Titel: Ueber die Anwendung der Messingdrahtseile zu Blitzableitern; von O. Beylich in Kaiserslautern.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1858, Band 148/Miszelle 2 (S. 315–316)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj148/mi148mi04_2

Ueber die Anwendung der Messingdrahtseile zu Blitzableitern; von O. Beylich in Kaiserslautern.

Schon mehrmals habe ich Klagen darüber vernommen, daß die zu Blitzableitern verwendeten Messingdrahtseile, nachdem sie sich einige Zeit ganz gut gehalten, plötzlich auf eigenthümliche Weise zerstört worden seyen. Einen derartigen Fall, dessen interessante Umstände geeignet seyn dürften einiges Licht auf die Ursache der Erscheinung zu werfen, hatte ich jüngst Gelegenheit zu betrachten. Auf dem zum hiesigen Centralgefängnisse gehörigen neuer bauten Haftgebäude für weibliche Sträflinge befinden sich seit etwa sechs Monaten Blitzableiter der erwähnten Art. Die vier Ableitungsstränge sind auf derselben Frontseite angebracht Die Drahtseile sind aus einem grad gelassenen Drahte von 2 Millimeter Dicke und sieben mit mäßiger Spannung darum gewundenen Drähten von 1 2/3 Millimeter Dicke gebildet. Der verwendete Messingdraht ist aus einer der renommirtesten Fabriken Deutschlands bezogen worden, und hatte alle wünschenswerthen Eigenschaften.

Seit Kurzem zeigen sich nun die beiden mittleren Ableitungsstränge schadhaft, während die beiden äußeren noch unversehrt sind. Die Drähte der ersteren lassen zahlreiche Querrisse wahrnehmen, in der Höhe mehr als unten, und in der Nähe der Fangstangen ist die Zerstörung vollständig, auch bei den Verbindungen dieser Dabei erscheinen die gewundenen Drähte an der Außenseite geschwärzt, während die innere Seite, sowie der Kern noch den ursprünglichen Metallglanz besitzen. Auffallend ist, daß die Veränderung sich nicht aus den ganzen Umfang der Seile gleichmäßig erstreckt, sondern der Länge nach auf einer Seite entschieden stärker hervortritt. Der frische Bruch eines solchen Drahtes ist sehr verschieden von dem eines unversehrten. Der letztere läßt unter der Loupe ein gleichmäßig feinfadiges Gefüge von graugelber Farbe und wenig Glanz erkennen, dagegen zeigt sich der erstere nach der geschwärzten Außenseite zu krystallinisch, goldgelb bis röthlich und metallisch glänzend; nach der inneren Seite zu geht er aber in den Bruch des gesunden Drahtes über.

Ein Einschlagen des Blitzes in diese Blitzableiter ist zwar nicht beobachtet worden; dennoch scheint dasselbe erfolgt zu seyn. Wenigstens lassen sich die angegebenen Erscheinungen kaum auf andere Weise erklären. Die Veränderung welche der Messingdraht erlitten hat, ist allem Anschein nach weniger eine chemische als eine mechanische, an der Oberfläche allerdings eine Oxydation (die Farbe gleicht ganz derjenigen |316| des sogenannten schwarzen Messings), im Inneren eine durch höchst intensive Erschütterung, unter Begünstigung der gleichzeitigen Erhitzung, hervorgebrachte Lagenveränderung der Molecüle.

Es fragt sich nun: Wie läßt sich solchen fatalen Zerstörungen vorbeugen? – Jedenfalls wird massiver Messingdraht bei demselben Querschnitte bessere Dienste thun als ein Drahtseil. Uebrigens ist die Elektricitäts-Leitungsfähigkeit des wohlfeileren Eisendrahtes, selbst bei starker Oxydation, von der auch das Messing nicht frei ist, im Vergleich mit derjenigen der benachbarten Baustoffe noch immer weit überwiegend.85)

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Prof. Schafhäutl hat den Vorschlag gemacht, die Messingdrahtseile durch kupferne zu ersetzen, von welchen nicht anzunehmen ist, daß sie in den krystallinischen Zustand übergehen und dadurch brüchig werden (polytechn. Journal Bd. CXVI S. 348). A. d. Red.

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