Titel: Ueber das sogenannte Klettenwurzelöl; von H. Creuzburg.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1857, Band 144/Miszelle 7 (S. 239–240)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj144/mi144mi03_7

Ueber das sogenannte Klettenwurzelöl; von H. Creuzburg.

Der Glaube an die haarstärkende Wirkung der Klettenwurzel führt zurück in die sogenannte Alongeperückenzeit, jene Zeit der ellenlangen Recepte und der monströsen Kräuterbücher, wovon noch zuweilen Exemplare in alten Apotheken oder in der Bibliothek eines alten Hirten oder Schäfers als Reliquien sich vorfinden. Allen in diesen Folianten durch Holzschnitt ausgeführten Kräutern ist eine Beschreibung ihrer angeblichen Wirkung beigefügt, denn es gab damals kein Kräutlein, welchem die alten Aerzte nicht eine erkleckliche Anzahl von Heilkräften auf Menschen und Vieh zutheilten. Es ist bekannt, daß die neuere Heilkunde den größten Theil dieser Kräuter und Wurzeln aus dem Arzneischatz auszuscheiden für gut fand, – wiewohl es fast eines Jahrhunderts bedurfte, um in diesem Betreff die Spreu von den Körnern zu sondern, und die Grundlosigkeit der Angaben bezüglich der Heilkraft vieler dieser Kräuter und Wurzeln ans Licht zu stellen.

Aus einem solchen alten Kräuterbuche datirt sich der irrige Glaube an die haarstärkende Wirkung der Klettenwurzel, welcher sich bis auf heutigen Tag erhalten hat. Die Klettenwurzel hat aber, chemischen Analysen und Zeugnissen Sachverständiger zufolge, nicht die geringste derartige Wirkung. Die schleimige Klettenwurzel gibt an fettes Oel von ihrer Substanz gar nichts ab; woher sollte die haarstärkende Wirkung des Oeles kommen? – Es gibt daher gar kein haarkräftigendes Klettenwurzelöl, und wenn ein Haarkräusler (angeblich durch vieljähriges Nachdenken) ein so beeigenschaftetes Klettenwurzelöl erfunden haben will, so ist das einer von jenen |240| frechen Betrugswegen, deren sich die Charlatanerie bedient, um das Publicum zu täuschen und zu übervortheilen.

Allerdings gibt es Mittel, welche auf den sogenannten Haarboden stärkend und belebend wirken, – warum sollte es deren nicht eben so gut wie für andere Krankheiten geben? – aber gerade diese rechten Mittel scheinen noch wenig bekannt zu seyn; zu diesen Mitteln kann aber am allerwenigsten die Klettenwurzel gehören, deren schleimige Substanz hauptsächlich aus einem stärkmehlartigen Körper (Inulin) besteht; – man könnte noch hinzusetzen, daß die Klettenwurzel keineswegs ein blutreinigendes Mittel ist, wofür sie bis heute gehalten und gebraucht wird.

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