Titel: Ueberschwemmungen im südlichen Frankreich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 142/Miszelle 1 (S. 447–448)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj142/mi142mi06_1

Ueberschwemmungen im südlichen Frankreich.

Durch ein vom 19. Juli d. J. aus Plombières datirtes Schreiben des Kaisers Napoleon wird der Minister der öffentlichen Arbeiten angewiesen, alsbald Vorschläge darüber zu machen: auf welche Weise die Wiederkehr solcher Ueberschwemmungen, wie dieselben die unteren Flußthäler der Loire, Saone, Gironde und Rhone in diesem Sommer in so schrecklicher Weise heimgesucht haben, zu verhindern sey.

Das Schreiben geht in die Erörterung dieser wichtigen Frage gründlicher ein und stellt folgende Punkte hin als leitende Grundsätze für die in der fraglichen Angelegenheit zu machenden umfänglichen Studien:

Zum Schutze der an jenen Flüssen liegenden Städte und Ortschaften sind Dämme anzulegen, jedoch nur als secundäre Schutzmaßregeln anzusehen, da sie die fraglichen Orte zwar nothdürftig schützen, die Wiederkehr der Ueberschwemmungen aber nicht verhindern können, worauf ganz besonders und systematisch hinzuwirken ist. Das Deichsystem wird übrigens als ein den Staat ruinirendes Palliativmittel und deßhalb als unzulässig, aber auch der enormen Kosten (für die Rhone allein über 100 Millionen!) wegen als unausführbar bezeichnet.

Als vernünftig, praktisch, leicht ausführbar und bereits bewährt wird das System des Zurückhaltens der Inundations-Gewässer in den oberen Flußgebieten bezeichnet. Die Zuflüsse der großen Ströme sollen da, wo sie das Hochland verlassen, in engen Thälern, wo es leicht sich thun läßt, durch Dämme aufgestaut und dadurch Wasserbecken gebildet werden, welche bei plötzlichen Zuflüssen große Wassermassen ausnehmen und dieselben nur nach und nach entströmen lassen, wie es ohne Schaden für das unterliegende Land geschehen kann. Es ward in dieser Beziehung auf die Wirkung der Seen verwiesen, durch welche Flüsse gehen (Bodensee, Genfer-See etc.), wie auch auf die an der Loire bereits bestehenden Dämme zu Pinay, 12 Kilometer oberhalb Roanne (im Jr. 1711 für 170,000 Fr. erbaut) und zu La Roche (kostet 40,000 Fr.), welche 1846 wie jetzt wieder Roanne vor gänzlicher Verheerung geschützt haben. (Nach Boulangé, Ober-Ingenieur der Straßen und Brücken des Loire-Departements, soll die Ausdehnung dieses Systemes auf die Hauptflüsse der Loire durch 5 große Dämme und 24 Wehre nur 400,000 Fr. kosten.)

Die Dämme haben zugleich den Nutzen, daß sie Schlamm, zur Düngung der Felder verwendbar, wie auch Sand und Schotter auffangen, welche sonst die unterliegenden Gegenden verwüsten und die Flußbetten in schädlicher Weise anfüllen würden.

Wo die Dämme der Cultur der Thäler schaden, sind die Grundeigenthümer zu entschädigen. Das System derselben ist wo möglich auf die äußersten und alle Zuflüsse in Anwendung zu bringen.

Für die Loire wird zur Flußcorrection das System der inclinanten Weidendämme (so wenig in Frankreich wie in England bisher gekannt oder doch häufiger angewandt) empfohlen, theils um den Strom zu vertiefen, theils um nutzbares Land zu gewinnen.

Weiter wird das Project des Senkens des Wasserspiegels des Genfer-Sees durch Austiefung der oberen Rhone zur Prüfung empfohlen.

Endlich noch wird zur Erzielung einheitlicher und schneller Direktion angeordnet, daß die Behandlung der großen Flüsse einer Person anvertraut werden soll. Ebenso wird gewünscht, daß die in der Behandlung der Wasserstraßen erfahrenen Ingenieurs an demselben Platze vorrücken können, damit die von denselben erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen dem Staate zu Nutze kommen und nicht durch Versetzung an andere Posten oder Orte ganz oder theilweise verloren werden.

Durch solche Behandlung der Sache, welche nach der großen Ueberschwemmung von 1846 leider unterblieb, hofft der Kaiser Resultate zu erzielen, welche die Wiederkehr |448| solcher Calamitäten wo nicht verhindern, so doch verringern. B. (Zeitschrift des hannoverschen Architekten- und Ingenieurvereins. 1856, Bd. II S. 390.)

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