Titel: Der Gebrauch des Gypses auf der Miststätte.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 142/Miszelle 13 (S. 398–400)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj142/mi142mi05_13

Der Gebrauch des Gypses auf der Miststätte.

Hr. Albert v. Fellenberg hat kürzlich ein Schriftchen75) herausgegeben, in welchem er die Ueberstreuung der Miststatten mit Gyps den Landwirthen aufs Dringendste empfiehlt, und aus welchem wir hier Einiges mittheilen wollen, denn obgleich der Gebrauch des Gypses zu diesem Zwecke nichts Neues ist, so wird doch bis jetzt der Gyps bei Weitem nicht so allgemein bei uns zu diesem Zwecke angewendet, als er es zu verdienen scheint.

„Bei der Behandlung und Aufbewahrung des Stallmistes, sagt Hr. v. Fellenberg, ist die Erhaltung des Stickstoffs im Miste durch Verhütung der Gährung und Zersetzung die Hauptsache, indem mehr und mehr erkannt wird, daß der Stickstoff das treibende Agens aller Düngmittel ist. Es wird daher gewiß manchem Landökonomen willkommen seyn, das schweizerische Verfahren mit Anwendung von |399| Gypspulver, wie ich es seit 5 Jahren mit dem größten Vortheil befolge, kennen zu lernen, indem es Alles leistet, was irgend von einem solchen conservirenden Verfahren gefordert werden kann, nämlich: Sicherheit und Vollständigkeit der Wirkung, Leichtigkeit in der Ausführung und Wohlfeilheit in der angewendeten Substanz.“

„Ich behandle meinen Mist folgendermaßen. Der Mist wird alle Tage aus dem Kuhstall entfernt, auf die Miststätte geführt und dort in Haufen abgelegt. Da ich sehr reichlich füttere, stark streue und die Streue öfters kehren und ordnen lasse, so wird sie von Mist und Urin ganz durchdrungen, und es wird alle Tage eine ansehnliche Menge Dünger erhalten. Hierauf werden aus dem längsten Stroh des Mistes auf einem Brettchen sogenannte Wellen oder Zöpfe bereitet. Dieses Stroh wird nämlich mit der Gabel sorgfältig der Länge nach auf dieses Brettchen gelegt, etwa in der Dicke von 3 Zoll, und mit den Füßen festgetreten. Hierauf legt man es in der Mitte zusammen, tritt es wieder fest und legt es an den Rand der Miststätte, worauf es an seiner Stelle wieder festgetreten wird. So werden Welle neben Welle hart aneinander, aber eben oder flach gelegt. Der übrige Mist wird nun mit der Gabel sorgfältig auseinander gezupft und längs dem Rand von Wellen in gleicher Höhe wie dieser verlegt, so eben wie möglich, so daß nirgends Unebenheiten sich zeigen. Hernach wird dieses Gebreite von Mist festgetreten, indem man nicht nur so obenhin darauf herumläuft, sondern auf und ab und seitwärts hin- und hergehend und tretend, denselben nach allen Richtungen festtritt. Ist dieses geschehen, so wird gewöhnlicher Säegyps (auf hundert Pfund frischen Mist 2 bis 2 1/2 Pfund) darauf gleichmäßig zerstreut.“

„Alle diese Manipulationen, welche in dem Kanton Bern, der Heimath der stolzen Misthaufen, ganz gang und gäbe sind, haben ihre guten Gründe – Gründe, die durch langjährige Erfahrungen außer Zweifel gesetzt sind. Das Aufbauen des Misthaufens mit festen Wellen, welche wie Mauersteine im Verband auf einander gelegt und geschichtet werden, hat zum Zweck, den Luftzutritt von der Seite abzusperren und dadurch den Mist vor organischer Zersetzung und Fäulniß zu bewahren. Hat man, wie es in den meisten Localitäten der Fall ist, keine Gelegenheit, seinen Misthaufen in einer Umfassung von Mauerwerk oder einer Holzwand aufzuschichten, damit er von der Seite vor Luftzutritt geschützt sey, so wird diese Mauer einfach und wohlfeil aus dem Material des Mistes selbst aufgeführt. Ferner haben diese Wellen den weiteren Vortheil, daß sie den Auslauf der Mistjauche hindern, wodurch der Mist feuchter bleibt. Das Festtreten des Mistes bezweckt aber nicht nur, das Eindringen der Luft von außen zu hemmen, sondern mehr noch die im Mist bereits enthaltene Luft auszutreiben und damit die Ursache der Fäulniß möglichst zu entfernen.“

„Durch all das wird aber noch nicht verhindert, daß der Mist in Gährung kommt, sich erhitzt und in Folge dessen das Ammoniak sich verflüchtigt. Die Fixirung desselben wird durch das Aufstreuen von Gyps erreicht. Es ist der Gyps unter allen Fixirungsmitteln (Torfasche, Torferde, gewöhnliche Erde, Schwefelsäure, Eisenvitriol) das wohlfeilste. Ich habe heuer 300 Fuder Mist gemacht und ausgeführt. Hätte ich diesen Mist statt mit Gyps (20 Faß à 7 Centner, welche 140 Franken = 65 fl. gekostet haben) mit Erde behandeln und durchschichten wollen, so hätte ich, um kein Ammoniak entweichen zu lassen, wenigstens 300 Fuder nöthig gehabt. Ich hätte also 600 Fuder Mist oder Compost bekommen. Diese Erde hätte ich aber graben, laden, zuführen und wieder hinausführen lassen müssen, was eine Mehrausgabe von 210 Franken = 98 fl. erfordert hätte. Torferde oder Torfasche läßt sich schon eher anwenden, da wo man sie hat, weil man davon weniger Masse bedarf, aber doch kommt auch da der Gyps noch wohlfeiler zu stehen.

„Schwefelsäure und Eisenvitriol sind jedenfalls theurer als Gyps und zugleich schwieriger anzuwenden. Beide können nur in Wasserauflösung angewendet werden, und dieß giebt schon mehr zu thun. Ein Centner gewöhnlicher Säegyps, der ungebrannt oder halbgebrannt ist, kommt hier auf 1 Franken zu stehen, an vielen Orten noch wohlfeiler. Ein Centner solchen Gypses enthält aber 40–50 Pfund Schwefelsäure, so daß im Gyps 1 Pfund Schwefelsäure nur auf 1/2 bis 3/4 Kreuzer kommt, während es im Handel 3–4 Kreuzer kostet.

„Wird der Mist, wie oben angegeben, behandelt, mit Gyps bestreut und Sommerszeit hie und da mit der abfließenden Jauche begossen, so wird man sehen wie der Misthaufen viel schneller an Höhe zunimmt, als sonst, und wie man (alle übrigen |400| Verhältnisse, Viehstand, Futter und Streue, als gleich angenommen) weit mehr Mist bekommt, als früher. Ich habe solchen mit Gyps behandelten Mist, welcher ein ganzes Jahr im Freien unbedeckt gelegen war, auf's Feld geführt, und er fand sich so durchaus unzersetzt vor, daß er die nämliche grünliche Farbe hatte, wie der ganz frische Mist; das Stroh hatte seine Zähigkeit nicht im Geringsten verloren und der ganze Haufen von Anfangs 6' Höhe hatte sich in Zeit eines Jahres bloß um 2'' gesetzt, ohne Zweifel mehr in Folge seines Gewichtes als einer Zersetzung. Solcher Mist verbreitet einen durchdringenden Geruch nach Schwefelwasserstoffgas; von Ammoniakgeruch merkt man aber nicht das Geringste, und bedenkt man, welche Mengen Ammoniak alljährlich von einem einzigen Misthaufen entweichen, so kann man sich denken, welch ein Gewinn es ist, diese sich mittelst einer geringen Ausgabe zu erhalten. Dazu kommt, daß der Gyps neben seiner das Ammoniak bindenden Eigenschaft auch für sich schon einen Dungwerth hat.“

„Die Resultate meiner Mistbehandlung lassen sich zusammenfassen, wie folgt:

1) Der Mist erleidet auf der Miststätte keinerlei Zersetzung und in Folge dessen bleibt sein ursprüngliches Volumen dasselbe, ob er nun bloß ein paar Wochen oder aber ein ganzes Jahr bis zur Verwendung liegen bleibt. Man hat somit den Vortheil, seinen Mist ohne Verlust aufbewahren zu können, bis die gelegene Zeit kommt, ihn aufs Feld zu führen, was für viele Wirtschaften von großem Belang ist, indem man viel freier ist in der Wahl der Fruchtfolge und der Vertheilung der Arbeiten.

2) Da der Mist völlig unzersetzt liegen bleibt, so kommt er in den Boden wie frischer Mist aus dem Stalle und zersetzt sich erst in demselben, wodurch die Producte seiner Fäulniß, die Kohlensäure und Ammoniak haltigen Gase, dem Boden ganz zu Gute kommen. indem sie von demselben zurückgehalten werden.

3) Der Mist zersetzt sich viel langsamer im Boden; er wirkt also länger und nicht so heftig. Folglich kann viel stärker auf einmal gedüngt werden als bisher, ohne befürchten zu müssen, man dünge zu stark.

4) Mist, der ein Jahr zuvor in hitzigem Boden untergepflügt war, fand sich beim nachfolgenden Pflügen noch fast ganz vor, jedoch in etwas vergangenem Zustande, etwa wie ungegypster Mist, der 1/2 Jahr auf der Miststätte liegen geblieben, während ungegypster Mist völlig verschwunden war. (Der Boden meines Gutes ist sehr hitzig und düngerverzehrend.)

5) Der Stickstoffreichthum dieses Mistes zeigt sich in auffallender Weise durch die außerordentlich üppige Vegetation der auf ihm gebauten Früchte. Der Klee namentlich zeigt eine äußerst kräftige Entwicklung und bedarf nicht aufs Blatt gegypst zu werden. Ich habe im Oehmdklee Stengel von 4' Höhe gefunden und auf einer Jucharte 3 große Fuder Klee-Oehmd gewonnen. Auch beim Korn zeigt sich seine stark treibende Wirkung sehr deutlich; es bestockt sich sehr stark und entwickelt eine ungemein üppige Vegetation; das Stroh wird viel höher, die Aehren sind vollkommener und viel schwerer. Aus diesem Grunde darf nur dünn gesäet werden, damit es sich nicht lagert, (Wer wollte nicht gern dünn säen, wenn ihm die Möglichkeit, es ohne Schaden zu thun, gezeigt wird?)

„Aber alle diese Vorzüge hängen von der Sorgfalt ab, mit der man den Mist behandelt; der Gyps allein thut es nicht und ohne die sorgfältige, man kann sagen kleinliche Besorgung (die aber einmal erlernt, sehr leicht ausführbar ist, würde seine Wirkung weit nicht so bedeutend seyn, weil dann schon im Haufen wegen des leichtern Zutritts der Luft die Zersetzung beginnen würde, welche die zur Stickstofferhaltung eingegangenen Verbindungen wieder trennen und zerstören würde. Das Ammoniak gelangt bekanntlich nicht als schwefelsaure Verbindung in die Pflanzen, sondern bloß als kohlensaures Ammoniak, es muß sich also im Boden wieder zersetzen, dieß soll aber nicht schon im Düngerhaufen, sondern erst im Boden stattfinden, denn sonst wäre der Zweck der Gypsanwendung total verfehlt.“ (Wochenblatt für Land- und Forstwirthschaft, 1856, Nr. 40.)

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Das Schriftchen erschien unter dem, Wohl nicht gut gewählten Titel: Ueber den Geist in der Materie oder Anleitung, zur Conservirung des Stickstoffs im festen und flüssigen Stalldünger, sowie zur rationellen Behandlung und Aufbewahrung desselben. Von Ferd. Albert von Fellenberg-Ziegler, Präsident der ökonomischen Gesellschaft des Kantons Bern und Gutsbesitzer in der Wegmühle bei Bern. Bern, 1856.

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