Titel: Programm der von dem Herzog von Luynes gegründeten Preise für die Darstellung unveränderlicher Lichtbilder und solcher welche sich mittelst der Kupferdrucker- oder Steindruckerpresse vervielfältigen lassen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 142/Miszelle 5 (S. 235–237)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj142/mi142mi03_5

Programm der von dem Herzog von Luynes gegründeten Preise für die Darstellung unveränderlicher Lichtbilder und solcher welche sich mittelst der Kupferdrucker- oder Steindruckerpresse vervielfältigen lassen.

Eine der interessantesten Anwendungen der Photographie ist die getreue Abbildung geschichtlicher oder artistischer Monumente und Documente, welche durch die Zeit und politische Umwälzungen endlich zerstört werden. Damit aber die Photographie für diesen wichtigen Zweck die Wünsche und Hoffnungen der Archäologen erfüllen kann, muß man vor Allem sicher seyn, daß die Lichtbilder eine unbegränzte Dauer haben. Leider gewährt die erste Periode der Photographie in dieser Hinsicht keine Beruhigung, denn viele Lichtbilder haben sich schon nach einigen Jahren bedeutend verändert. Man wurde dadurch in der letzten Zeit veranlaßt, den Ursachen |236| dieser schnellen Veränderung nachzuforschen und neue Copirmethoden zu ermitteln, welche den Bildern eine größere Dauer sichern.

Allerdings sind in dieser Hinsicht bereits wichtige Verbesserungen erzielt worden und noch größere werden ihnen ohne Zweifel nachfolgen; aber die unbegränzte Conservirung der im Wesentlichen nach der bisherigen Methode dargestellten Lichtbilder könnte nur durch die Erfahrung mehrerer Jahrhunderte bewiesen werden. Die chemischen Stoffe, woraus die Zeichnung eines positiven Lichtbildes besteht, waren ursprünglich im aufgelösten Zustande in den zur Vorbereitung des Papiers verwendeten Flüssigkeiten enthalten; sie sind daher in geeigneten chemischen Reagentien auflöslich, und obgleich nicht anzunehmen ist, daß die Bilder bei ihrer Aufbewahrung mit ähnlichen Agentien in Berührung kommen, so ist es immerhin möglich, daß eine analoge Veränderung dieser Substanzen nach langer Zeit durch viel schwächere Agentien hervorgebracht wird, die den Bildern von der Luft zugeführt werden, oder welche sich in sehr geringer Menge in den Räumen entwickeln können wo man die Bilder aufbewahrt. Anderseits ist die wägbare Quantität der Metalle welche die Schatten unserer Bilder und deren Halbschatten bilden, außerordentlich gering, und sie sind auf dem Papier nur durch sehr schwache Verwandtschaften befestigt; sollte die Aufbewahrung der Lichtbilder in den Bibliotheken, nämlich als Buch gebunden oder zwischen Pappendeckeln übereinander gelegt, wobei also jedes Metallmolecul mit einer großen Anzahl von Papiertheilchen in Berührung bleibt, nicht die Diffusion dieser Metalle erleichtern und dadurch eine Veränderung der Bilder veranlassen können? – Bekanntlich ist der Kohlenstoff unter allen Substanzen diejenige, welche bei den gewöhnlichen Temperaturen unserer Atmosphäre durch alle chemischen Agentien am wenigsten verändert wird. Unsere alten Handschriften beweisen, daß die Kohle, als gereinigter Kienruß auf dem Papier befestigt, viele Jahrhunderte lang unverändert bleibt; wenn daher die Schatten der photographischen Zeichnung durch Kohle (anstatt, wie jetzt, durch Silber) hervorgebracht werden könnten, so würden sich die Bilder eben so gut conserviren wie unsere gedruckten Bücher, und mehr kann man nicht hoffen und wünschen.

Seit einigen Jahren hat man vielfach versucht, die Lichtbilder in Platten umzuwandeln, wovon nach den Verfahrungsarten der Kupferstecher oder Lithographen eine große Anzahl Abdrücke gemacht werden kann. Diese Versuche hatten bisher keinen vollständigen Erfolg; obgleich aber die Bilder welche sie lieferten, den nach den gewöhnlichen photographischen Verfahrungsarten erzeugten in artistischer Hinsicht nachstehen, so berechtigen sie doch zu großen Hoffnungen. Der beabsichtigte Zweck ist aber sehr wichtig, denn er würde bedeutende industrielle Vortheile gewähren.

Um den Zeitpunkt zu beschleunigen, wo es möglich seyn wird die Lichtbilder – ohne daß die menschliche Hand bei der Zeichnung helfen muß – mittelst der Kupferdrucker- oder Steindruckerpresse zu vervielfältigen, hat der Herzog von Luynes einen Preis von 8000 Francs gegründet, welcher demjenigen ausbezahlt werden soll, der innerhalb dreier Jahre diese Aufgabe in einer Weise gelöst hat, welche eine von der Société Française de photographie hierzu gewählte Commission als genügend erachtet.

Falls keiner der Bewerber nach dem Urtheil der Commission den Bedingungen des Programms in der Art entsprochen hat, daß ihm der große Preis zuerkannt werden könnte, ist dieselbe berechtigt einen Theil jener Summe zur Aufmunterung demjenigen oder den Personen zu überweisen, welche zur Lösung des Problems am meisten beigetragen haben, entweder durch Entdeckung neuer Methoden, oder durch Verbesserung der schon bekannten.

Ueberdieß stellt der Herzog von Luynes zur Verfügung der erwähnten Gesellschaft die Summe von 2000 Francs, um diejenigen zu belohnen, welche innerhalb zweier Jahre hinsichtlich des Copirens der positiven Lichtbilder und deren Conservirung die wichtigsten Fortschritte gemacht haben, sey es durch die Entdeckung neuer Verfahrungsarten, oder durch ein vollständiges Studium der verschiedenen chemischen und physischen Wirkungen welche bei den angewendeten Verfahrungsarten eine Rolle spielen oder zur Veränderung der Bilder beitragen.

Der Concurs hinsichtlich des Preises von 8000 Fr. wird am 1. Julius 1859 geschlossen.

Der Concurs hinsichtlich des Preises von 2000 Fr. wird am 1. Julius 1858 geschlossen.

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Die Mitglieder der Gesellschaft sind von der Bewerbung nicht ausgeschlossen.

Die Abhandlungen und Belegstücke hinsichtlich des einen oder andern Preises müssen vor Ablauf der erwähnten Termine der Société Française de photographie zu Paris übersendet werden.

Die Gesellschaft verlangt nicht, daß die ihr eingesendeten Verfahrungsarten geheim gehalten worden sind, und will auch keinem Erfinder die Rechte entziehen, welche er sich durch genommene Patente erworben haben kann.

Die als versiegeltes Packet an die Gesellschaft adressirten Abhandlungen etc. bleiben bis zum Schlußtermin des Concurses uneröffnet.

Im Julius 1858 und 1859 wird die Gesellschaft Commissionen wählen, welche die eingesendeten Verfahrungsarten zu prüfen haben.

Die Abhandlungen und Belegstücke werden nicht zurückerstattet, sondern bleiben im Archiv der Gesellschaft aufbewahrt. (Cosmos, Revue encyclopédique, 1856, t IX p. 148.)

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