Titel: Ueber das Erschweren und Färben der Seide; von Dr. J. R. Wagner, k. Universitäts-Professor in Würzburg.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1857, Band 144/Miszelle 7 (S. 465–467)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj144/mi144mi06_7

Ueber das Erschweren und Färben der Seide; von Dr. J. R. Wagner, k. Universitäts-Professor in Würzburg.

Lebaillif und Lassaigne 85) haben bereits vor 27 Jahren die Beobachtung gemacht, daß gewisse stickstoffhaltige organische Substanzen durch eine Lösung von salpetersaurem Quecksilberoxyd-Oxydul eine schön carmosinrothe Färbung annehmen. Es wurde diese Eigenschaft wahrgenommen an Eiweiß, Caseïn, Horn, Nägeln, Haut, Wolle, Seide etc., kurz an allen Substanzen, welche man heutzutage mit dem Namen der Proteïnsubstanzen zu bezeichnen pflegt. Diese Beobachtung veranlaßte Lassaigne und Lebaillif, eine Lösung von salpetersaurem Quecksilberoxyd-Oxydul zum Färben von Seide und Wolle anzuwenden. Es wurde eine tief amaranthrothe Färbung erhalten, wenn man die Stoffe bei 45–50° C. 10–15 |466| Minuten lang in eine Lösung eingetaucht hielt, welche auf 1 Theil Quecksilber 2 Theile Salpetersäure von 28° Baumé enthält. Diese Auflösung wird bei gelinder Wärme bereitet und dann 4–5 Minuten lang gekocht, um einen Theil des Oxyduls in Oxyd zu verwandeln. Man verdünnt die Flüssigkeit beim Gebrauch mit einem gleichem Volum destillirten Wassers und bringt die Seide bei der angegebenen Temperatur hinein. Nach Millon 86), welcher die genannte Quecksilberflüssigkeit als Reagens auf die Proteïnsubstanzen in die analytische Chemie einführte, verdankt sie die Eigenschaft, Proteïnstoffe roth zu färben lediglich ihrem Gehalt an salpetriger Säure, welche am empfindlichsten wirken soll, wenn sie in einem Gemisch von Quecksilberoxyd- und Oxydulsalz ausgelöst ist. Ich habe bereits vor einigen Jahren der Millon'schen Quecksilberflüssigkeit zum Schwarzfärben des Horns und der Hornkämme 87) in der Nürnberger und Fürther Industrie Eingang verschafft. Zu diesem Zwecke löst man in der Kälte 8 Loth Quecksilber in 8 Loth concentrirter Salpetersäure und verdünnt die Lösung mit 1 Pfd. Wasser. In diese Lösung legt man die zu beizenden Kämme und läßt sie darin eine Nacht liegen; sodann wäscht man sie sorgfältig mit Wasser ab. Die Kämme haben durch diese Behandlung eine rothe Färbung angenommen, die, wenn die Quecksilberlösung concentrirter war, ins Braune geht, so daß diese Farbe, wenn sie bloß örtlich hervorgebracht wird, zur Nachahmung von Schildkrot dienen kann.

Diese rothgebeizten Kämme bringt man in verdünnte Schwefelleberlösung (1 Loth Kalium sulfuratum der Apotheken in 2 Pfd. Wasser gelöst) und läßt sie höchstens 1–2 Stunden lang darin. Die nun schwarz gefärbten Kämme werden gewaschen, getrocknet und polirt.

Die achte schön rothe Färbung, welche die obige Quecksilberlösung der Seide ertheilt, veranlaßte mich, Versuche damit auf Seide und Wolle anzustellen. Ich fand dabei, daß Seide nicht nur eine Färbung annimmt, welche dem Lichte, der Einwirkung von verdünnten Säuren, Seife und heißen Wasserdämpfen vollkommen widersteht, sondern daß das Gewicht der Seide, indem durch das Behandeln mit der Quecksilberlösung Quecksilber mit der Seidenfaser in Verbindung tritt, beträchtlich zunimmt. Nach den früheren Versuchen von Lebailliff und Lassaigne hatten 100 Theile weiße, gehörig ausgetrocknete Seide durch das Färben mit der Quecksilberlösung 17–18,5 Proc. an Gewicht zugenommen. Ich fand nicht nur diese Angaben bestätigt, sondern auch, daß durch Wiederholung des Eintauchens und Trocknens der Seide die Gewichtszunahme bis zu 25 Proc. – nach Umständen indessen Wohl noch mehr – betragen kann.

Da die so erhaltene rothe Färbung durch die Einwirkung von verdünnten Lösungen von Schwefelalkalimetallen durch Bildung von schwarzem Quecksilbersulfuret in eine dauerhaft schwarze übergeht, so möchte ich auf die Anwendbarkeit der Millon'schen Quecksilberlösung zum Rothfärben und Vorbeizen der Seide, zum Schwarzfärben und endlich zum Erschweren aufmerksam machen. Zu letzterem Zweck hat man bereits Schwefelblei, Schwefelwismuth und Schwefelkupfer vorgeschlagen und angewendet88). Schwefelblei und Schwefelkupfer sind jedoch für diesen Zweck nicht geeignet; ersteres geht, namentlich wenn das damit gefärbte Zeug oder Gespinnst an einem feuchten Orte aufbewahrt wird, stellenweise in weißes schwefelsaures Bleioxyd über, wodurch der schwarze Grund fleckig erscheint; letzteres oxydirt sich schon größtentheils während des Trocknens zu schwefelsaurem Kupferoxyd Gegen die Anwendung des Schwefelwismuths ist nichts anzufuhren, es müßte denn der hohe Preis des Wismuths der Anwendung Schwierigkeiten in den Weg legen. Schwefelquecksilber zeichnet sich bekanntlich dadurch aus, daß es, neben tief schwarzer Farbe, von Säuren nicht angegriffen wird und ein sehr hohes specifisches Gewicht besitzt – Eigenschaften, welche bei der Anwendung der Quecksilberlösung zum Schwarzfärben und zum Erschweren der Seide von Belang sind.

Wolle nimmt durch die Millon'sche Quecksilberflüssigkeit gleichfalls eine rothe Färbung mit einem Stiche ins Gelbbraune an, welche durch Schwefelalkalien |467| in Braunschwarz übergeführt wird. Die Gewichtszunahme der Wolle ist aber so beträchtlich, und die Färbemethode dadurch eine so kostspielige, daß an eine technische Anwendung der Quecksilberlösung, was die Wolle betrifft, nicht gedacht werden kann.

Baumwolle nimmt, nachdem sie durch das Broquette'sche Verfahren mit Hülfe von Caseïn-Ammoniak animalisirt worden ist, beim Behandeln mit der Quecksilberlösung gleichfalls eine rothe Färbung an. Bei dieser Gelegenheit eine Frage an den Färber und Kattundrucker. Sollte es nicht möglich seyn, den Zinnober, der bekanntlich bis jetzt in der Färberei und Druckerei noch nicht angewendet werden konnte, dadurch auf der Faser zu fixiren, daß man die Zinnoberbildung auf nassem Wege in und auf der Faser selbst vor sich gehen läßt, vielleicht durch Vorbeizen mit weißem Quecksilberpräcipitat (NH₂ Hg₂ Cl aus Quecksilberchlorid und Ammoniak erhalten) und nachheriges Behandeln mit Schwefelleberlösung? (Würzburger gemeinnützige Wochenschrift, 1857, Nr. 22.)

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Journ. de chim. médic., Febr. 1831, S. 92; polytechn. Journal Bd. XL. S. 147.

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Compt. rend. t. XXVIII. p. 40; polytechn. Journal Bd. CXVII S. 317.

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Polytechn. Journal Bd. CXXX S. 412.

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Vergl. Ph. David, Handb. der Seidenfärberei; Aarau 1855, S. 328.

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