlunterrichtete Hammermeister, Gratz 1846“ bei Erörterung des Bratprocesses der weißen, strahligen (nicht luckigten) Flossen, veröffentlicht habe. Auf Seite 424 ist wörtlich Folgendes zu lesen:

„Das Braten der weißen Flossen, wie hier nur oberflächlich berührt werden soll, hat für uns noch in einer anderen Beziehung einiges Interesse. Man weiß nämlich, daß bei langanhaltendem Glühen derselben unter sehr gemäßigtem Luftzutritte an der Oberfläche nur wenig Glühspan entsteht, und durch die ganze Masse des Eisens eine Verminderung des Kohlegehalts Platz greift. Es scheint, daß bei dieser anhaltenden, aber nicht energischen Einwirkung des Sauerstoffes demselben Zeit gelassen ist, seine Wirkung gleichförmiger durch die ganze Masse des Eisens zu verbreiten. Es ist daher sehr möglich, daß man früher oder später von dieser Thatsache für unser reines weißes Roheisen eine Anwendung macht, um auf minder |233| kostspieligem Wege eine für viele Zwecke taugliche Sorte ordinären Stahl und Stabeisen darzustellen; fertigt man doch schon seit Jahren aus dem unreinern, grauen Roheisen durch einen ähnlichen Proceß, durch das sogenannte Tempern (Adouciren), ordinäre Gegenstände der verschiedensten Art, die sonst nur aus gewöhnlichem Stabeisen gemacht worden sind. Doch genug einer bloßen Idee.“

Schon aus dieser Andeutung erhellet, daß sich mein Verfahren sowohl in der Wahl des Roheisens, als noch mehr in der Art der chemischen Durchführung von allen andern derartigen Vorschlägen und Versuchen wesentlich unterscheidet, bedeutend billiger seyn müsse.

P. Tunner.“

|231|

Im württembergischen Gerwerbeblatt, 1856, Nr. 28; daraus im polytechn. Journal Bd. CXLI S. 157.

|231|

Ueber österreichische Stahlindustrie, in der österreichischen Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen, 1856, Nr. 16; daraus im polytechn. Journal Bd. CXL S. 195.

|232|

Möge es mir der k. Hüttenverwalter Hr. Eisenlohr freundlichst nachsehen, daß ich wider mein auf Verlangen gegebenes Versprechen diese Notiz über Glühstahl von Friedrichsthal veröffentliche, indem ich mich von anderer Seite dazu genöthigt sehe.

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