Titel: Die bisher vorgeschlagenen Apparate zur Durchbohrung des Mont-Cenis.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1858, Band 148/Miszelle 1 (S. 394–395)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj148/mi148mi05_1

Die bisher vorgeschlagenen Apparate zur Durchbohrung des Mont-Cenis.

Der k. k. Sectionsrath Hr. Rittinger brachte in der Monatsversammlung des österreichischen Ingenieur-Vereins am 6 März l. J. interessante Mittheilungen über diesen Gegenstand. Die außerordentliche Länge des herzustellenden Tunnels von 6696 Wiener Klaftern, sowie der Umstand, daß wegen der bedeutenden Höhe des ansteigenden Gebirges keine Hülfsschächte angebracht werden können, ließen die gewöhnlichen Methoden der Sprengarbeit und Ventilation ganz unzureichend erscheinen, und gaben Anlaß zur Erfindung neuer Apparate von höchst sinnreicher Construction.

Der belgische Ingenieur Mauß entwarf im Jahre 1849 das erste Project, wonach das Gestein durch eine Schrämmaschine für die nachfolgende Sprengung bearbeitet und die Uebertragung der mechanischen Kraft vom Tage auf die Maschine und die mit derselben verbundenen Ventilatoren durch Drahtseile bewirkt werden sollte. Obgleich dieses Project angenommen wurde, erhoben sich doch dagegen hinsichtlich der Kraftübertragung und der Ventilation wesentliche Bedenken.

Im Jahre 1855 wurde dieses Project durch ein zweites von Colladon verdrängt, welcher vorschlug die mechanische Kraft durch gepreßte Luft vor Ort zu übertragen und hiedurch zugleich eine hinreichende Ventilation herzustellen. Bei der großen Länge des Tunnels wurde nämlich zur Ventilation eine Luftmenge von beiläufig 2000 Kubikfuß per Minute (so viel als ein großer Hohofen bedarf) durch Rechnung nothwendig befunden.

Gleichzeitig wurde von Bartlett eine Steinbohrmaschine erfunden, welche durch eine locomobile Dampfmaschine in Bewegung gesetzt werden sollte. Da dieß aber mit Rücksicht auf die entstehenden Verbrennungsproducte als unpraktikabel erkannt wurde, combinirte Bartlett eine Steinbohrmaschine mit dem Colladon'schen Plane der Kraftübertragung, wodurch ein neues Project entstand, welches von der hiezu bestellten Commission als ausführbar befunden wurde und demnächst wirklich zur Anwendung gelangen soll. Die Bartlett'sche Bohrmaschine besteht im Wesentlichen aus einem Cylinder, in welchem ein Kolben durch die gepreßte Luft vor- und rückwärts bewegt wird. An diesem Kolben ist ein gewöhnlicher Bergbohrer befestigt; durch besondere Vorrichtungen wird das allmähliche Drehen des Kolbens und Vorrücken der Bohrmaschine bewerkstelligt. Zum Betriebe des Richtstollens werden 17 solche Bohrmaschinen in verschiedenen Richtungen und Höhen auf einem Eisenbahnwagen angebracht und gleichzeitig in Thätigkeit gesetzt. Nachdem die Maschine in 3 verschiedenen Stellungen dreimal 17 Bohrlöcher fertig gebracht hat, wird sie zurückgezogen, und sodann die Löcher geladen und gesprengt. Diese Bohrmaschine leistete bei den abgeführten praktischen Versuchen bei 200–300 Spielen in der Minute mit 12 Zoll Ausschub des Bohrers beiläufig das Zwanzigfache dessen, was ein Mann in derselben Zeit hätte leisten können. Man berechnete hiernach das tägliche Vorrücken des Feldortes auf 9 Fuß, wonach zur Vollendung des ganzen Tunnels 7 bis 8 Jahre nöthig seyn werden.

Die gepreßte Luft sollte nach dem ursprünglichen Plane durch Mittelst Dampf- oder Wasserkraft betriebene Luftpumpen erzeugt werden. In neuester Zeit haben jedoch die Ingenieure Grandis, Gratoni und Sommeiller einen originellen Apparat erfunden, welcher gepreßte Luft in vollkommen befriedigender Weise und ohne jene Uebelstände herstellt, welche mit der Anwendung der Luftpumpen wegen ihrer Kostbarkeit und Gebrechlichkeit verbunden sind. Der Apparat, von den Erfindern hydraulische Luftpresse genannt, ist höchst einfach: Aus einem Einfallsrohre von 12 Klaftern Gefälle gelangt das Wasser in einen Cylinder und preßt die Luft aus demselben in einen durch Wasser abgesperrten Windkessel; hierauf wird die Verbindung des letzteren mit dem Cylinder unterbrochen und dieser zugleich vom Wasser entleert. Durch fortgesetzte Wiederholung dieses Spieles, wobei eine Keine Wassersäulenmaschine die Steuerung vermittelt, wird eine Luftpressung hervorgebracht, |395| welche bei den angestellten Versuchen den Druck von sechs Atmosphären erreichte, und den hydrostatischen Druck aus dem Grunde übersteigt, weil durch schnelles Oeffnen der Einlaßklappen nicht bloß der Druck, sondern auch die lebendige Kraft des Wassers benutzt wird. Der Nutzeffekt dieser Luftpresse ergab sich zu 50 Procent; die Lufterwärmung stieg bis 31° Celsius.

Der Herr Sprecher machte zum Schlusse darauf aufmerksam, daß nach den bisrigen Erfahrungen diese Steinbohrmaschine bei jedem Ortsbetriebe, wo es sich, abgesehen von den größeren Unkosten, hauptsächlich um Zeitersparniß handelt, die hydraulische Luftpresse aber überhaupt zur Ausnützung von Wasserkräften durch Uebertragung auf entferntere Maschinenanlagen und selbst auch als Gebläsemaschine vortheilhafte Anwendung finden dürfte. (Zeitschrift des österreichischen Ingenieur-Vereins.)

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