Titel: Untersuchung des natürlich vorkommenden borsauren Kalks; von Prof. Stein.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1858, Band 147/Miszelle 9 (S. 318–320)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj147/mi147mi04_9

Untersuchung des natürlich vorkommenden borsauren Kalks; von Prof. Stein.

Seit einigen Jahren kommt (angeblich aus Südamerika) ein natürliches borsaures Salz unter dem Namen borsaurer Kalk in den Handel, der mit vielem Vortheil auf Borax verarbeitet wird, da sein Preis sich verhältnißmäßig billiger stellt als der der rohen Borsäure. Da es demnach von technischem Interesse war, dessen Zusammensetzung kennen zu lernen, so ließ ich die Analyse von F. W. Helbig (Schüler der polytechnischen Schule zu Dresden) ausführen und theile deren Resultate im Wesentlichen hier mit.

Das untersuchte Mineral bestand aus unregelmäßigen Knollen von der Größe und Gestalt mancher Kartoffeln und einer schmutziggrauen bis weißen Farbe. Beim Zerbrechen der Knollen zeigen sich hie und da, besonders an der Peripherie, Einmengungen einer hellbrauneu, pulverigen Substanz, während die Hauptmasse aus einem Haufwerke schneeweißer, durchscheinender Krystallschuppen von schönem Fettglanze bestand.

Die qualitative Untersuchung ließ als Bestandtheile der einen Substanz Borsäure, Kalk. Natron, Wasser, Chlor und Spuren von Magnesia und Kieselerde erkennen. Schwefelsäure, Phosphorsäure, Salpetersäure, Jod, Brom und Ammoniak, |319| auf welche speciell und sorgfältigst geprüft wurde, konnten nicht nachgewiesen werden.

Der Wassergehalt des Minerals wurde zuerst durch Glühen bestimmt, wobei jedoch Borsäure und Chlor mit entwichen. Es wurden dabei gefunden in zwei Versuchen 35,408 und 35,154 Proc. Wasser. Aus diesem Grunde wurde die Substanz mit wasserfreiem Bleioxyd gemengt und erhitzt; aber auch hierbei entwich noch Borsäure; es wurden 34,510 Proc. Wasser gefunden. Die Bestimmung wurde nun so ausgeführt, daß die Substanz mit einem Ueberschuß von wasserfreiem kohlensaurem Natron in einem Strom von Kohlensäure erhitzt und das Wasser in einer gewogenen Chlorcalciumröhre aufgesammelt wurde Dabei war ein Entweichen von Borsäure oder Chlor nicht mehr zu bemerken.

0,315 ergaben 0,1022
0,476 0,1560

Wasser. Aus dem ersten Versuche berechnet sich der Wassergehalt zu 32,448 Proc., aus dem zweiten zu 32,773 Proc., im Mittel 32,610 Proc.

Das reine Mineral löste sich leicht und vollständig in verdünnten Säuren, selbst Essigsäure, auf; nur die unreinen Stücke hinterließen hierbei einen hellbraun gefärbten Rückstand von Eisenoxyd und Kieselerde. Eine solche Lösung wurde zur Bestimmung des Kalks mit kleesaurem und ätzendem Ammoniak versetzt.

0,571 lieferten 0,144 kohlensauren Kalk
0,846 0,211
0,732 0,183

Hieraus berechnet sich der mittlere Kalkgehalt zu 14,0298 Proc.

Das Natron wurde als schwefelsaures Natron bestimmt, nachdem der Kalk und die Spur von Magnesia entfernt und die Borsäure als Fluorbor vollständig verflüchtigt war.

0,846 Substanz ergaben 0,123
0,078 0,0107

schwefelsaures Natron.

Aus dem ersten Versuche berechnet sich der Natrongehalt zu 6,352 Proc, aus dem zweiten zu 5,9895 Proc., im Mittel also zu 6,171 Proc.

Die Chlorbestimmung ergab aus 0,979 Substanz 0,045 Chlor, aus 0,993 Substanz 0,046 Chlor, hiernach im Mittel 1,141 Proc.

Es besteht demnach das untersuchte Mineral in 100 Theilen aus:

Wasser 32,610
Kalk 14,029
Natron (nach Abzug des an Chlor gebundenen
Natriums)

5,170
Borsäure (aus der Differenz berechnet) 46,464
Chlornatrium 1,887

Der Sauerstoff von Kalk und Natron zusammengenommen beträgt 1/6 von dem der Borsäure, sie bilden also mit dieser doppeltborsaure Salze. Es ist ferner der Sauerstoff des Natrons 1/3 von dem des Kalks, so daß auf 3 Atome des Kalksalzes ein Atom Natronsalz kommt.

Das Wasser, dessen Sauerstoffmenge in keinem einfachen Verhältnisse zum Sauerstoff der Basen und der Säure steht, scheint in einem verschiedenen Zustande in dem Salze vorhanden zu seyn. Bei 100° C. lassen sich nämlich nur 7,5 Proc. austreiben, von 100° bis 200° entweichen 19,250, also zusammen 26,750 Proc; über 200° noch 5,860 Proc. Da die letztgenannte Menge gerade so viel Sauerstoff enthält als Kalk und Natron zusammengenommen, so darf sie als basisches Wasser betrachtet werden. Die Formel des Salzes würde demgemäß folgende seyn:

3 CaO
NaO
4 HO
8 BoO₃ + 18 aq.

Ohne allen Zweifel ist das Mineral, dessen Untersuchung im Vorstehenden beschrieben wurde, dasselbe, was Ulex in Liebig's Annalen Bd. LXX S. 49 beschrieben |320| hat, d.h. der Hydroborocalcit von Hayes oder Natroborocalcit. Nach Ulex war die von ihm untersuchte Probe zusammengesetzt in 100 Theilen aus:

Kalk 15,7
Natron 8,8
Borsäure 49,5
Wasser 26,0

Dafür stellt er die Formel

NaO
2 CaO
5 BoO₃ + 10 aq.

auf. Ich glaube jedoch, daß die Wasserbestimmung zu wenig Wasser ergeben mußte, da Ulex seine Probe bei 25°–30° getrocknet hat, ehe er sie zur Analyse benutzte. Ist aber die Wasserbestimmung in diesem Sinne unrichtig, dann muß nothwendig auch die Borsäuremenge zu groß seyn. Nimmt man an. daß in dem Mineral von Ulex 32,61 Proc. Wasser enthalten gewesen seyen, und berechnet darnach seine Analyse, so erhält man

Ulex Helbig
Kalk 14,7 14,029
Borsäure 46,4 46,464
Wasser 32,6 32,610
Natron 8,2 5,170

Man sieht, daß unter dieser Voraussetzung beide Analysen bis auf den Natrongehalt vortrefflich übereinstimmen. Daß dieser aber bei Ulex größer ist. kann davon herrühren, daß er das Chlor nicht bestimmt, also die in Form von Chlornatrium vorhandene Menge nicht in Abzug gebracht hat. (Polytechnisches Centralblatt, 1858 S. 147.)

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