Titel: Ueber die Vorzüge des Zusammenwirkens zweier oder mehrerer Motoren auf die gemeinschaftliche Betriebswelle einer Fabrik; von Gerhard Uhlhorn.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1857, Band 144/Miszelle 1 (S. 461–463)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj144/mi144mi06_1

Ueber die Vorzüge des Zusammenwirkens zweier oder mehrerer Motoren auf die gemeinschaftliche Betriebswelle einer Fabrik; von Gerhard Uhlhorn.

Gegenwärtig werden noch viele Etablissements durch Wasser- und Dampfkraft oder durch mehrere Dampfmaschinen getrennt betrieben, weil man in Ermangelung einer zweckentsprechenden beweglichen Kuppelung eine Verbindung genannter Motoren in manchen Fällen nicht wagen durfte. Dieses veranlaßte mich. über eine derartige Vorrichtung nachzudenken, und ist es mir gelungen selbige in zweifacher Weise herzustellen, so daß sie nunmehr allen Anforderungen der Zweckmäßigkeit und Gefahrlosigkeit entspricht.

Daher wurden mir bereits in Preußen, Oesterreich, Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden und Frankreich die verlangten Patente unter Anerkennung der sinnreich einfachen Construction ertheilt und bei der Pariser Ausstellung eine Medaille verliehen, nachdem die Jury meine Vorrichtung, dem bestehenden Pover-Quertier'schen Sperrklinkensystem gegenüber, als bedeutende Verbesserung, respective neue |462| Erfindung, anerkannt hatte. Aus diesen Gründen erlaube ich mir die geehrten Industriellen auf die Nützlichkeit einer solchen Verbindung aufmerksam zu machen und darauf eine Motivirung der Vorzüge meiner Erfindung, vor dem in Frankreich erfundenen Sperrklinkensystem folgen zu lassen

1) Haben zwei Motoren, ein Wasserrad (Turbine) und eine Dampfmaschine, hinreichend oder mehr Kraft als zum Betriebe eines Etablissements nöthig ist, so behalten sie, durch diese bewegliche Kuppelung verbunden, eine viel gleichmäßigere Geschwindigkeit bei, als wenn jede für sich wirkt, welches oft von großem Vortheil ist.

So wird z.B. in einer Spinnerei bei gleichmäßiger Geschwindigkeit das Zerreißen der Fäden viel weniger vorkommen, als bei abwechselnder.

Daß zwei, durch diese bewegliche Kuppelung verbundene Motoren eine gleichmäßigere Geschwindigkeit beibehalten, als bei getrenntem Betriebe erreicht wird, hat seine Ursache darin, daß sich beide Kräfte gleichsam ergänzen.

Ist mehr als die erforderliche Kraft, z.B. durch Ueberfluß an Wasser, vorhanden, so wird, wenn die Hauptbetriebswelle schneller als die mittlere Geschwindigkeit geht, der Regulator den Dampf absperren und dadurch die gewünschte Geschwindigkeit bald hergestellt seyn.

Ist dagegen wenig Wasser vorhanden und fängt deßhalb die Betriebswelle an langsamer zu gehen, so wird der Regulator mehr Dampf einströmen lassen und sehr schnell die mittlere Geschwindigkeit hergestellt seyn, so lange beide Kräfte nur ausreichend sind.

Außerdem ist es ersichtlich, daß beim An- und Absetzen von Maschinen sich die Geschwindigkeit zwei verbundener Motoren nicht in dem Verhältniß vermindern oder vergrößern wird, als bei jedem einzeln für sich wirkenden.

Z.B. Ich habe eine Wasserkraft von vierzig Pferden und eine Dampfmaschine von derselben Stärke. Setze ich beim getrennten Betriebe Maschinen, welche zehn Pferdekraft erfordern, auf einmal an oder ab, so wird die Schwankung in der Geschwindigkeit doppelt so groß seyn, als wenn beide Motoren durch die bewegliche Kuppelung verbunden sind.

2) Bei der Verbindung von Wasser- und Dampfkraft werden, falls Ueberfluß an Wasser vorhanden ist, Kohlen erspart, indem, wie schon im vorigen Paragraphen erwähnt, der Regulator alsdann den Dampf spärlicher zustießen läßt, wohingegen beim Einzelbetriebe dieses Wasser nutzlos verloren geht.

3) Ist eine Verbindung zweier oder mehrerer Motoren durch diese bewegliche Kuppelung hergestellt, so wird jeder beliebig still gesetzt werden können, ohne daß dadurch die Bewegung der andern im Geringsten behindert würde. Dieses ist wichtig für Fabrikbesitzer, welche, sich auf die Stärke ihres Betriebwerks verlassend, zwei oder mehrere Motoren direct ohne bewegliche Kuppelung verbunden haben. Kommt ein Hinderniß bei einem vor, so müssen die anderen still stehen oder denselben mitschleppen, welcher Nachtheil durch meine Vorrichtung beseitigt würde.

Motivirung der Vorzüge meiner beweglichen Kuppelung, dem in Frankreich erfundenen Poyer-Quertier'schen Sperrklinkensystem gegenüber.

1) Wirken in meinen Vorrichtungen die Hebel im Kreise concentrisch rechtwinkelig gegen die Vertiefungen im umschließenden Radkranz, welches der wesentlichste Vorzug vor dem Sperrklinkensystem ist.

Bei letzterem erfolgt die Wirkung der Knaggen des Hülfsmotors excentrisch unter einem stumpfen Winkel auf das Zahnrad des Hauptmotors, wodurch die Knaggen in dieses Rad gewaltsam eingreifen und förmlich in dessen Zähnen wühlen, was sich während der zweitägigen Wirksamkeit dieser Vorrichtung in der am hiesigen Platze befindlichen Baumwollspinnerei schon sehr bemerkbar machte.

2) Ueben die Knaggen im Sperrklinkensystem einen schiefen Seitendruck gegen ihre Zapfen aus, wodurch bei großer Kraftanwendung das Ganze fortwährend erzittert und diese Zapfen oft abbrechen.

Solches zeigte sich nach Mittheilung des Hrn. Riedinger, vormaligen Directors der Augsburger mechanischen Spinnerei und Weberei, welche eine Wasser- |463| und Dampfkraft van zusammen circa 240 Pferden hat, wo dieses Abreißen gleich erfolgte und die Vorrichtung verworfen werden mußte.

Bei meiner Construction ist es gestattet, den Hebeln (Knaggen) eine solche Breite und Dicke zu geben, ohne deßhalb das Gewicht des Ganzen bedeutend zu erhöhen, daß dieser Uebelstand nicht vorkommen kann.

3) Erfordern diese Vorrichtungen vermöge ihrer zweckmäßigeren Construction nicht so viel Masse als die Sperrklinken.

Außer diesen Uebelständen erhitzen sich wegen des excentrischen Drucks die Wellenlager schneller und mußten selbige in hiesiger Spinnerei während der kurzen Wirksamkeit der Sperrklinken-Vorrichtung öfter als vorher geschmiert werden.

Grevenbroich, bei Köln am Rhein, im Mai 1857.

Die bewegliche Kuppelung des Mechanikers und Kratzenfabrikanten Hrn. Gerhard Uhlhorn ist in der Baumwollspinnerei der HHrn. Pferdmenges und Schmölder zu Elfenmühle bei Grevenbroich bereits seit sieben Monaten in Anwendung, wo sie dazu dient, zwei Turbinen, jede von 50 Pferdekräften, nebst einer Dampfmaschine von 25 Pferdekräften zu verbinden. Die Dampfmaschine kann bei einer Geschwindigkeit der Hauptwelle von 120 Umgängen per Minute plötzlich still gestellt, und auch wieder angesetzt werden, ohne die geringste Erschütterung oder Stöße zu veranlassen. Die Besitzer des Etablissements erklären, daß sich die Vorrichtung während jener Zeit so bewahrt hat, daß sie in keiner Beziehung etwas zu wünschen übrig läßt.

Ferner ist die Uhlhorn'sche Kuppelung gegenwärtig (Mai 1857) bereits seit sechs Wochen in der Fabrik der HHrn. Ermen und Engels zu Engelskirchen in Gebrauch, welche durch sechs Motoren betrieben wird, nämlich durch zwei Dampfmaschinen, eine von 120, die andere von 60 Pferdekräften, und durch vier Turbinen, zwei von je 80, eine von 62 und eine von 25 Pferdekräften Die Besitzer des Etablissements erklären, daß die Kuppelung ihren Zweck vollkommen erfüllt und während jener Zeit nicht die geringste Unregelmäßigkeit statt gefunden hat, obgleich die Vorrichtung täglich wirken mußte.

Für Walzwerke, überhaupt für alle Motoren von ungleicher Geschwindigkeit, sind die Uhlhorn'schen Vorrichtungen offenbar mit vielem Vortheil anzuwenden.

Die Redaction.

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