Titel: Teleskope mit Silberspiegel auf Glas.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1858, Band 148/Miszelle 4 (S. 464–466)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj148/mi148mi06_4
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Teleskope mit Silberspiegel auf Glas.

In der Sitzung der mathematisch-physikalischen Classe der k. bayer. Akademie der Wissenschaften vom 12 Junius legte der Akademiker Ministerialrath Steinheil ein in seiner Werkstätte zu München ausgeführtes Teleskop mit Silberspiegeln auf Glas vor, das von so überraschender Wirkung ist, daß dieser neue Gegenstand, der eine große Zukunft für die Instrumentalastronomie erwarten läßt, wohl in weiteren Kreisen Interesse erregen dürfte.

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß das Newton'sche Spiegelteleskop vom Standpunkt der Theorie aus ungemeine Vorzüge vor dem Fernrohr besitzt, weil seine Theorie streng richtig ist, und daher auch mehr leisten muß als die vollendetste Dioptrik. Denn hier wird der Lichtstrahl nicht in seine Farben zerlegt wie bei der Durchdringung der Glaslinsen. Es entstehen also jene Farbensäume der Bilder gar nicht, deren Hebung in der Dioptrik die größte Schwierigkeit bildet, und die nie vollständig gelingt, namentlich bei großen Refractoren unvermeidlich bleibt. Aber die Teleskope hatten so große Mängel anderer Art in Vergleich zu den Refractoren, daß sie bei uns in Deutschland (etwa mit Ausnahme von Lilienthal) eigentlich nie Eingang fanden. Nur in England, dem Lande wo sie erfunden wurden, hat man sie mit Erfolg in der Wissenschaft benutzt. Die Mängel der Spiegelteleskope, die bisher alle Talente dieser Sphäre abschreckten ihre Kräfte der Verbesserung dieser Instrumente zu widmen, und sie veranlaßten sich der Dioptrik zuzuwenden, sind nun hauptsächlich folgende: 1) beträgt der Lichtverlust bei Reflexion von Metallspiegeln 33 Procent und mehr, so daß ein Teleskop welches zweimalige Reflexion des Lichts fordert, 55 Procent des einfallenden Lichts absorbirt, und also fast doppelt so großen Durchmesser als ein Fernrohr nöthig hat um gleichviel zu leisten. 2) Ein noch schlimmerer Uebelstand bei den Spiegelteleskopen ist ihre geringe Dauerhaftigkeit. Sehr bald laufen die Spiegel durch Einwirkung von Gasarten an, und ein Aufpoliren um sie zu reinigen, hat in der Regel den Untergang der genauen Gestalt des Spiegels und damit seiner Leistung zur Folge. Außerdem aber zeigen 3) die Spiegelteleskope nie so scharf als die Refractoren, weil die sphärische Abweichung des Spiegels hier nicht so wie bei den Fernröhren vernichtet werden kann.

Das vorgezeigte Steinheil'sche Teleskop ist nun frei von diesen Mängeln. Eine dem Anschein nach unbedeutende chemische Erfindung hat die Entfernung aller Mängel des Teleskops ermöglicht, und ist also von unberechenbarem Nutzen für Optik und Astronomie. Liebig's Versilberung polirter Glasflächen, nach einer neuen bis dahin noch nicht veröffentlichten Methode, ist nämlich so überaus gleichmäßig und dünn, daß die Metallseite der Versilberung eine vollkommene Aequidistante der Glasfläche bildet, und durch bloßes Abreiben mit weichem Leder zum hochpolirten Spiegel wird. Dabei haftet diese höchst dünne Silberschicht so fest an dem Glas, daß der Spiegel selbst hohen Temperaturen ausgesetzt werden kann, ohne sich wie die bisherigen ähnlichen Versilberungen abzulösen. Nach Messungen von Steinheil ist der Lichtverlust dieser Silberspiegel unter 45° nur 9 Proc. (S. Astron. Nachrichten Nr. 1138.) Er beträgt also bei zweimaliger Reflexion nur 17 Proc., während ein Frauenhofer'sches Objectiv 23 Proc. Lichtverlust hat. Teleskope mit Silberspiegeln stehen sonach den Fernröhren gleicher Oeffnung in Helligkeit nicht nach. Nun hat aber Steinheil auch Mittel gefunden, die sphärische Abweichung der Spiegel durch ein kleines negatives Objectiv, das einen Theil des Oculars bildet, in aller Strenge, wie bei den Refractoren, aufzuheben, so daß die Deutlichkeit des neuen Spiegelteleskops selbst die der besten Fernröhren übertrifft, weil keine Spur von farbigen Säumen an den Bildern sichtbar wird. Die mit einer Silberschicht von der Dicke von ein Dreißigtausendstel einer Linie belegte, genau sphärisch polirte Glasfläche des Spiegels bleibt sonach stets geschützt durch die Silberschicht. Selbst wenn diese mit der Zeit anläuft, und durch Abreiben mit Leder wieder rein gemacht werden muß, bleibt die Glasfläche unberührt, und damit die genaue Gestalt erhalten. Ja, wenn selbst mit der Zeit die Versilberung des Spiegels erneuert werden muß, so ist dazu nicht mehr Mühe und Vorsicht erforderlich, als jetzt beim Reinigen der Objective. Diese Teleskope sind also wenigstens eben so dauerhaft als Refractoren. Sie bieten aber noch andere wesentliche Vortheile. Es kann nämlich |466| die Oeffnung im Verhältniß zur Brennweite viel größer als bei Fernröhren gemacht werden. Das vorgelegte Teleskop hat 3 Zoll Oeffnung und 18 Zoll Brennweite, während es in der Leistung einem dreizölligen Fernrohr von 42 Zoll Brennweite sehr nahe gleichkommt. Ein sechszölliges Teleskop bekommt nur 33 Zoll Länge und bleibt somit leicht transportabel und am Fenster benutzbar, während die Anwendung eines sechszölligen Refractors gleicher Leistung eine Sternwarte erfordert.

Endlich ist die Herstellung dieser Teleskope einfach im Verhältniß zu der der Refractoren, und ganz unabhängig von homogenem wellenfreien Glas, so daß die Preise im Vergleich mit denen der Refractoren von gleicher Leistung von Merz kaum ein Viertel betragen werden. Diese Vortheile sind so erheblich, daß wir hoffen dürfen die Silberspiegel-Teleskope bald eingeführt zu sehen. Sie scheinen nicht nur geeignet in der Wissenschaft Anwendung zu finden, sondern sie werden auch den Freund der Astronomie in den Stand setzen die Wunder des Himmels sich ohne große Opfer näher als bisher ansehen zu können. (Beilage zu Nr. 175 der Allgemeinen Zeitung.)

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