Titel: Ueber das Vorkommen der Rosolsäure im Steinkohlentheer; von S. Tschelnitz, technischem Chemiker.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1857, Band 144/Miszelle 8 (S. 467–468)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj144/mi144mi06_8

Ueber das Vorkommen der Rosolsäure im Steinkohlentheer; von S. Tschelnitz, technischem Chemiker.

Bei den vielfältigen Untersuchungen, denen der Theer durch die tüchtigsten Chemiker unterzogen wurde, gelang es eine Menge von Körpern aus demselben abzuscheiden. Einige davon sind genau studirt, bereits in der Industrie eingeführt und finden theils direct, theils indirect im großen Maaßstabe Anwendung; ich erwähne hier das Steinkohlentheeröl, das Benzin, Paraffin, Kreosot, das Nitrobenzin, die Pikrinsäure. Andere Körper hingegen, wie die Rosolsäure, wurden noch wenig untersucht und bloß dem Namen nach bekannt.

In der Fabrik von Destillationsproducten des Theers von Hrn. C. König zu St. Veit bei Wien hatte ich mehrfach Gelegenheit die Bildung der rosolsauren Verbindungen im Großen zu beobachten, worüber ich hier einiges mittheile.

Die Rosolsäure zeichnet sich hauptsächlich dadurch aus, daß sie mit Alkalien leicht Verbindungen eingeht, welche prachtvoll roth gefärbt sind. In Fabriken, wo Steinkohlentheer verarbeitet wird, hat man häufig Gelegenheit Kalkstücke, mit Mörtel überworfene Ziegelsteine etc. an gewissen Stellen mit dem schönsten Roth bekleidet zu sehen, was sich dadurch erklärt, daß die Rosolsäure mit dem vorhandenen Alkali, hier hauptsächlich Kalk, zu der rothen Verbindung Veranlassung gibt. Sind die Umstände (hinsichtlich des Theeröls, des Alkalis und der vorherrschenden Wärme) besonders günstig, so findet man diese rothen Verbindungen äußerst schön und in großer Menge vor.

Gelinde Wärme und Feuchtigkeit beschleunigen sehr die Bildung der rothen Verbindungen, und ich hatte oft Gelegenheit zu bemerken, wie bei frischen Kesselmauerungen gewisse Stellen, die zufälliger Weise mit Theeröl in Berührung gebracht, eine schwach röthliche Farbe zeigten, mit der Zeit durch den Einfluß der Wärme intensiv roth erschienen.

Die auf erwähnte Weise erhaltene trockene rothe Masse diente mir als rohes Material zur Darstellung von Rosolsäure und deren Verbindungen. Man kann nun fragen:

Läßt sich die Rosolsäure auf ökonomische Weise im Großen darstellen? Kann dieselbe in den Künsten und Gewerben mit Vortheil Verwendung finden?

Die erste Frage muß unbedingt bejaht werden, indem man auf leichte Weise in beliebiger Menge, und zwar mit zwei wohlfeilen Körpern, Theeröl und Kalk, die Kalkverbindung (rosolsauren Kalk) darstellen und daraus leicht die Rosolsäure abscheiden kann.

Bei der Anwendung des Rohmaterials zur Abscheidung der Rosolsäure, welches man, wie aus dem früher erwähnten zu ersehen, durch Zusammenbringen von schwerem Theeröl mit Kalkmilch und Aussetzen des Gemisches unter fleißigem Umrühren, in einer gleichmäßig gelinden Wärme leicht darstellen kann, hat man hauptsächlich darauf zu sehen, daß die rothe Masse vollkommen trocken, mithin möglichst frei von den andern öligen Körpern sey. Zur Abscheidung der Rosolsäure ans dem rohen Materiale wurden die reinsten und am meisten roth gefärbten Stücke ausgesucht, gepulvert, |468| durch ein Sieb geschlagen, um Steinchen und andere gröbere Theilchen zu entfernen, hierauf in einer Porzellanschale mit Wasser übergosten und in kleinen Antheilen Schwefelsäure hinzugefügt; es entstand ein starkes Aufbrausen von entweichender Kohlensäure unter Bildung von schwefelsaurem Kalk, während der gebunden gewesene Farbstoff mit den zum Theil noch vorhandenen öligen Körpern in Form eines bräunlich rothen Häutchens an der Oberfläche der Flüssigkeit erschien und abgenommen wurde. Diese Operation wiederholte ich so lange, bis eine genügende Menge des braunrothen Körpers sich abgeschieden hatte. Die gesammelte Masse wurde so lange mit Wasser gekocht, als sich noch ölige Körper verflüchtigten, dann abfiltrirt, mit Wasser ausgewaschen und mit Weingeist behandelt, wodurch die Rosolsäure, nebst der Brunolsäure, welche Runge zuerst beschrieb, in Lösung kam, welch letztere beim Abfiltriren als braunrothe Flüssigkeit, in dünnen Schichten röthlich gelb erschien.

Die alkoholische Lösung gab mit Alkalien und alkalischen Erden zusammengebracht, überraschend schöne rothe Lösungen, wobei die mit Kalk hervorgebrachte mehr rosenroth, hingegen die durch Kali, Natron, Ammoniak erzeugten, dunkelviolett gefärbt waren.

Um die Rosolsäure rein darzustellen, kann man nach der von Runge angegebenen Methode verfahren, nämlich die wie oben erhaltene, weingeistige Lösung mit Kalkmilch vermischen, wobei eine schön rosenroth gefärbte Flüssigkeit von rosolsaurem Kalk entsteht, aus der man nach dem Abfiltriren die Rosolsäure mit Essigsäure fällt. Dieses Verfahren, nämlich das Zersetzen durch Säuren und das Wiederauflösen mit Kalkmilch ist so oft zu wiederholen, als noch ein brauner Rückstand von Brunolsäure bemerkbar ist. Die Rosolsäure wird dann auf einem Filter gesammelt und nach dem Aussüßen und Trocknen in Weingeist gelöst, den man der freiwilligen Verdunstung überläßt, oder es wird die Lösung von rosolsaurem Kalk etwas eingedampft, mit etwas Alkohol vermischt und krystallisiren gelassen. Die abgesonderten gefärbten Krystalle von rosolsaurem Kalk sind durch wiederholtes Lösen in Wasser, Abdampfen, Zerlegen mit Essigsäure und Wiederauflösen in Kalkmilch zu reinigen Zuletzt scheidet man die Rosolsäure aus dem Kalksalze ab.

Ein abgeändertes Verfahren, welches ich bei der Gewinnung der Rosolsäure aus dem Rohmaterials anwendete, besteht darin, daß ich letzteres im gepulverten Zustande mehrmals mit Wasser behandelte, die roth gefärbten Lösungen filtrirte und das Filtrat mit Schwefelsäure versetzte, wodurch in der Flüssigkeit eine starke Trübung entstand und sich eine reichliche Menge bräunlich rother Flecken abschieden, welche gesammelt und wie früher behandelt wurden.

Die Rosolsäure stellt eine orangerothe Masse dar, die sich wie ein Harz verhält; sie wird nämlich in der Wärme weich, ist in Wasser unlöslich, dagegen leicht löslich in Alkohol und Aether. Die Lösung wird, wie erwähnt, mit Alkalien zusammengebracht, prachtvoll roth gefärbt. Die Verbindungen der Rosolsäure mit Kalk, Kali, Natron, Ammoniak u.s.w. lösen sich in Wasser ebenfalls mit schön rother Farbe.

Was die zweite Frage betrifft, nämlich die Anwendung der Rosolsäure in den Künsten und Gewerben, so haben meine bisherigen Versuche gezeigt, daß die Farbe sehr unbeständig ist, daher kaum Anwendung finden dürfte. (Aus dem Jännerhefte 1857 der Sitzungsberichte der k. k. Akademie der Wissenschaften.)

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