Titel: Ueber Gruel's Leuchtgas Accord-Harmonika.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1858, Band 148, Nr. LXIII. (S. 290–292)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj148/ar148063

LXIII. Die Gruel'sche Leuchtgas Accord-Harmonika.

Aus der bekannten physikalischen Werkstatt des Hrn. Gruel in Berlin ist das oben bezeichnete und in einer Versammlung der polytechnischen Gesellschaft daselbst mit vielem Beifall aufgenommene Instrument hervorgegangen, welches die überraschenden akustischen Versuche des Grafen Schaffgotsch 80) mit Leichtigkeit zu wiederholen gestattet.

Dasselbe verdient für den physikalischen Unterricht eine besondere Empfehlung, wenn gleichzeitig mehrere Röhren und wie hier in der wohlklingenden Consonanz des Accords vereinigt sind. Eine Wasserstoff- oder Leuchtgasflamme von bestimmter Größe innerhalb einer Passenden Röhre brennend, bringt die Luftsäule in der letzteren sehr leicht in tönende Schwingungen. Man kann jedoch die Flamme in einem Zustande des Gleichgewichts erhalten, bei welchem sie ohne zu tönen in der Röhre brennt. Dieses Gleichgewicht kann nun aufgehoben werden, indem man einen Ton singt oder auf irgend einem musikalischen Instrument spielt, unisono mit demjenigen, den die Luftsäule der Röhre für sich nach Maaßgabe ihrer Länge zu geben im Stande ist; alsdann fängt sympathetisch |291| das Flämmchen in der Röhre mit an zu tönen oder aber es verlöscht, wenn man dieß beabsichtigt hatte.

Der Unkundige ist geneigt, die auffallende Erscheinung des Ansingens oder Auslöschens einfach der Lufterschütterung zuzuschreiben. Hat man indessen mehrere Röhren zur Verfügung, so sieht derselbe sogleich, daß der außerhalb der Röhren erzeugte Ton immer nur auf eine bestimmte Röhre einzuwirken vermag. Das Instrument ist bezüglich der Capacität der Ausströmungen und der Beschaffenheit der langen Röhren sorgsam adjustirt. Letztere sind mit Correctionsansätzen versehen, auch hat jede Ausströmung ihre besondere Flammenregulirung durch die Stellung eines Hahns. Diese verschiedenen Hülfsmittel gestatten es, zu zeigen, daß der Ton abhängig ist von der Länge der schwingenden Luftsäule, die nach dem Gesetze der beiderseits offenen Orgelflöten und longitudinal schwingt; ferner von der Temperatur der Luft. Eine etwas größere Flamme erwärmt die Luft der Röhre stärker und man vernimmt daher eine Steigerung der Tonhöhe.

Die Gasflamme selbst nimmt Theil an den Schwingungen der Luft und zeigt dadurch eine auffallend in die Länge gestreckte Gestalt, weil das Auge die allzu rasch auf einander folgenden Oscillationen vermöge der Vermischung des Gesichtseindruckes nur in der Gesammtheit zu erkennen vermag. Betrachtet man jedoch dieß verlängerte Flammenbild in einem kleinen Spiegel, den man in die Nähe der Flamme bringt, und in seiner Ebene rasch hin- und herbewegt, so ist man im Stande, die Flamme in ihren verschiedenen Phasen als einen sägenförmig ausgezackt sich darstellenden Lichtstreifen zu erkennen – eine hübsche Erscheinung, die sich sofort zu einer glatten und nicht gezackten Lichtlinie gestaltet, sobald die Flamme durch irgend eine Ursache am Tönen verhindert wird.

Zwei der Harmonika-Röhren sind so gemacht, daß man sie genau oder beinahe unisono stimmen kann. In letzterem Fall kann man die entstehenden Schwebungen in rascher oder langsamer Folge nicht nur dem Ohr sondern auch dem Auge bemerklich machen. Der Accord läßt sich bis zur größten Reinheit abstimmen, besonders wenn man die Fähigkeit besitzt, die entstehenden Combinationstöne und Schwebungen zu unterscheiden und zu benutzen; er klingt dann wie von einem Flötenwerk der Orgel. Als tonerregendes Mittel ist die menschliche Stimme schon ganz geeignet. Nach der Angabe des Hrn. Gruel wirkt dieselbe ungemein kräftig, wenn man den Ton in ein etwas weites Glas hineinsingt, welches solche Dimensionen besitzt, daß die darin vorhandene Luftsäule gerade mit diesem Ton unisono schwingt, und unter dieser Voraussetzung stets |292| eine bedeutende Resonanz, somit größere Schallwellen in der Luft erzeugt. Hiermit übereinstimmend fand ich auch bestätigt, daß die Stimme bei geöffnetem Munde weniger kräftig einwirkt, als wenn man den Ton mit etwas zugespitztem Munde und zwar auf den Vocal U laut heraussingt. Stimmgabeln mit Resonanzkasten, oder durch Wasser abgestimmte Medicingläser die man nach Art der Papagenoflöte anbläst, erweisen sich dazu ebenfalls sehr dienlich. Der Versuch, einen Gasstrom durch einen richtig gesungenen Ton plötzlich zu entzünden, erfordert eine besondere Vorrichtung mit zwei separaten Gaszuleitungen; er ist vielleicht der überraschendste und gelingt ohne besondere Schwierigkeit.

Die angegebenen Experimente beruhen schließlich auf der Resonanz der Röhren, und auf einer richtig gestellten Flammengröße, welche letztere man so einrichten kann, daß die Röhre nicht freiwillig, sondern nur durch eine von Außen gegebene Veranlassung zu tönen beginnt und nun je nach der Stelle, welche die Flamme in der Röhre einnimmt, entweder tönen und weiter brennen wird, oder durch eine zu große Schwingungsbewegung der Luft nur einen Moment erklingt, dann aber von ihrer Ausströmung abgerissen, verlöscht. Es ist begreiflich, daß diese stärkere Schwingungsbewegung im ersten und dritten Viertheil der Röhrenlänge stattfinden muß. Der Apparat empfiehlt sich auch durch ein gefälliges Aeußere und dürfte in allen physikalischen Sammlungen, wo Leuchtgas zur Verfügung steht, willkommen seyn.

Sch.

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Poggendorff's Annalen der Physik und Chemie, 1857, Bd. CI S. 471.

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