Titel: Die gemischten Gespinnste und Gewebe
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1856, Band 142/Miszelle 6 (S. 449–451)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj142/mi142mi06_6

Die gemischten Gespinnste und Gewebe

erweckten auf der Pariser Ausstellung große Ueberraschung. Die Verbindung mehrerer verschiedenartiger Spinnstoffe zu einem einfach gedrehten Faden ist erst das Werk der neuesten Zeit und datirt in den Manufacturstädten Frankreichs kaum ein Decennium zurück. Seitdem sind darin außerordentliche Fortschritte, sowohl in den Combinationen der Spinnstoffe für die Erreichung eines bestimmten Effectes im Gewebe oder in der Farbe, als auch bei der Verspinnung selbst gemacht worden, |450| und noch steht dieser Zweig in schnell vorgehender Entwickelung. England mag wohl für diese Spinnerei durch Vermischung des harten Kammgarnes, Alpakas und Mohairs, sowie des Mohairs und Alpakas mit Seide den Impuls gegeben haben; Frankreich aber scheint bestimmt, das Princip eigentlich auszubeuten und einen großartigen Zweig in der Kleiderstoff-Fabrication damit zu begründen. Man verspinnt jetzt bis zu vier verschiedenen Stoffen mit einander, nämlich Kammwolle, sowohl weiche als englische harte, Baumwolle, Seide oder Schappe oder bourre de soie, Mohair und Alpaka, und gibt die Mischungen davon in verschiedenartigen Verhältnissen; ebenso zwirnt man solche gemischte Fäden. Wie weit man in diesen Combinationen noch vom letzten Ende entfernt ist, bewies ein ausgestelltes neues Product, das gezwirnt war, und unter dem Namen Coton lustre, eine billige Nachahmung des Seidenfadens bezweckte. Diese Art der Kammgarnspinnerei verdient von den Fabrikanten die höchste Beachtung. Hier liegt der Zweck klar ausgesprochen, einen theueren Stoff durch billigere zu ersetzen, die bei gleicher Güte den gleichen Effect im Gewebe hervorbringen. Das Feld, das sich hier aufthut, ist ein unendlich weites für den Spinner wie für den Fabrikanten. An den Fortschritten, welche namentlich Frankreich jetzt in den gemischten Gespinnsten zu machen beginnt, hat Deutschland bisher noch nicht Theil genommen, der Begehr nach reinem Kammgarn ist ein so starker, daß es bis jetzt, ungeachtet der bedeutenden Einfuhr von Frankreich und England, nur mit Befriedigung dieses Bedarfes zu thun hat. Die eigentliche Bedeutung der gemischten Gewebe ist noch der Zukunft vorbehalten, denn sie sind theils, wenn auch auf ein ziemlich ausgedehntes Feld sich erstreckend, doch nicht viel mehr als in ihren Anfängen vor uns aufgetreten, theils können wir sogar bloß die Keime der Entwicklung bis jetzt überblicken. Die ungeheure Ausdehnung aber, die dieser Industriezweig in dem verhältnißmäßig sehr kurzen Zeitraum der letzten zehn Jahre gewonnen hat, läßt uns zu dem Schlusse kommen, daß analog den Erscheinungen in andern Zweigen, eine große Aenderung in den Verbrauchsverhältnissen und ein großartiger Begehr nach gemischten Stoffen in keine ferne Zeit gerückt seyn werde.

Die einfache Beobachtung des praktischen Lebens genügt zur Bestätigung dieser Behauptung. In den bemittelteren Classen der Bevölkerung haben die Kleiderstoffe aus Kammgarn und gemischtem Spinnmaterial den Verbrauch von Baumwollwaaren vielfach verdrängt und auch der Verwendung von Seidenstoffen eine Gränze gesetzt, die sich in der Zukunft noch mehr einengen dürfte. Der gleiche Proceß beginnt bereits in den Bedürfnissen der weniger bemittelten Volksclassen sich sehr bemerkbar zu machen. Es ist eine beachtenswerthe Thatsache, die alle Aufmerksamkeit verdient, daß selbst in England die Druckereien, die bis vor Kurzem nur der Baumwolle gewidmet waren, sich bereits auch mit dem Wolldruck befassen. Namentlich ist es die Baumwollwaaren-Manufactur, welche mit einem großen Theile ihrer jetzigen Artikel den Markt wird räumen müssen, wie sie es jetzt schon in einzelnen Zweigen gethan hat.

Der Fabricationsgewinn bei den gemischten Stoffen ist gegenwärtig noch ein außergewöhnlich hoher. Besprechungen mit mehreren speciellen Sachverständigen haben zu dem Resultate geführt, daß die Preise, welche die Fabrikanten des Districtes von Roubaix, namentlich für ihre neuen und feinern Stoffe, von den Consumenten bewilligt erhalten, im Verhältniß zu den Herstellungskosten so hoch erscheinen, daß sie bei weitern Fortschritten in der Fabrication und bei der zunehmenden Concurrenz sogar bis unter die Hälfte ihres jetzigen Standes herabgemindert werden können und immer noch einen anständigen Unternehmergewinn abwerfen. Auch mehrere Fabrikanten aus Roubaix machten das Zugeständniß, daß die Möglichkeit einer bedeutenden Preisminderung nicht ernstlich bestritten werden könne. Es wiederholt sich hier die allgemeine Erscheinung in der Sphäre der Industrie, daß derjenige, welcher zuerst einen eigenthümlichen Genre ergreift und sich mit aller Macht darauf wirft, auch den reichsten Gewinn davon erntet, und daß später, wenn sich eine größere Concurrenz solcher Artikel bemächtigt, die Aufnahme derselben in andern Staaten zu einem weniger lucrativen Unternehmen wird, ja oft nur einen siechen Industriezweig zur Erscheinung bringt.

Die Verbindung verschiedener Materialien in einem und demselben Stoffe, namentlich wenn die Vermischung schon im Garne stattfindet, sichert, wenn sie zum Gegenstande des besondern Studiums gemacht wird und in richtig bemessenen Verhältnissen |451| stattfindet, ganz eigenthümliche überraschende und ungekannte Effecte, theils in dem Lustre der Stoffe, theils im Reflex der Farben. Hierdurch aber greifen die gemischten Stoffe in andere Zweige der Gewebe ein, und gestatten daher die Geschmacksrichtung dieser auf sich herüberzuziehen und alle diejenigen Dessins zu benutzen, die bald in diesem, bald in jenem Stoffe von hervorragender Wirkung auf Auge und Gefühl sind. Es sind die angeführten Momente weiter auch die Basis dafür, daß der Industriezweig eben so sehr dem höchsten Luxus wie den Anforderungen an eine gewöhnliche Gebrauchswaare dienen kann, und die Preise der Producte kaum irgendwo anders einer ähnlichen Abstufung fähig sind. Dieß läßt in weiterer Folge eine ungewöhnliche, ausgedehnte Concurrenz unter den Fabrikanten selbst zu, die für die Consumenten und den Absatz im höchsten Grade vortheilhaft, für den Industriellen aber, der Mannichfaltigkeit der Artikel wegen, unter denen seine Thätigkeit, sein Talent und seine Neigung sich auswählen und vorzugsweise befassen kann, nie nachtheilig zu werden vermag.

Alle Momente weisen uns darauf hin, uns mit aller Macht auf das große Gebiet der gesammten Kammgarn-Industrie zu werfen, so wie es Frankreich, im Vorgefühle dessen, was seiner Baumwollwaaren-Industrie bevorsteht, bereits begonnen hat.

Die Mittel, Frankreich nachzufolgen, bestehen vornehmlich in einer größeren Ausdehnung, zum Theil auch in der Vervollkommnung der Kammgarnspinnerei, namentlich in deren Einrichtung auf die gemischten Gespinnste, in einem sorgsamen Studium der Natur der einzelnen Spinnmateriale und des Effectes ihrer Combinirung im Gewebe, in der Verbesserung der Weberei, der möglichst ausgedehnten Einführung von Poowerlooms und der Vorrichtung des mechanischen Schützenwechsels, endlich in einer möglichst vollständigen Trennung der Färberei und Appretur von den übrigen Fabricationsmanipulationen. (Oesterr. amtl. Ber. über die Pariser Ausstellung 3. Heft, S. 21. 24. 86. 117. 119. 124.)

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