Titel: Siemens' und Halske's neuer magneto-elektrischer Zeiger-Apparat.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1857, Band 144/Miszelle 1 (S. 314–316)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj144/mi144mi04_1

Siemens' und Halske's neuer magneto-elektrischer Zeiger-Apparat.

Seit lange ist man bemüht, für den Eisenbahnbetrieb einen allen Anforderungen an Einfachheit und leichte Behandlung entsprechenden Zeiger-Telegraphenapparat zu construiren, welcher ohne besondere Geschicklichkeit und Einübung von jedem Bediensteten bedient werden kann. Die Besitzer der berühmten Telegraphenbauanstalt, Herren Siemens und Halske in Berlin, glauben jetzt diese Aufgabe mit ihrem neuen Inductions-Zeigerapparat gelöst zu haben, worüber sie den Eisenbahnverwaltungen folgende Mittheilung zugehen ließen.

Der Apparat besteht aus zwei Theilen: 1) aus dem die Stelle der Batterien vertretenden Magnet-Inductor oder Stromgeber, und 2) aus dem eigentlichen Zeiger. Beide Apparattheile sind in einem hölzernen Kasten eingeschlossen.

Der Inductor besteht aus einem um seine Längeachse drehbaren Eisen-Cylinder, welcher der Länge nach mit einem tiefen rings um ihn herumlaufenden Einschnitte versehen ist. Dieser Einschnitt ist mit übersponnenem Kupferdrahte ausgefüllt. Mit Hülfe einer Kurbel dreht sich der Cylinder zwischen den entgegengesetzten Polen mehrerer kleiner, mit geringem Zwischenraume übereinander geschichteter Stahlmagnete, als deren gemeinschaftlicher Schließungsanker er auftritt.

Bei jeder halben Umdrehung des Eisencylinders wird ein kurzer, aber kräftiger Strom in seinen Drahtwindungen erzeugt, welcher die Leitung durchläuft und alle eingeschalteten Zeichengeber um einen Schritt fortbewegt. Bei der folgenden halben Umdrehung des Cylinders erfolgt ein Strom von gleicher Stärke, aber entgegengesetzter Richtung, welcher die Zeichengeber wieder um einen Schritt fortbewegt u.s.f.

Der Zeiger, auch Indicator oder Zeichengeber genannt, besteht aus einem drehbaren Elektromagneten, dessen Polverlängerungen so zwischen den entgegengesetzten Polen zweier hufeisenförmigen Stahlmagnete placirt sind, daß sie von beiden mit gleicher Kraft angezogen werden. Durchläuft nun ein Strom die Windungen des Elektromagnetes, so wird dieß Gleichgewicht gestört und es erfolgt die Drehung des Eisenkernes des Elektromagnetes je nach der jedesmaligen Richtung des Stromes in einem oder anderem Sinne. Die hierdurch erzeugten Oscillationen des Elektromagnetes werden durch einen mit ihm verbundenen gabelförmig gespaltenen Arm mittelst zweier an denselben befestigter federnder Haken auf die Zähne eines kleinen Rades übertragen, welches hierdurch in Rotation versetzt wird. Die Achse dieses kleinen Rades trägt den Zeiger des Zeichengebers. Die Zifferblätter der Stromgeber und Zeichengeber sind mit den Buchstaben des Alphabets in gleicher Zahl und Reihenfolge beschrieben.

Wird daher die Kurbel bis auf irgend einem Buchstaben gedreht, so müssen alle Zeiger der eingeschalteten Apparate bis auf denselben Buchstaben fortrücken. Der oscillirende Magnet ist mit einem Hammer versehen, welcher an zwei am Kasten befestigte Glocken schlägt, wenn der Wecker durch Eindrücken eines Knopfes eingeschaltet ist und dadurch ein kräftiges Weckerwerk bildet. Die Regulirung der Zeigerstellung geschieht dadurch, daß man den unten am Zeichengeber befindlichen Knopf niederdrückt und die Kurbel bis auf das obere weiße Feld herumdreht.

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Dieser magnetische Zeigertelegraph eignet sich vorzugsweise zum Telegraphenbetriebe der Eisenbahnen, da er

  • 1) sehr leicht mit Sicherheit zu bedienen ist. Die geringe Fertigkeit, welche erforderlich ist, um die Kurbel bis zu dem Buchstaben zu drehen, welcher angezeigt werden soll, erlernt jedermann in wenigen Stunden. Es kann mithin der Telegraphendienst von dem anderweitig beschäftigten Bureaupersonale stets nebenbei ausgeübt werden.
  • 2) Es sind durchaus keine Correcturen oder Einstellungen vorzunehmen, um die Apparate in sichern Gang zu bringen. Einmal richtig adjustirt, hat er die richtige Stellung für alle Entfernungen und Stromstärken.
  • 3) Er bedarf gar keiner Batterien, indem der nöthige elektrische Strom durch den Apparat selbst erzeugt wird.
  • 4) Bei einiger, leicht zu erwerbenden Uebung kann man mit demselben schneller sprechen wie mit irgend einem andern, da die Kurbel in beliebiger Geschwindigkeit gedreht werden kann.
  • 5) Es kann eine große Anzahl, mindestens 10 Apparate in einem Kreise eingeschaltet werden, ohne die Sicherheit des gleichmäßigen Ganges aller Apparate zu vermindern.
  • 6) Er nimmt einen kleinen Raum einen, ist überall leicht aufzustellen, daher wegen des Wegfalls aller Batterien, Räderwerke und Gewichte zu transportablen Telegraphen besonders geeignet.

Ueber die praktische Brauchbarkeit und Sicherheit des beschriebenen Apparates spricht sich das nachfolgende Zeugniß der k. bayerischen Telegraphen-Direction ausführlich aus.

„Die Sicherheit des Betriebes auf den k. bayerischen Staats-Eisenbahnen, welche bei einer Länge von 126 Meilen und einer Gesammtzahl von 132 Stationen und Haltestellen nur ein Schienengeleise besitzen, erfordert nothwendig eine ausgedehnte und gut organisirte Telegraphen-Einrichtung. die gestattet, von und nach allen Stationen nicht allein Signale sondern vollständige Depeschen zu befördern. Bei der großen Zahl der hierzu nöthigen, verhältnismäßig sehr nahe an einander gerückten Apparate, erscheint die Abtheilung der Linien in kleinere Schließungskreise durch die Anforderungen des Dienstes bedingt, welcher, mehr ein localer, hauptsächlich den Gang der Züge betreffender, empfindlich benachtheiliget würde, wenn auf einer längeren Linie immer nur zwei Stationen gleichzeitig correspondiren könnten, während alle übrigen, vielleicht gerade vom Laufe der Züge berührten, schweigen müßten. Die Verwendung von Schreibapparaten nach Morse's System ist aber schon aus dem Grunde nicht zweckmäßig. weil nach genügender Erfahrung die niederen Eisenbahnbediensteten an den Haltestellen sogar Bahnwärter, in deren Hände nothwendigerweise die Handhabung der Apparate gelegt werden muß, neben der Besorgung ihres ordentlichen Dienstes nie die für alle Fälle nöthige Kenntniß und Uebung hierzu erlangen können.

Die auf den älteren bayerischen Bahnstrecken seit dem Jahre 1850 in Benützung stehenden Stöhrer'schen magneto-elektrischen Zeiger-Apparate hatten trotz der zahlreichen Mängel ihrer Construction Gelegenheit gegeben, die bedeutenden Vortheile wahrzunehmen, welche daraus erwachsen, daß zu ihrer Ingangsetzung keine hydrogalvanischen Batterien erforderlich sind; dadurch entfällt eine ganze Reihe von Störungen, welche die Unterhaltung der letzteren in den Händen ungeübten und vielbeschäftigten Personals unvermeidlich herbeiführt. Bei Ausführung der neueren Telegraphen-Einrichtungen für die bayerischen Staatsbahnen gab deßhalb das k. bayerische Telegraphenamt der Beibehaltung dieses Apparatensystems den unbedingten Vorzug, legte jedoch, die Erfahrung mit den älteren Apparaten benutzend, der rühmlichst bekannten Telegraphen Bauanstalt von Siemens und Halske in Berlin ein Constructions-Programm vor, welches folgende Bedingungen enthielt:

Erzeugung des Stroms durch die Bewegung von Inductions-Spiralen.

Minimal-Geschwindigkeit des Zeigers, wenigstens so groß, wie bei den älteren Zeiger-Apparaten von Siemens und Halske.

Arretirung des Zeigers durch den Strom selbst, ohne Anwendung eines besonderen Uhrwerks.

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Vollkommener Verschluß des Apparates, so daß der Telegraphirende nur zu den ihm nöthigen Correcturen, welche nach außen gelegt werden müssen, gelangen kann, und Sicherung des Zeigers gegen Berührung mit der Hand.

Solide, nicht zu empfindliche Construction und Verwendung starker Stahlmagnete zur Erzeugung eines kräftigen Stroms, endlich Anbringung einer möglichst starktönenden Allarmglocke für den Anruf.

Die Herren Siemens und Halske haben diese Aufgabe meisterhaft gelöst; die von ihnen gelieferten Apparate zeichnen sich durch außerordentliche Einfachheit ihrer Construction, durch vollständige Erfüllung der gestellten Bedingungen aus. Sie sind compendiös, erfordern kein Laufwerk, die Bewegung der Kurbel findet ohne bemerklichen Kraftaufwand statt, da durch die eigenthümliche Construction des Magnet-Inductors dieser nur eine sehr geringe Trägheit besitzt. Die Arretirung des Zeigers erfolgt gleichzeitig mit der mechanisch und auf äußerst einfache Weise bewirkten Arretirung der Kurbel. Die nöthigen Correcturen können durch den Strom selbst vorgenommen werden, die Zeiger laufen vollkommen sicher und fast unbegränzt schnell. Die Erlernung der Manipulation hat für jeden, der ohnehin lesen und schreiben kann, durchaus keine Schwierigkeiten.

Seit dem 15. September 1856 sind auf der bayerischen Südnordbahn successive 47 Apparate aufgestellt worden, und werden seit jener Zeit durch das gewöhnliche Bahndienstpersonal betrieben und sehr stark benützt. Bis jetzt haben dieselben weder Correcturen, noch sonstige Aenderungen nothwendig gemacht, ihren Zweck in jeder Beziehung vollständig erfüllt, und durchaus zu keiner Beanstandung Veranlassung gegeben; sie können deßhalb jeder Bahnverwaltung aus vollster Ueberzeugung empfohlen werden.“

Der Preis eines Apparats in einem pultförmigen eleganten Kasten beträgt 170 Thlr., in weniger eleganter Ausführung 150 Thlr. Ein abgesonderter Wecker-Apparat dieses Systems, um damit ein stärkeres Läuten zu erzielen, kostet 20 Thlr. (Eisenbahnzeitung, 1857, Nr. 13.)

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