Titel: Zur Fabrication der Stearinsäure; von Dr. Emil Meyer.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1858, Band 148/Miszelle 7 (S. 235–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj148/mi148mi03_7

Zur Fabrication der Stearinsäure; von Dr. Emil Meyer.

Vor nicht langer Zeit hat Pelouze (Camptes rendus, 1856, t. XLII p. 1081, polytechn. Journal Bd. CXLI S. 134) die Entdeckung gemacht, daß zur Verseifung der Fette die Gegenwart von Wasser (wie bisher allgemein angenommen worden) nicht nothwendig sey, indem er Talg, Oele und überhaupt alle Fette durch wasserfreien Kalk bei einer Temperatur von 250° C. in eine nach dem Erstarren farblose, halbdurchsichtige Kalkseife und in Glycerin zerlegte, welches letztere allerdings bei der hohen Temperatur zum Theil in andere Producte zerfiel. Die Vortheile, |236| welche diese neue Thatsache für die Kerzenfabrication haben soll, bestehen nach ihm hauptsächlich darin, daß mit weniger Kalk, mithin auch mit weniger Schwefelsäure, und außerdem in kürzerer Zeit die Verseifung ausführbar wird. Noch wirksamer fand er für diesen Zweck den gelöschten Kalk, der in einer Menge von 10–12 Proc. angewendet bei 210–225° C. den Talg in einigen Stunden verseift, während bekanntlich mit Kalkmilch und Wasserdampf hierzu ein ganzer Tag nothwendig ist.

Was diese Verseisung mit Kalkhydrat betrifft, so ist dieselbe bereits vor mehr als 20 Jahren von Prof. Runge entdeckt und den HH. Friedr. Wilh. Hempel aus Oranienburg und Henry Blundel, Farbenfabrikant in Hull in der Grafschaft York, für England den 13. Sept. 1836 patentirt worden. Die von Hempel mitgetheilte Beschreibung befindet sich im London journal of arts, Conj. Ser. Vol. 11, p. 207, und in deutscher Uebersetzung im polytechn. Journ. Bd. LXVII S. 438. – Genau nach der dort angegebenen Vorschrift sind in der chemischen Fabrik zu Oranienburg in dem Zeitraume von 1835–1847 die sogenannten Palm-Wachslichte aus dem Palmöl dargestellt worden; außerdem haben mehrere englische Fabriken mit Vortheil auf dieselbe Weise gearbeitet, so daß ihre Brauchbarkeit nicht zu bezweifeln ist. In der Patentbeschreibung, die außerdem das Gießen der Kerzen statt des Ziehens als neu und eigenthümlich in Anspruch nimmt, ist übrigens noch ein für die Ausführung im Großen sehr wichtiger Kunstgriff, um die glasige Kalkseife zu zerkleinern, angegeben, den ich hier in Kürze anführen will.

Der durch Pressen in der Kälte erhaltene feste Theil des Fettes wird behufs der „Oxydation“ (so wird die Verwandlung des Stearins in Stearinsäure genannt) in einem eisernen Gefäße geschmolzen und auf 104 Pfd. desselben sehr allmählich 12 Pfd. sehr trocknes, feinpulveriges Kalkhydrat unter lebhaftem Umrühren eingetragen. Die Temperatur wird auf 115° C. erhöht und ungefähr 3 Stunden lang erhalten, bis die vollständige Verbindung erfolgt ist. Dieß erkennt man an dem dünnen, durchsichtigen Aussehen der Masse, die nach dem Erkalten porzellanartig erstarrt. Das Feuer wird beseitigt und zu der geschmolzenen Seife unter raschem Umdrehen anfangs sehr allmählich kaltes Wasser gesetzt, bis die ganze Masse in ein grobkörniges Pulver verwandelt ist, welches man durch ein Sieb treibt, um alle Klümpchen zu entfernen. Die Seife wird in dem Zeitraum von 3–4 Tagen durch Salzsäure zerlegt. Letztere wird durch Zersetzung der von der vorhergehenden Operation übrig gebliebenen Chlorcalcium-Lösung mittelst Schwefelsäure erhalten, wobei der Gyps herausfällt.

Das Auswaschen, Pressen. Bleichen und Raffiniren der Fettsäuren bietet nichts Bemerkenswerthes dar und ist jetzt allgemein angewandt.

Pelouze hat übrigens schon früher (Comptes rendus, 1855, t. XLI p. 978, polytechn. Journal Bd. CXXXVIII S. 422) ein der Pariser Ausstellungs-Jury von dem Kerzenfabrikanten Milly mitgetheiltes Verfahren veröffentlicht, um mit 4 Proc. Kalk Fette vollständig in Glycerin und Fettsäuren zu zerlegen, welches, wegen der Ersparniß an Schwefelsäure, als eine wichtige Verbesserung zu betrachten ist. Die Mischung von Kalk, Wasser und Fett wird nämlich einige Stunden lang einer 5–6 Atmosphären Druck entsprechenden Temperatur ausgesetzt. Es bildet sich hierbei nach Pelouze, der Milly's Angaben vollständig bestätigt fand, zuerst eine neutrale Seife, die durch Wasser in eine saure und in eine basische Seife zerfällt. Letztere zerlegt dann, wie ein Alkali wirkend, neue Mengen Fett, wird wiederum eine neutrale Seife und vollendet auf diese Weise die Zersetzung des Fettes in eine sehr saure Kalkseife und in Glycerin.

Beide Verseifungsmethoden haben außerdem den großen Vortheil, daß sie sehr wenig Wasser erfordern und mithin eine concentrirte Lösung von Glycerin liefern, welches jetzt als Schmiermaterial, in der Photographie etc. eine Verwendung zu finden scheint und ohne große Kosten herzustellen ist. Von größerer Bedeutung dürfte das Glycerin vielleicht jetzt durch die neueste sehr wichtige Entdeckung von Berthelot werden, der gezeigt hat, daß aus diesem zuckerartigen Stoff durch Gährung mit Kreide und Käse bei einer Temperatur von 30–40° C. Alkohol zu gewinnen ist. Die hierbei gleichzeitig auftretende Milchsäure kann in der Färberei statt der Weinsäure sehr gut angewandt werden.

(Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure Bd. II S. 45.)

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