Titel: Statistische Notizen über die Baumwollen-Fabrication in Großbritannien und in Deutschland; von Hrn. Regierungsrath Moser.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1858, Band 149/Miszelle 1 (S. 461–463)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj149/mi149mi06_1

Statistische Notizen über die Baumwollen-Fabrication in Großbritannien und in Deutschland; von Hrn. Regierungsrath Moser.

A. Großbritannien.

Vor der Thronbesteigung Königs Georg III. (1760) betrug der Gesammtwerth der in Großbritannien verfertigten Baumwollen-Waaren nicht über 2 Millionen Thaler, die Einfuhr an roher Baumwolle 1 1/2 bis 2 Millionen Pfund. Der große Aufschwung, welchen diese Industrie seit jener Zeit genommen, ist der Ersparniß an Arbeitslohn, durch die Erfindung der bei derselben in Anwendung kommenden Maschinen, namentlich der Spinn- und Dampfmaschinen, und der Ermäßigung der Kosten des Rohproducts zuzuschreiben. – Es wurden im Durchschnitte jährlich an roher Baumwolle verbraucht:

in den fünf Jahren 1771–1775 3,000,000 Pfd.
„ „ 1781–1785 10,800,000 „
„ „ 1791–1795 27,400,000 „
„ „ 1801–1805 56,600,000 „
„ „ 1811–1815 79,680,000 „
„ „ 1821–1825 152,200,000 „
„ „ 1831–1835 313,510,000 „
„ „ 1841–1845 585,300,000 „
„ „ 1851–1855 711,500,000 „
im Jahre 1856 913,800,000 „

Es hat mithin eine Zunahme des Verbrauchs um das 300fache gegen die Zeit vor achtzig Jahren stattgesunden. Die brittischen Manufacturen consumiren 2/3 des Gesammtverbrauchs an roher Baumwolle in ganz Europa. Würde das Quantum des brittischen Consums gegenwärtig noch nach der Methode von 1770 verarbeitet, so würden dazu 91,380,000 Menschen, d.h. gerade soviel Menschen, als die Gesammtbevölkerung Frankreichs, Oesterreichs und Preußens beträgt, erforderlich seyn. Gegenwärtig sind indeß in den 2210 großen Baumwollen-Fabriken (Spinnereien und Webereien zusammengerechnet) nur 379,219 Arbeiter beschäftigt, die mehr oder weniger nur als Aufseher für die Maschinen verwendet werden. Diese letztern wirken mit

88,001 Dampf- und
9,131 Wasser-Pferdekräften
–––––––––––––––––––
zusammen 97,132 Pferdekräften,
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und treiben etwas über 20 Millionen Spindeln. Man rechnet gegenwärtig 315 Spindeln auf die Pferdekraft.

Die Kosten des Rohproducts ermäßigten sich in Folge des Anbaues der Baumwollenpflanze in Nordamerika und Ostindien. Bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts erfolgte der Einkauf der rohen Baumwolle in den brittischen Colonien in Westindien, in den französischen, spanischen, holländischen und portugiesischen Colonien und in Kleinasien. Der Preis schwankte in den Jahren 1781–1785 zwischen 20 Sgr. und 1 Thlr. 8 Sgr. für das Pfund. Erst 1786 begann man die Baumwollenpflanze in Nordamerika (Georgien und Südcarolina) im Großen und regelmäßig zu cultiviren; jetzt gilt die nordamerikanische Baumwolle als die vorzüglichste. Es wurden aus den Vereinigten Staaten exportirt:

1791 189,316 Pfd.
1796 6,276,300 „
1806 37,491,282 „
1816 81,747,116 „
1826 204,535,415 „
1840 743,941,064 „
1845 672,905,996 „
1849 1026,602,209 „
1853 1111,570,395 „
1854 987,833,106 „
1855 1008,424,001 „

Diese Ausfuhr beträgt etwa 2/3 des gesammten Handelsverkehrs mit roher Baumwolle auf der Erde und 4/5 der ganzen Ernte in den nordamerikanischen Staaten. Der Preis bewegt sich jetzt zwischen 4 und 10 Sgr. für das Pfund.

Die Ausdehnung des Anbaues der Baumwollenpflanze in Ostindien ging trotz der Bemühungen der ostindischen Compagnie nur langsam von statten. Die Schlaffheit der Hindu und weniger günstige climatische Verhältnisse bereiteten schwer zu überwindende Hindernisse. Die Ausfuhr nach England betrug

im Jahre 1820 erst 23,125,000 Pfd., sie war
„ 1833 auf 32,755,000 „
„ 1845 „ 58,437,000 „

gestiegen, und belief sich in den Jahren 1851–1855 jährlich auf 122,411,948 Pfd.

Außerdem lieferten in den genannten Jahren durchschnittlich dem brittischen Verbrauche jährlich:

Aegypten, die Levante, die Türkei, Syrien, Morea und
die griechischen Inseln

28,601,000 Pfd.,
Brasilien 21,996,000 „
Die brittischen Besitzungen in Westindien, Guyana, der
Mauritius-Insel etc.

3,798,000 „

(Aus der Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, neue Folge, Bd. IV S. 89.)

B. Deutschland.

Die Zahl der Baumwollen-Spinnereien und der laufenden Spindeln war im Jahre 1857 in den einzelnen Staaten des Zollvereins folgende:

Spinnereien. Spindeln.
Bayern 16 316,700
Sachsen 133 554,646
Preußen 20 289,000
Baden 10 185,600
Hannover 1 48,800
Oldenburg 4 20,400
Württemberg 12 119,000
––––––––––––––––––––
196 1,534,146.

Der Verbrauch an roher Baumwolle wird auf 185,950 Ballen berechnet. Für das Jahr 1858 wird eine Vermehrung der Spinnereien um zwölf mit 484,000 Spindeln erwartet, so daß demnächst in Betrieb seyn würden: 208 Spinnereien mit 2,018,146 Spindeln.

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In Oesterreich waren nach den statistischen Aufnahmen des Jahres 1851 vorhanden: 208 Spinnereien mit 1,482,138 Spindeln, welche etwa 130,000 Ballen roher Baumwolle consumirten. Die seitdem eingetretene Vermehrung ist auf 15 Proc. zu veranschlagen. (Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen, 1858 S. 101.)

Ueber die Baumwollen-Spinnereien, Webereien, Druckereien, Bleich- und Appreturanstalten in den östlichen Departements von Frankreich verweisen wir auf die Abhandlung von Emil Dollfuß im Jahrgang 1857 des polytechn. Journals, Bd. CXLIV S. 422.)

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