Titel: Ueber Carajuru oder Chika, ein rothes Farbmaterial; von Prof. O. L. Erdmann.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1858, Band 147/Miszelle 10 (S. 466–468)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj147/mi147mi06_10

Ueber Carajuru oder Chika, ein rothes Farbmaterial; von Prof. O. L. Erdmann.

Unter dem Namen Carajuru erhielt Professor Erdmann durch ein Leipziger Handelshaus von Hamburg eingesendete Proben eines rothen Farbmaterials, welches mit dem von Boussingault beschriebenen und untersuchten Chica oder Chicaroth völlig übereinstimmt. Ueber den Ursprung des Chica oder Carajuru stimmen die Angaben im Wesentlichen darin überein, daß es aus den Blättern der Bignonia Chica gewonnen wird. R. Schomburgk berichtet über die Gewinnung desselben in seiner „Reise in Britisch-Guyana“: Der Indianer benutzt diese feine Farbe nur zum Bemalen des Gesichts, zu welchem Zwecke er sie mit wohlriechendem Harze versetzt. Außerdem hat dieselbe schon einen Weg nach Nordamerika gefunden, wo sie zum Gelb- und Rothfärben der Baumwolle angewendet wird, wohl auch zur Verfälschung der Cochenille.

Der Verfasser erhielt das Carajuru in linsenförmigen, 6–8 Zoll im Durchmesser haltenden, in der Mitte etwa 3–4 Zoll hohen runden Kuchen von blutrother Farbe, sammtigem Ansehen und der Schwere von sehr leichtem Holze. Es wird schwer vom Wasser benetzt. Wenn es aber von Wasser nach längerer Zeit durchdrungen ist, so sinkt es darin zu Boden. Wird die Substanz dem Lichte länger ausgesetzt, so geht ihre Farbe in Bräunlichroth und endlich in Zimmtbraun über. Beim Drücken und Reiben mit einem harten glatten Körper nimmt das Carajuru goldgrünen – nicht kupferigen – Glanz an. Die Stücke sind wegen einer gewissen Zähigkeit der Textur schwer zu zerbrechen und zu pulvern. Unter dem Mikroskope zeigen sich in der mit Wasser aufgequellten Masse zahlreiche Pflanzenzellen, aber keine Spur krystallinischer oder sonst regelmäßiger Gestaltung.

In Wasser ist das Carajuru völlig unlöslich. Alkohol löst selbst im Sieden nur wenig mit rother Farbe daraus auf, die durch anhaltendes Sieden und Verdunsten concentrirte Lösung setzt etwas rothes Pulver, ab, das, wenn die Flüssigkeit |467| lange dem Lichte ausgesetzt bleibt, allmählich wieder verschwindet; ebenso bleicht die Lösung im Lichte aus und wird bräunlichgelb. Wird die rothe Lösung abgedampft, so hinterläßt sie das Gelöste als unkrystallisirbare rothe Masse. Aether löst den Farbstoff nur in geringer Menge auf und färbt sich damit gelb.

Chlor entfärbt das Carajuru sogleich und verwandelt die rothe Farbe in eine hellbräunliche. Wässerige Salzsäure gibt eine dunkelbraungelbe Lösung unter Zurücklassung einer großen Menge wenig gefärbter organischer Substanz. Verdünnte Schwefelsäure gibt, besonders in der Wärme, eine gelbe orangefarbene Lösung, aus welcher sich beim Erkalten eine gelbrothe körnige, aber nicht kristallinische Masse absetzt. Die Lösung gibt mit Ammoniak einen dunkelpurpurrothen Niederschlag, welcher beim Verbrennen viel Asche hinterläßt. Ein Gemisch von Salzsäure und Alkohol zieht den färbenden Stoff des Carajuru mit rothgelber Farbe aus. Kohlensaures Ammoniak bildet in der Lösung einen dunkelrothen Niederschlag, welcher verbrannt viel Asche gibt.

Kohlensaures Natron und kohlensaures Ammoniak ziehen selbst beim Kochen nur Spuren mit gelblicher Farbe aus, der Rückstand wird dabei dunkler, mehr ins Violette ziehend. Aetzkalilösung löst den Farbstoff mit braunrother Farbe. Säuren fällen aus der Lösung einen gelbrothen Niederschlag, der sich schwer absetzt und schwer auswaschen läßt, indem er die Filter verstopft. Ammoniak zieht einen Theil des Farbstoffs mit gelbrother Farbe aus, die heiß bereitete Lösung trübt sich beim Erkalten. Mit Säuren versetzt, wird sie braungelb gefärbt. Ammoniak mit Alkohol oder Kali in Alkohol gelöst, lösen den Farbstoff in reichlicher Menge mit tiefblutrother Farbe. Säuren färben die Lösung rothgelb. Die Lösung von Kali in Alkohol scheint das wirksamste Lösungsmittel für den Farbstoff zu seyn.

Sehr eigenthümlich ist das Verhalten des Carajuru, wenn man es mit Kali, Traubenzucker und Wasser oder Alkohol in einer verschlossenen Flasche so behandelt, wie bei der Reduction des Indig nach Fritsche's Methode. Es bildet sich dabei eine violette Lösung, welche mit der Luft in Berührung gebracht augenblicklich braun wird. Läßt man die violette Lösung bei abgehaltener Luft in Salzsäure fließen, so entsteht ein rothgelber Niederschlag, der sich selbst nach wochenlangem Stehen nicht vollständig absetzt, die Flüssigkeit bleibt trübe und geht trübe durch die Filter. Der Niederschlag ist in Wasser sehr wenig mit gelber Farbe löslich, die Lösung wird mit kohlensaurem Ammoniak purpurroth.

Es ist dem Verfasser auf keine Weise gelungen, mit dem Carajururoth Farben auf Zeugen hervorzubringen, und er muß nach dem ganzen Verhalten des Farbstoffs die Richtigkeit der Angabe bezweifeln, daß er zum Färben von Baumwolle benutzt werde.

Bei der trocknen Destillation gibt das Carajuru ein rothgelbes öliges, zum Theil dickflüssiges Product, das sich in Alkohol löst. Der Geruch beim Erhitzen erinnert einigermaßen an den des erhitzten Indig.

Beim Verbrennen hinterläßt das Carajuru eine röthlichgraue alkalisch reagirende, mit Salzsäure aufbrausende Asche. Die gelbliche Lösung gibt mit molybdänsaurem Ammoniak die Reaction der Phosphorsäure. Außerdem enthält die Asche Kalkerde, Talkerde, Eisenoxyd, Kali, Kieselsäure, eine Spur von Chlor, aber keine Schwefelsäure und sehr viel beim Auflösen in Salzsäure zurückbleibenden Sand. Das Carajuru ist offenbar im Wesentlichen ein zerstörtes Pflanzenzellgewebe, das nur eine verhältnißmäßig geringe Menge des rothfärbenden Stoffes enthält.

Um den Farbstoff zu isoliren, wurde das Carajuru mit Alkohol ausgekocht und der Auszug zur Trockne abgedampft. Der Rückstand wurde mit Aether digerirt, welcher einen Theil der Masse löste und sich dabei anfangs dunkelgrünbraun, dann braungelb und zuletzt nur noch hellgelb färbte. Der zurückbleibende, in Aether unlösliche Theil stellte zerrieben eine braunrothe Masse dar, die sich beim Erhitzen unter Entwicklung eines gelben Rauches und starken Aufblühens zersetzt. Die zurückbleibende Kohle verbrannte schwer unter Zurücklassung einer geringen Menge alkalisch reagirender Asche. Der so erhaltene Farbstoff löst sich in Ammoniak vollständig auf, die Lösung gibt mit Salzsäure einen gelbbraunen Niederschlag, der sich bei Zusatz von Alkohol mit gelber Farbe löst.

Wenn auch die angewendete Darstellungsmethode des Farbstoffs keine Gewähr für die Reinheit der Substanz bietet, so hat der Verfasser doch eine Analyse derselben |468| gemacht, um wenigstens eine ungefähre Vorstellung von ihrer Zusammensetzung zu erhalten. Dieselbe ergab folgende procentische Zusammensetzung:

Kohlenstoff 59,62
Wasserstoff 5,33
Sauerstoff 35,04
––––––
100,00

Es wurde ferner das Carajuru mit einer Mischung von Alkohol mit etwas Schwefelsäure ausgezogen, die Flüssigkeit mit kohlensaurem Ammoniak gesättigt, der entstehende rothe Niederschlag mit kochendem Wasser ausgewaschen und nach dem Trocknen bei 100° C. von Hrn. Streibel aus Lublin analysirt. Zwei Analysen ergaben folgende Zahlen:

Kohlenstoff 63,08 63,11
Wasserstoff 4,95 4,93
Sauerstoff 31,97 31,96

Bei Behandlung des Carajuru mit erwärmter Salpetersäure erhielt der Verfasser Pikrinsäure, Kleesäure, Blausäure und hauptsächlich eine Säure, die bei näherer Untersuchung als identisch mit der von Cahours durch Oxydation des Anisstearoptens dargestellten Anissäure erkannt wurde.

Vergleicht man die oben mitgetheilten Ergebnisse der Analysen des rothen Farbstoffs mit der Zusammensetzung der Anissäure (C₁₆H₇O₅, HO), so sieht man, daß beide eine große Uebereinstimmung zeigen:

Textabbildung Bd. 147, S. 468

Fast scheint es, als sey der rothe Farbstoff entweder isomer mit Anissäure, oder doch nur durch 1 Aeq. Wasser, das er mehr enthält, von derselben verschieden; in der That gibt die Formel der Anissäure + 1 Aeq. Wasser = C₁₆H₉O₇ bis auf eine kleine Differenz im Wasserstoff die Zusammensetzung des durch Alkohol ausgezogenen Farbstoffs. Dieser Formel entspricht nämlich folgende procentige Zusammensetzung: C 59,62, H 5,59, O 34,79. Indessen kann die Frage über den Zusammenhang beider Substanzen durch die Analyse nicht mit Sicherheit entschieden werden, so lange es nicht möglich ist, den Farbstoff im ganz reinen Zustande zu erhalten. (Journal für praktische Chemie, Bd. LXXI S. 198)

|468|

Mit Alkohol ausgezogen.

|468|

Mit Schwefelsäure und Alkohol ausgezogen.

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