Titel: Ueber das Verhalten Krupp'scher Gußstahlbandagen
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1857, Band 144/Miszelle 2 (S. 75–77)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj144/mi144mi01_2

Ueber das Verhalten Krupp'scher Gußstahlbandagen

liegen jetzt mehrere Urtheile vor, wovon wir in Nachfolgendem anszüglich das Wesentlichste mittheilen.

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1. Bayerische Staatsbahn. Von 2 Paar dem königl. Oberbahnamt Augsburg zur Verwendung und Probe übergebenen Krupp'schen Gußstahlbandagen wurde 1 Paar unterm 23. April 1855 der Maschine „Rosenheim,“ das andere unterm 17. Mai v. J. der Maschine „Friedberg“ unterstellt. Bis April 1856 hatte die Maschine „Rosenheim“ einen Weg von 6422 Stunden durchlaufen, während an den Gußstahlbandagen weder am Reife noch am Spurkranze die geringste Abnutzung bemerkbar war; es befand sich das Räderpaar noch im selben Zustande, wie es vor einem Jahre der Maschine unterstellt worden war. Das zweite Räderpaar an der Maschine „Friedberg,“ welches auf der Strecke zwischen Lindau und Kempten in den strengen Curven läuft, wurde während der Zeit zwar einmal, jedoch unbedeutend abgedreht. Diese Abdrehung geschah nicht wegen Abnutzung des Reifes oder Spurkranzes, sondern es mußten die Räder, weil die Höhlung des Spurkranzes dem Schienensystem nicht entsprach, auf der Fläche mehr conisch gerichtet werden. Seit 17. Mai 1855 hatten dieselben 6400 Wegstunden zurückgelegt.

2. Düsseldorf-Elberfelder Eisenbahn. Auf 4 Stück 4 1/2 im Durchmesser haltende Räder der Gütermaschine „Düssel“ wurden in 1855 vier Gußstahlbandagen gezogen Die Räder sind verkuppelt, liegen vor der Feuerbüchse und sind mit circa 400 Ctr. belastet. Nachdem die Maschine mit diesen Rädern eine Wegestrecke von 3144 Meilen durchlaufen hatte, waren die Bandagen circa 0,10'' rhein. eingelaufen; die Abnutzung war überall ganz gleichmäßig. Die Spurkränze zeigten eine beinahe unmeßbare Abnutzung. Die Räder wurden abgedreht und erschienen nach dem Abdrehen vollkommen rein und fehlerlos.

3. Wilhelmsbahn. Auf dieser Bahn befinden sich drei Achsen mit Gußstahlbandagen im Betriebe, und zwar ist eine derselben Vorderachse einer Schnellzugmaschine (nach Crampton'schem Princip), die andern beiden sind Triebachsen einer gekuppelten Maschine. Die Motive für Beschaffung der erwähnten Stahlreifen waren folgende: Die Vorderachse der in Rede stehenden Schnellzugmaschine trägt 230 Zollctr. Last, und hat bei der Fahrgeschwindigkeit von 8 Minuten pro Meile 6 Umdrehungen in der Secunde zu machen. Unter diesen Umständen zeigten die eisernen Radbandagen eine außergewöhnlich große Abnutzung, mußten nach etwa 600 zurückgelegten Meilen des Spurkranzes wegen abgedreht werden, und wenn die Dicke der Bandage, welche neu 2 1/4'' betrug, bis auf 1 3/4'' reducirt war (was bei dreimaligem Abdrehen gewöhnlich eintrat, zeigte sich die bedenkliche Erscheinung des Auswalzens durch Verbreiterung und Losewerden an, und bedingte ohne Weiteres die Anschaffung von neuen Reifen. Die Dauer eines Bandagenpaares für eine Schnellzugs-Vorderachse war auf der Wilhelmsbahn 8 bis 9 Monate mit ungefähr 1800 zurückgelegten Meilen. Für den Versuch mit Stahlbandagen auf gekuppelten Achsen bestimmte die Schwierigkeit, 4 Räder auf gleichem Durchmesser zu erhalten, was doch für die Leistungsfähigkeit und Conservirung des gehenden Werkes so nothwendig ist. Um das Resultat des Versuches maßgebend für alle anderen Fälle zu machen, wurden die Räder derjenigen Lastzugmaschine mit Stahlbandagen versehen, welche täglich die Interimsbahn (mit Steigung von 1/45 und Curve von 70 Ruthen Radius) befährt. Die Vorderachse der Schnellzugmaschine hat nun seit December 1856 mit Stahlbandagen 1200 Meilen zurückgelegt und ist an der Kronfläche (welche die Schienen berührt) unverändert und so glatt gelaufen, wie es kaum der Drehbankstichel herzustellen im Stande wäre. Die Flantschen derselben sind sehr wenig angelaufen, und die Achse kann unbedenklich nochmals 200 Meilen laufen, ehe ein Abdrehen von höchstens 1/8'' nöthig seyn wird. Die Lastzugmaschine durchlief mit Stahlbandagen 1500 Meilen, wobei die Reifen durchaus glatt und dicht wurden, ohne sonst die mindeste Abnutzung zu zeigen.

4. Braunschweigische Staatsbahn. Für dieselbe wurden im Jahr 1855 zwölf Stück ungeschweifte Gußstahlreifen, welche zu einer mit 2 gekuppelten Triebachsen versehenen Lastzugmaschine von 491 Zollctr. Gewicht im fahrbaren Zustande und zu einem Tender von 265 Zollctr. Gewicht bei mittlerer Belastung mit Wasser und Kohks verwandt sind, geliefert. Diese Reifen haben nach einer beträchtlichen Leistung eine unerhebliche und durchaus gleichmäßige Abnutzung erlitten, aus welchen Umständen sowohl auf eine bedeutende, als auf eine gleichmäßige Härte des Materials zu schließen ist. Von rissigen oder unganzen Stellen zeigen die Reifen nicht einmal eine Spur. Nach einer Benutzung auf 4454 Fahrmeilen wurden die |77| fraglichen Reifen allerdings nachgedreht, jedoch nicht gerade aus einem deßfallsigen Bedürfnisse, sondern weil die Maschine nebst Tender in andern Theilen einer durchgreifenden Reparatur unterworfen war.

5. Die mit Krupp'schen Gußstahlbandagen versehene Maschine „Wien-Raab,“ zur Industrie-Ausstellung nach Paris bestimmt, hatte bei ihrer Probefahrt von Wien auf den Semmering bei einer Steigung von 1 : 40, inclusive ihres eigenen Gewichtes, 2900 Ctr. über Stellen mit feuchten Schienen gezogen, wobei ihre Tyres eine eben so große Adhäsion, als wie mit den schmiedeeisernen Tyres gezeigt haben.

6. Lombardisch-Venezianische Eisenbahn. An der Locomotive „Piave,“ welche von der Maschinenfabrik der Wien-Raaber Eisenbahn mit Ende des Jahres 1854 geliefert wurde, sind vier gekuppelte Räder von 1,78 Meter Durchmesser mit Stahlreifen versehen. Vom 26. October 1854 bis 4. Februar 1856 durchlief diese Locomotive 4227 Meilen, und nach solchem Dienste fand sich an den Reifen des einen Räderpaars eine Abnützung von 1 1/2 Millimeter, an denen des andern von 2 Millimetern. Hierauf wurden die Reifen abgedreht und alle vier genau auf einen gleichen Durchmesser gebracht. Seit jener Zeit bis Ende October 1856 durchlief die Locomotive weitere 2792 Meilen, ohne daß ein merklicher Verbrauch an den Reifen bemerkt wurde

7. Oesterreichische Staatsbahnen. Auf den Bahnen der österreichischen Staatseisenbahn-Gesellschaft sind 12 Locomotiven vorhanden, deren sämmtliche Räder mit Krupp'schen Gußstahlreifen versehen sind. Diese Maschinen hatten damit bis October 1856 von 811 bis 2625 Meilen zurückgelegt und es betrug die Abnutzung von 1/2 bis 2 Linien, war aber so gleichförmig, daß man noch für längere Zeit kein Abdrehen für nöthig erachtete. Ein Ausdrücken in Folge weicher Stellen war noch nicht vorgekommen.

8. Sächsische Staatsbahnen. Ueber das Verhalten der Gußstahlbandagen auf dieser Bahn vergleiche die Mittheilung in Nr. 50 der Eisenbahnzeitung vom vorigen Jahr.

9. Württembergische Staatsbahn. Mehrere für die schweren Locomotiven auf der schwäbischen Alp angeschaffte Gußstahlbandagen sind seit einigen Monaten in Benützung, ohne eine Spur von Abnützung zu zeigen, während alle für diese Maschinen bis jetzt angewendeten eisernen und Puddelstahl-Bandagen von ganz kurzer Dauer waren.

Wir lassen ein Preisverzeichniß der Krupp'schen Gußstahlbandagen ohne Schweißung folgen, mit dem Anfügen, daß für Waggonräder eine Stärke der Bandagen von 1 1/4 Zoll, für Tender und Locomotiven von 1 1/2 Zoll, und für die allerschwersten Maschinen von 1 3/4 Zoll genügt.

Textabbildung Bd. 144, S. 77

(Eisenbahnzeitung, 1857, Nr. 7.)

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