Titel: Niepce, über eine bisher unbekannt gebliebene Wirkung des Lichtes.
Autor: Niépce de Saint‐Victor, Claude M.
Fundstelle: 1859, Band 151, Nr. CVIII. (S. 435–439)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj151/ar151108

CVIII. Vierte Abhandlung über eine bisher unbekannt gebliebene Wirkung des Lichtes; von Hrn. Niepce aus Saint-Victor.

Aus den Comptes rendus, December 1858, Nr. 25.

Ich gehe nun auf eine andere Reihe von Versuchen über, welche aber derselben Art sind, wie die in meiner dritten Abhandlung69) besprochenen.

Wenn man ein Blatt Berzelius'schen Filtrirpapiers, welches bloß mit Stärkmehl geleimt worden ist, mit einer schwachen Auflösung von Aetznatron, oder Aetzkali, oder Cyankalium tränkt, und dann beiläufig drei Stunden lang belichtet, so gibt es mit Curcumatinctur ein gelbes Bild im belichteten Theil, und ein rothes im nicht belichteten Theil. Erhitzt man dieses Papier, so verkohlt es sich sehr rasch im belichteten Theil. Das nicht mit Stärkmehl geleimte Berzelius'sche Papier bringt nicht dieselbe Wirkung hervor.

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Wenn man ein Blatt des im Handel vorkommenden Papiers mit Stärkmehl leimt und beiläufig drei Stunden lang belichtet, so röthet es die blaue Lackmustinctur im belichteten Theil; überdieß findet sich das Papier entleimt, oder die Leimung hat wenigstens ihre Natur verändert, denn das Wasser dringt sofort durch das Papier in dessen belichtetem Theile. Die Wirkung ist noch merklicher, wenn man das Papier mit Natron, oder Kali, oder Jodkalium tränkt; aber ein mit thierischem Leim geleimtes Papier entleimt sich unter dem Einfluß des Lichts nicht in der Zeit wo sich ein mit Stärkmehl geleimtes Papier entleimt.

Das ozonometrische Papier, welches Stärkmehl und Jodkalium enthält, färbt sich nach Cloez unter dem Einfluß des Lichts, des atmosphärischen Sauerstoffs und der Feuchtigkeit.

Wenn man Houzeau's ozonometrisches Papier, welches rothes Lackmus und Jodkalium enthält, schwach befeuchtet unter einem Lichtbild dem Licht aussetzt und nach der Belichtung durch Wasser nimmt, so gibt es in allen vom Licht getroffenen Theilen ein blaues Bild, während die gegen das Licht geschützt gewesenen Theile roth bleiben.

Ein mit einer Auflösung von salpetersaurem Uranoxyd, besonders neutralem, getränktes Papier färbt sich unter dem Einfluß des Lichts aschgrau, und zwar nach dem Grade der Befeuchtung mehr oder weniger dunkel. Das Bild erhält eine sehr intensive schiefergraue Farbe, wenn man das Papier mit einer auf folgende Weise bereiteten Auflösung getränkt hatte: in 100 Theile Wasser gibt man 10 salpetersaures Uranoxyd, 5 salpetersaures Kupfer, 2 1/2 gelbes Uranoxyd und erhitzt um die Flüssigkeit ganz neutral zu machen.

Wenn man mit dieser Flüssigkeit eine Zeichnung auf Papier ausführt und dieselbe ganz befeuchtet der Sonne aussetzt, so entsteht nach sehr kurzer Zeit eine Färbung unter dem Einfluß des Lichts; merkwürdigerweise verschwindet diese Färbung in der Dunkelheit und entsteht am Licht wieder, und zwar sehr oft nach einander, doch tritt ein Zeitpunkt ein, wo sie sich nicht mehr färbt. Damit die Färbung rasch stattfindet, darf das Papier weder zu naß noch zu trocken seyn; eine schwache Feuchtigkeit ist am geeignetsten. Die Färbung entsteht ziemlich rasch, selbst im zerstreuten Licht; je länger die Exposition dauerte, desto intensiver ist sie, und desto mehr Zeit ist erforderlich damit sie in der Dunkelheit verschwindet; wenn die Exposition aber zu lang gedauert hat, so wird das Papier stets eine schwache grünlichgelbe Färbung behalten.

Wenn man ein Blatt von dem im Handel vorkommenden Papier, welches mit Stärkmehl geleimt wurde, unter einem Lichtbild auf Glas belichtet, und dann in der Dunkelheit durch eine ziemlich concentrirte |437| Auflösung von Jodkalium nimmt, so gibt es ein rothbraunes Bild, welches blau wird, sobald man es in Wasser taucht; durch diese Reaction werden die schwächsten Wirkungen des Lichts auf das stärkmehlhaltige Papier nachweisbar.

Man setze ein Blatt käuflichen Papiers, welches mit Stärkmehl geleimt wurde, beläufig drei Stunden lang dem Licht aus, während man einen Theil der Oberfläche desselben durch einen Schirm gegen das Licht schützt. Nach der Belichtung tauche man das Blatt in eine Indigoküpe, und lasse es darin eine oder zwei Minuten; dann passire man es in Wasser, so findet man beim Herausnehmen desselben aus dem Wasser, daß sich das Papier unter dem Einfluß des Sauerstoffs der Luft in dem belichteten Theil blau färbte, während der nicht belichtete Theil weiß blieb.

Wenn man ein auf eben angegebene Weise belichtetes Blatt käuflichen Papiers in eine Auflösung von schwefelsaurem Indigo taucht, so bleibt im Gegentheil der belichtete Theil weiß, während der nicht belichtete Theil sich blau färbt; die Färbung wird viel merklicher, wenn man das Blatt durch Wärme trocknet.

Das Campecheholz und das Hämatoxylin geben im belichteten Theil eine rothe Färbung; Berzelius'sches Papier, auf dieselbe Weise behandelt, gibt kein erkennbares Resultat.

Alle diese Versuche über die Wirkung des Lichts sollten nicht nur im Vacuum, sondern auch in den verschiedenen Gasarten wiederholt werden, was mir leider bisher nicht möglich war.

Ich gehe nun zur Wirkung des Lichts auf die mit Uransalz getränkten Zeuge über.

Wenn man zwei Stücke von Baumwollen- oder Leinenzeug mit einer Auflösung von 20 Th. salpetersaurem Uranoxyd in 100 Theilen Wasser tränkt, dann das eine befeuchtet, das andere hingegen trocken dem Sonnenlicht aussetzt, indem man die Hälfte jedes Stücks durch einen Schirm gegen das Licht verwahrt, so findet man nach einstündiger Belichtung, daß der vom Licht getroffene Theil merklich geschwächt ist, hauptsächlich beim befeuchteten Zeuge. Bewahrt man diesen Theil in der Dunkelheit und an freier Luft auf, so sieht man daß die Schwächung fortdauert und von Tag zu Tag zunimmt, so lange die erlangte Thätigkeit (Wirksamkeit) andauert; legt man ihn aber in eine geschlossene Atmosphäre, so wird er endlich vollständig verkohlt und nimmt eine sehr dunkle braune Farbe an; die Theile des Zeuges hingegen, welche durch den Schirm gegen die Berührung des Lichts geschützt waren, behalten ihre Festigkeit.

Die Färbung, welche die mit einem Uransalz getränkten Zeuge unter dem Einfluß des Lichts annehmen, ist immer stärker wenn sie befeuchtet |438| als wenn sie trocken sind, und eben so ist es mit der Schwächung. Je weniger sauer die Auflösung des salpetersauren Uranoxyds ist, desto mehr färbt sich der Stoff, und umgekehrt, die Schwächung wird aber stets im Verhältniß stehen mit der Säuerlichkeit oder Concentration der Auflösung von salpetersaurem Uranoxyd.

Die Schwächung der mit Uransalz getränkten Zeuge rührt aber nicht ausschließlich von der Säuerlichkeit der angewandten Auflösung her; nachdem ich nämlich die Lösung fast neutral gemacht hatte, indem ich in der Wärme Uranoxyd bis zur Sättigung darin auflöste, war die Schwächung fast dieselbe; unter gleichen Umständen war sie stärker, wenn der Stoff während der ganzen Zeit der Belichtung mit reinem Wasser befeuchtet blieb.

Bei vergleichenden Versuchen mit Zeugen, welche mit einem 2 Proc. Salpetersäure enthaltenden Wasser imprägnirt waren, wurden diese weniger geschwächt als solche welche mit einer neutralen Auflösung von salpetersaurem Uranoxyd getränkt waren.

Endlich ergaben vergleichende Versuche, daß selbst ein mit reinem Wasser befeuchteter Baumwoll- oder Leinenzeug nach zweistündiger Belichtung sich merklich geschwächt zeigt, um so mehr wenn das Gewebe mit ein wenig Natron, oder Kali, oder Javellischer Lauge getränkt ist. Aus diesem Grunde wird ohne Zweifel das feine Weißzeug so bald unbrauchbar; es würde viel länger brauchbar bleiben, wenn man es im Schatten trocknen ließe, oder noch besser an einem gegen das Licht verwahrten Orte.

Folgender Versuch zeigt, wie viel rascher das Licht auf die befeuchteten Körper als auf die trockenen wirkt. Man belichtet, wie ich eben gesagt habe, zwei Stücke Baumwollzeug, wovon der eine befeuchtet und der andere trocken ist; nach der Belichtung gießt man auf diese Gewebe eine Auflösung von salpetersaurem Silber, und man sieht dann, daß sich das Silber im belichteten Theil des befeuchteten Gewebes sehr rasch reducirt, während die Reduction im belichteten Theil des trockenen Gewebes nur sehr langsam und sehr schwach stattfindet.

Eine andere wichtige Thatsache ist die, daß die ganze von einem belichteten Körper erlangte Thätigkeit (Wirksamkeit) zerstört wird, sobald man ihn zum Reduciren der Gold- und Silbersalze anwendet. Wird z.B. ein mit Uransalz imprägnirter und belichteter Zeug durch eine Auflösung von Gold oder Silber genommen, so färbt er sich, indem er diese Metalle reducirt; er verändert (schwächt) sich aber nicht mehr, weil er seine ganze Wirksamkeit verloren hat. Dieß wird noch dadurch bewiesen, daß ein Zeug welcher mit salpetersaurem Silber getränkt und belichtet wurde (unter denselben Umständen wie mit dem salpetersauren Uranoxyd), |439| sich nicht merklich schwächt, während der mit salpetersaurem Uranoxyd getränkte Zeug sich sehr schnell schwächt. Dieser Unterschied rührt offenbar daher, daß ersterer Zeug sofort das Silbersalz reducirt und dadurch seine Wirksamkeit verliert, während der zweite die ihm durch das Licht ertheilte Wirksamkeit behält.

Ich bemerke in dieser Hinsicht noch, daß wenn man zwei Stücke Baumwollzeug, wovon der eine mit Indigo und der andere mit Berlinerblau gefärbt ist, an demselben Tage der Sonne aussetzt, ersterer in seiner Farbe und in seinem Gewebe kaum eine Veränderung zeigen wird, während dieß bei dem zweiten in beiderlei Hinsicht in hohem Grade der Fall ist. Ersterer wird die Silbersalze fast gar nicht reduciren, und der zweite wird sie sehr stark reduciren. – Ein weißer Baumwollzeug wäre mehr geschwächt worden als der mit Indigo gefärbte, und weniger als der mit Berlinerblau gefärbte.

Schließlich will ich noch bemerken, daß nach meinen Versuchen die Ackererde und andere Erdarten in sehr hohem Grade die Thätigkeit (Wirksamkeit) zu erlangen vermögen welche das Licht ertheilt. So wird aus einer gewissen Tiefe, z.B. von drei Fuß, genommene Erde das mit Chlorsilber präparirte empfindliche Papier nicht afficiren; verbreitet man aber auf einer Metall- oder Glasplatte eine mit dieser Erde gebildete Kothschicht, und setzt sie nach dem Austrocknen dem Sonnenlicht aus, indem man einen Theil durch einen Schirm gegen das Licht verwahrt, so wird man finden daß der belichtete Theil sehr stark auf das empfindliche Papier wirkt, während der Theil welcher gegen das Licht geschützt blieb, das Papier gar nicht afficirt.

Alle Erdarten und sogar der Gyps können durch die Belichtung eine große Wirksamkeit erlangen.

Im Wesentlichen beweisen meine Versuche:

1) daß die Wirkung des Lichts auf die organischen oder unorganischen Körper nur dann stattfindet, wenn die Substanz sehr zertheilt ist und eine sehr dünne Schicht bildet;

2) daß die Färbung oder Reduction eines Metallsalzes durch das Licht nur dann stattfindet, wenn jenem eine organische Substanz oder einer der drei einfachen Körper, Chlor, Jod oder Brom beigegeben ist;

3) daß die organische Substanz ebenfalls nach stattgefundener Belichtung mit einer unorganischen Substanz gemengt seyn muß.

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S. 130 in diesem Bande des polytechnischen Journals.

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