Titel: Die Mittelmeer-Telegraphenlinie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 142/Miszelle 1 (S. 392–393)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj142/mi142mi05_1

Die Mittelmeer-Telegraphenlinie.

Bekanntlich fehlte an der Vollendung der Mittelmeer-Telegraphenleitung noch die Einsenkung einer submarinen Cabel zur Verbindung zwischen der Südspitze der Insel Sardinien und der afrikanischen Küste, welche im vergangenen Herbste zwar in Angriff genommen, aber mißlungen war. (Man vergl. polytechn. Journal Bd. CXXXIX S. 312). Auch in diesem Sommer ist ein neuer Versuch zur Herstellung dieser Verbindung gemacht worden, der jedoch abermals fehlgeschlagen ist.

Nach verschiedenen Nachrichten hatte der Dampfer Dutchman mit dem für diese Strecke bestimmten Taue von 300 Kilometer Länge am 12. Julius London verlassen, war aber durch ungünstige Winde genöthigt worden, in Plymouth anzulegen, von wo er erst am 17. unter günstigen Umständen seine Reise nach Cagliari fortsetzte. Ebendahin begab sich Hr. J. W. Brett von Paris aus in Gesellschaft des Hydrographingenieurs Hrn. Delamarche zur Leitung der Operation der Einsenkung. Der französische Staatsdampfaviso le Tartare, welcher schon bei dem vorjährigen Versuche mitgewirkt hatte und auch dießmal als Remorqueur vorausgehen sollte, erwartete daselbst bereits die Expedition.

Gleich zu Anfang der Operation scheint ein Unfall eingetreten zu seyn; unterm 9. August wurde aus Cagliari gemeldet, daß das Tau durch einen Zufall gerissen sey, daß man indeß das gerissene Ende wieder aufnehmen und auf der Legung beharren werde. Dann trafen günstige Nachrichten ein. Bis zum 15. August ging die Operation trotz mancher Schwierigkeiten und trotz sehr bedeutender Tiefen glücklich von statten und man gelangte bis einige Meilen von der Insel Galita. Wegen des zu Anfang vorgekommenen Unfalles und wegen der unerwarteten Tiefe und der unebenen Beschaffenheit des Meeresbodens – man stieß auf Abgründe von über 2000 Meter Tiefe, welche also über 4000 Meter des Taues in Anspruch nahmen, wo bei ebenem Boden einige Hundert Meter genügt hätten – reichte indeß die vorhandene Länge des Taues nicht bis zur afrikanischen Küste; dieß scheint auch der Grund gewesen zu seyn, weßhalb man sich, von der ursprünglich beabsichtigten Richtung abgehend (bekanntlich wollte man das Tau direct auf Bona führen) der Insel Galita zugewendet hatte. Ja, es scheint, daß das Tau nicht einmal lang genug war, um hier ans Land geführt werden zu können, oder daß vielleicht die dazu nöthigen Vorrichtungen nicht zur Stelle waren, und daß man einige Meilen von dieser Insel vor Anker liegend das Eintreffen des schleunigst durch den Telegraphen aus London requirirten Ergänzungstaues erwarten mußte. In dieser Lage trat plötzlich ein heftiger Sturm ein, während dessen das Tau am 19. August 8 Uhr Morgens etwa 500 Faden von der Küste an einer scharfen Felsenkante durchschnitten wurde. An ein Herausfischen des gerissenen Taues, welches in 5–600 Meter Tiefe lag, war nicht zu denken, und man mußte das Unternehmen daher abermals für dieses Jahr aufgeben. Hätte man das fehlende Tauende früher herbeischaffen |393| können, so wäre die Operation wahrscheinlich gelungen, da die Strecke von Galita nach Bona keine Tiefen von mehr als 200 bis 300 Metern darbietet, und ihre Länge nur etwa 1/6 der schon vollendeten beträgt. Jedenfalls scheint die Möglichkeit der Ausführung dieser Linie außer Zweifel gesetzt zu seyn.

Der Verlust wird auf etwa 1 3/4 Mill. Fr. angegeben; das Tau selbst war mit 30,000 Pfd. St., also 3/4 Mill. Fr. versichert. Hr. Brett soll der französischen Regierung einen ausführlichen Bericht über den Vorgang eingereicht haben, der indeß noch nicht an die Oeffentlichkeit gelangt ist. (Zeitschrift des deutsch-österreichischen Telegraphen-Vereins.)

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