Titel: Eiserne Brücken.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1858, Band 148/Miszelle 2 (S. 74–77)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj148/mi148mi01_2

Eiserne Brücken.

Traité théorique et pratique de la Construction des Ponts métalliques par MM. L. Molinos et C. Pronnier, Ingénieurs civils, anciens élèves de l'école centrale. Paris 1857. A Morel et Cie.

Die Construction eiserner Brücken spielt bei allen neueren Eisenbahnbauten die wichtigste Rolle. In den verschiedenen sich darbietenden Fällen das Richtige anzuwenden, allen Anforderungen des Verkehrs der Sicherheit und Zweckmäßigkeit mit Beobachtung möglichster Sparsamkeit zu entsprechen, gehört zu den interessantesten und lohnendsten Aufgaben des Ingenieurs. Deßhalb werden Werke, welche sich mit |75| der Darstellung und Beschreibung größerer ausgeführter eiserner Brücken befassen, von Fachmännern stets willkommen geheißen werden; und um so mehr wird dieß bei einem Werke wie das vorliegende der Fall seyn, welches nach Inhalt und Ausstattung zu dem Besten zählt was die Literatur in diesem Fache aufzuweisen hat.

Dasselbe (aus einem Bande Text mit 340 Quartseiten und einem Atlas mit 27 großen vorzüglich ausgeführten Tafeln bestehend) beschäftigt sich in seinem ersten Theile, nach kurzer Mittheilung der Ergebnisse der in England angestellten Versuche über die Festigkeit des Schmied- und Gußeisens, mit den Berechnungsmethoden für verschiedene Systeme von eisernen Brücken; in seinem zweiten Theil mit dem Detail der Ausführung eiserner Brücken; in seinem dritten Theil endlich mit der Anwendung der allgemeinen Formeln auf die Berechnung von Brücken von besonderem Interesse, und mit Erörterungen über die verschiedenen Brückensysteme und deren relative Vortheile.

Gehen wir auf den Inhalt der einzelnen Abschnitte näher ein, so finden wir insbesondere den zweiten, welcher von der Ausführung der Brücken handelt, äußerst belehrend, Die Zusammenfügung der Materialien zu den einzelnen Brückenbestandtheilen; die Beschaffenheit und die Fabrication der Materialien mit Rücksicht auf den gegenwärtigen Stand der Eisenfabrication und auf die Ansprüche, die an dieselbe gestellt werden können; endlich die Details der verschiedenen Operationen, welche bei Herstellung eiserner Brücken vorkommen, und die Regeln einer guten Ausführung sind klar ausführlich und durch deutliche Holzschnitte versinnlicht beschrieben und erläutert.

Bei der Erörterung der verschiedenen in Anwendung gekommenen Systeme eiserner Brücken (im dritten Abschnitt) haben die Verfasser es sich zur Aufgabe gemacht darzuthun, daß die Wahl des einen oder des andern Systems von einer Menge von Bedingungen abhängig ist, deren relative Bedeutung für jeden besondern Fall verschieden seyn kann, und treten so der sich häufig kundgebenden Tendenz entgegen, irgend ein System, welches in seiner Anwendung einen guten Erfolg hatte in übertriebener Weise zu generalisiren.

Was die im Atlas dargestellten Brücken betrifft, so sind es deren acht, welche eben so viele verschiedene Constructionssysteme repräsentiren. Die Zeichnungen dieser Brücken sind mit allen Details, mit großer Genauigkeit und in einem solchen Maßstabe gegeben, daß hiernach die Brücken ohne Anstand dem Original ganz gleich hergestellt werden könnten Folgende Brücken sind auf diese Art dargestellt:

1. Die Brücke von Clichy, erbaut 1851 auf der französischen Westbahn zwischen Paris und Argenteuil; sie ist schief, schneidet die Bahnachse unter einem Winkel von 25 Graden und erfordert daher eine eigenthümliche Construction. Der Oberbau besteht aus zwei Haupt-Blechträgern, welche von Widerlager zu Widerlager gehen, und aus einer Anzahl rechtwinkelig auf dieselben gerichteten Träger, welche theils ganz auf den Widerlagern ruhen, theils zwischen diesen und den Hauptträgern befestigt sind. Ueber die Brücke gehen vier Geleise und die Hauptdimensionen sind: Weite parallel mit der Bahnachse 21,65 Meter; Weite normal zu den Widerlagern 8 Meter; Entfernung von Achse zu Achse der Hauptträger 14 Meter; Höhe der Hauptträger 2 Meter, der Zwischenträger 0,026 Meter.

2. Die Brücke von Ciron, im J. 1855 auf der französischen Südbahn über das Flüßchen Ciron, welches die Bahn rechtwinklig durchschneidet, ausgeführt. Sie besteht aus drei Blechträgern, zwischen welchen die zwei Geleise auf Querträgern von Blech sich befinden. Die Tragbalken haben das Eigenthümliche, daß sie an den Widerlagern nach abwärts gebogene Enden haben Hauptdimensionen: Weite 30 Meter; Entfernung von Achse zu Achse der Seitenträger 8,80 Meter; Höhe der Seitenträger 1,40 Meter, des Mittelträgers 2 Meter, der Querträger 0,49 Meter.

3. Brücke von Langon, erbaut 1855 bei Langon über die Garonne für die Südbahn mit drei Oeffnungen und zwei Geleisen. Sie hat bloß 2 Hauptträger, welche auf halber Höhe durch versteifte Querträger von Blech verbunden sind. Die Hauptdimensionen sind: Lichte Höhe 14,14 Meter; Weite der äußeren Oeffnungen 64,08 Meter: der Mittelöffnung 74,40 Meter; Länge der Tragbalken 211,71 Meter, Höhe derselben 5,50 Meter, der Querträger 0,6 Meter, der Längen-Zwischenverbindungen 0,35 Meter. Distanz von Achse zu Achse der Hauptträger 0,3 Meter.

4. Die Britannia-Brücke, 1847 für die Chester-Holyhead Eisenbahn begonnen, bestehend aus 2 Röhren von rechtwinkeligem Querschnitt und mit zunehmender |76| Höhe gegen die Mitte der Oeffnung. Die Brücke hat vier Oeffnungen. Lichte Höhe bei Hochwasser 30,40, bei niederem Wasser 31,62 Meter. Spannweite der äußeren Oeffnungen 70,60, der mittleren 140,20 Meter, Gesammtlänge der Röhren 460,50 Meter; Höhe derselben an den Enden 7,010 Meter, am ersten Mittelpfeiler 8,293 Meter, in der Mitte der zweiten Oeffnung 9,928 Meter, auf dem mittleren Zwischenpfeiler 9,144 Meter; Breite der Röhren 4,495 Meter; Distanz zwischen den 2 Röhren 2,718 Meter.

5. Die Brücke von Asnières für die Paris-St. Germain Bahn, im J. 1852 von Flachat erbaut, mit 5 gleichen Oeffnungen und 4 Geleisen. Sie besteht aus 5 blechernen Hohlbalken, in ihrer ganzen Höhe durch gußeiserne Querstücke so wie durch Andreaskreuze verbunden. Es war dieß die erste größere Blechbrücke, welche in Frankreich zur Ausführung kam. Wichtigste Dimensionen: Lichthöhe 9,76 Meter, Oeffnungen 31,40 Meter, Länge der Tragbalken 168 Meter, Höhe derselben 2,28 Meter, Abstand von Achse zu Achse der Träger: der mittleren 3,10 Meter, der mittleren und Seitenträger 3 Meter, der äußeren 12,20 Meter.

6. Die Brücke von Windsor, von Brunel im J. 1849 für den Uebergang der Great-Western Bahn über die Themse bei Windsor erbaut, und als Typus einer „Bow-string“ Brücke zu betrachten. Die Brücke ist schief, für 2 Geleise construirt, und es besteht der Oberbau der einzigen Oeffnung aus 3 Blechbogen, welche unten durch die blechernen Langbalken für die Brückenbahn verbunden sind. Die Bogen ruhen auf gußeisernen Säulen, da zu beiden Seiten Inundationsbrücken von Holz ebenfalls auf eisernen Säulen sich anschließen. Lichte Höhe 5,5 Meter, Oeffnung 57,25 Meter, Länge der Bogen 65 Meter, Pfeilhöhe 7,60 Meter, Höhe der unteren Langbalken 1,8 Meter, der Bogen 7,62 Meter. Entfernung der Bogen von Achse zu Achse: der äußeren 10,668 Meter, zwischen den äußeren und mittlerem 5,334 Meter.

7. Die Brücke von Chepstow, 1850–1852 von Brunel für den Uebergang der South-Wales Eisenbahn über die Wye erbaut. Sie besteht so zu sagen aus 2 getrennten Brücken, jede für ein Geleise. Jede derselben wird gebildet aus einer kreisrunden Röhre von Blech, welche in bedeutender Höhe über der Brückenbahn auf 2 Stützen ruht, und aus 2 Tragketten, welche in Abständen von 30 Meter auf 4 Punkten die horizontalen Langbalken der Brückenbahn tragen. Zwei große Zwischenstützen umfassen die Röhre und die Langbalken, und machen, durch diagonale Ketten versteift, den Abstand zwischen Röhre und Brückenbahn unveränderlich. Die ganze Brücke umfaßt außer der großen so überspannten Oeffnung noch 2 weitere Oeffnungen von 30 Meter jede. Die Hauptdimensionen sind: Höhe bei Hochwasser 14,02 Meter, bei Niederwasser 26,52 Meter, Oeffnung 90,21 Meter, Länge der Träger 90,67 Meter, größter Abstand zwischen Kette und Röhre 15,316 Meter, Durchmesser der Röhre 2,743 Meter. Höhe der Langbalken der Brückenbahn 2,286 Meter, Entfernung von Achse zu Achse: der Röhren 15,495 Meter, der Geleise 6,35 Meter, der Langträger 20,676 Meter.

8. Die Brücke von Newark, von Cubitt über die Trent bei Newark für die Great-Western Bahn erbaut. Sie besteht ebenfalls gleichsam aus 2 von einander unabhängigen Brücken, jede für ein Geleise. Sie ist zusammengesetzt aus 2 Tragbalken, gebildet aus einer horizontalen gußeisernen Röhre oben und einer mit derselben parallelen Kette unten, beide mit einander verbunden abwechselnd durch gußeiserne und schwiedeiserne Streben, welche symmetrisch gegen die Mitte zu angeordnet sind. Diese Streben bilden mit der Röhre und den Ketten gleichseitige Dreiecke in der Zahl von 18. Die Träger ruhen an den Enden auf starken dreieckigen Stützen, und sind durch Querbalken und obere und untere Versteifungen, an beiden Enden aber außerdem durch die dreieckigen Stützen vereinigende gußeiserne Bogen mit einander verbunden. Die hölzerne Platform der Brückenbahn ruht unmittelbar auf den Ketten. Hauptdimensionen: Höhe 6,10 Meter, Oeffnung 29,72 Meter, Länge der Brücke 84,38 Meter, Höhe der Tragwände von der Achse der Röhren zur Achse der Ketten 4,883 Meter, Abstand zwischen den Tragwänden jeder Bahn 4,623 Meter, den beiden äußeren 10,312 Meter, den Geländern 11,226 Meter.

Indem wir schließlich einige auf die angeführten 8 Brücken bezügliche Hauptzahlendaten in einer Tabelle zusammengestellt hier folgen lassen, hoffen wir, daß das Mitgetheilte hinreichend seyn werde, die Fachgenossen auf das werthvolle Werk der Herren Molinos und Pronnier aufmerksam zu machen und sie zu veranlassen aus dem Inhalt desselben Belehrung und Nutzen zu schöpfen.

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Textabbildung Bd. 148, S. 77

(Eisenbahnzeitung 1858 Nr. 12)

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