Titel: Hasse, über Bergnaphtha.
Autor: Hasse, C.
Fundstelle: 1859, Band 151, Nr. CX. (S. 445–448)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj151/ar151110

CX. Mittheilungen über Bergnaphtha; von C. Hasse zu Halle a./S.

Die Bergnaphtha oder das natürliche Bergöl wird an sehr verschiedenen Orten gewonnen; namentlich finden sich Naphthaquellen in Persien, in der Moldau, in Dalmatien und Galizien. Die Naphtha scheint bei Gelegenheit unterirdischer Steinkohlenbrände durch trockene Destillation erzeugt worden zu seyn. Ich hatte kürzlich Gelegenheit ein solches Bergwerk auf Naphtha in Galizien – 8 Stunden hinter Limanow – zu besuchen, dessen Besitzer mich zur Untersuchung der gewonnenen Naphtha behufs Verwerthung derselben auf Leuchtstoffe und des stark mit Naphtha imprägnirten Gesteins aufgefordert hatte.

Die betreffenden zwei Berge – den Ausläufern der Karpathen angehörig – unterschieden sich von den benachbarten dadurch, daß sie nicht bewaldet waren; sie bestanden übrigens aus einer fetten schwarzen Thonart, in welcher sich kleinere und größere Schieferstücke ziemlich lose eingemengt fanden.

Im Sommer bemerkt man auf diesen mit Gras bewachsenen Bergen vereinzelte völlig kahle Stellen und diese sind es, welche auf die Spur der Quellen leiten; hier schlägt man ein. Je nach der Lage jener Stelle treibt man einen Stollen ein oder gräbt Brunnen und Schachte. Ich zählte bis 8 Schachte von 6 bis 12 Klafter Tiefe und drei oder vier Stollen. Die Naphtha quillt aus den Wänden der Schachte und Stollen in Begleitung des Bergwassers in dünnen Striemen hervor; das Gestein ist an solchen Stellen mit einer grüngelben Oelschicht bedeckt, ebenso das abfließende Wasser. Letzteres wird mit dem Oel gesammelt und dieses abgeschöpft. Zweckmäßiger wäre es jedenfalls, Oel und Wasser in ein größeres Faß zu schütten, welches am Boden mit einem Schwanenhals versehen ist, durch welchen das Wasser fortdauernd abfließen kann.

Die Naphtha wie das gegrabene Gestein besitzen einen geringen specifischen, nicht unangenehmen Geruch, welcher dem im Handel vorkommenden Photogen ähnelt, und dieser Geruch unterscheidet sich von den bei der trockenen Destillation des Braunkohlentheers erhaltenen, immer intensiv stinkenden Rohölen höchst vortheilhaft.

Die Farbe der Naphtha erscheint in Flaschen dunkelbraun mit einem Stich ins Grüne; in dünnen Schichten dagegen, z.B. wenn man einige Tropfen auf einen Porzellanteller bringt, rothgelb. Nur in letzterm Falle ist sie völlig durchsichtig.

Das specifische Gewicht der Naphtha ist 0,875.

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Sie enthält kein Kreosot.

Bei der Destillation der Naphtha gingen die ersten Producte sofort wasserklar über und zwar anfangs mit einem specifischen Gewichte von 0,740. Bei 0,830 spec. Gew. fingen dieselben an gelb zu werden und wurden besonders aufgefangen. Endlich, als gegen Ende der Destillation die gelbe Farbe des Destillats in eine röthliche überzugehen begann, wurde abermals die Vorlage gewechselt.

Es wurden auf diese Weise erhalten:

50 Proc. weißes Photogen von 0,815 spec. Gew.,

33,3 Proc. goldgelbes Solaröl von 0,850 spec. Gew.,

13,6 Proc. röthliches Oel, welches eine geringe Quantität Paraffin enthielt.

Was den Geruch dieser Producte anbetrifft, so war derselbe demjenigen der besten im Handel erscheinenden Producte gleich zu setzen.

Um jedoch zu prüfen, wie weit diese erhaltenen Oele durch das gewöhnliche Reinigungsverfahren der aus Theer erhaltenen bituminösen Producte, nämlich durch Behandlung mit Schwefelsäure und Aetznatron und nochmalige Destillation, verbessert werden könnten, wurden sie auch diesem Verfahren unterworfen.

Die nun erhaltenen Producte betrugen:

33,3 Proc. reines weißes Photogen von 0,810 spec. Gew.,
38,8 „ „ Solaröl von 0,845 spec. Gew.,
13,6 „ Paraffin haltendes Oel von 0,875 spec. Gew.
––––––––
14,7 Proc. Kohk und Reinigungsverlust.

Man sieht, daß das Verfahren zwar die Producte um einige Decimalstellen specifisch leichter macht, aber in Hinsicht aller übrigen Eigenschaften war zwischen dem ersten Rohdestillat und diesem Product kein Unterschied zu bemerken.

Die angestellten Brennversuche entschieden sich äußerst günstig; Photogen sowohl als Solaröl brannten prächtig und waren in jeder Beziehung nur mit den besten Producten dieser Gattung zu vergleichen.

Das natürliche Rohöl (die Bergnaphtha) ist kreosotfrei. Dieser Umstand erklärt, warum es nicht so stinkt, wie die Rohöle der verschiedenen Theersorten; er erklärt, warum schon das bloße Destillat des rohen Bergöls ohne weitere Reinigung gute Producte liefert.

Das unter dem Namen paraffinhaltiges Oel aufgeführte Product enthält zu wenig Paraffin, um hierauf verarbeitet werden zu können und würde als Maschinenschmieröl gute Verwendung finden.

Wenn man die Destillation der Naphtha beim ersten Erscheinen der roth gefärbten Producte einstellt und den Blasenrückstand noch warm ausgießt, |447| so erhält man beim Erkalten einen glänzenden, spröden, in der Wärme schmelzenden Asphaltkuchen.

Nachdem das natürliche Bergöl solche vorzügliche Resultate geliefert hatte, war es von Wichtigkeit einmal den Gehalt des die Quellen einschließenden Gesteins an diesem Oele zu untersuchen, andrerseits einen zweckmäßigen Apparat zur Gewinnung desselben herzustellen.

Die Prüfung des Gesteins auf seinen Gehalt an Naphtha geschah auf zweifachem Wege. Einmal durch trockene Destillation in einer genieteten eisernen Retorte, dann durch wiederholte Extraction der Naphtha mittelst Aether. Die Untersuchung einer schwarzen, stark riechenden Erde ergab folgende Resultate. (Die Erde war aus einem Brunnen dicht bei der Oelquelle entnommen und wurde, nachdem die steinigen Schieferstücke entfernt waren, durch einen Blechdurchschlag gesiebt und verwendet.)

1) 850 Gramme wurden in einer kleinen eisernen Retorte drei Stunden hindurch erhitzt. Das Oel, welches in zwei Glasvorlagen condensirt wurde, enthielt in der ersten Vorlage die dickeren, dunkleren Producte; in der zweiten Vorlage befanden sich die leichteren, fast wasserhellen flüchtigen Oele, welche in der ersten Zeit der Operation sich entwickelt hatten. Als gegen Ende der Operation die schwerstflüchtigen Producte kamen und die Hitze der Retorte sehr hoch stieg, hielt dieselbe an mehreren Stellen nicht mehr dicht, und da die Gase sich hier einen Ausweg bahnten, in die Vorlage dagegen nichts mehr tropfte, so wurde die Operation unterbrochen und beendet.

Die Condensation der Gase war offenbar nicht in den beiden Vorlagen ausreichend erfolgt, indem die am Abzugsrohre entweichenden Gase sich in einem darüber gehaltenen Gläschen zu Tropfen condensirten.

Es waren an öligen Producten erhalten worden 56,470 Gramme.

2) 400 Gramme desselben Gesteins wurden in der ausgebesserten Retorte und unter Anfügung von drei Vorlagen drei Stunden hindurch erhitzt. Die Condensation war jetzt vollständig; die Retorte hielt dicht bis zu Ende der Operation. Es wurden nun erhalten 31,873 Grm.

3) Dieselbe Operation mit 300 Grm. wiederholt, ergab an Oel 24,573 Grm.

4) 300 Grm. wurden in einem Stechheber von Glas mit 10 Loth Aether eine Nacht hindurch macerirt. Der gelbgefärbte ölhaltige Aether wurde abgelassen, die Operation aber mit dem Rückstand durch Aufgießen von je 10 Loth Aether noch zweimal wiederholt. Die erhaltenen klaren Flüssigkeiten wurden vereinigt und der Aether durch Destillation im Wasserbade getrennt; das zurückbleibende Oel betrug 23,923 Grm.

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5) Die Operation wurde mit 200 Grm. und 1 Pfd. Aether ebenso wiederholt und ergab 15,572 Grm. Oel.

Man sieht, daß der Gehalt dieses Gesteins zwischen 7 und 8 Proc. an Naphtha betrug.

Es liegt jedoch in der Natur der Sache, daß dieser Gehalt ungemein verschieden seyn muß nach dem Orte, von welchem das zu untersuchende Gestein entnommen wird. Diejenige Erde, welche sich nahe bei den Quellen befindet, wird reichhaltiger seyn, als jene, welche entfernt von solchen gelegen ist. Auch der Wassergehalt der Erde spricht mit, indem eine feuchte Erde im Allgemeinen weniger Oel enthält, weil das Wasser das Oel verdrängt zu haben scheint.

Die größere Masse der schwarzen thonigen Erde, welche nur schwach roch, wenn sie entfernt von den Quellen gegraben wurde, fand ich zwei Proc. Oel enthaltend.

Bedenkt man, daß der Centner der rohen Naphtha mit mindestens 10 st. bezahlt wird, so repräsentirt jeder Centner bituminöse Erde dieses Berges zwei Pfd. Naphtha oder einen Geldwerth von 20 kr. Oest. W. = 4 Sgr. Der Kubikfuß dieser Erde wiegt 1 1/2 Ctr., repräsentirt also einen Geldwerth von 6 Sgr.; destillirt würde diese Naphtha einen Werth von mindestens 10 Sgr. haben.

Würde man jene zwei Berge ausmessen, so würde man finden, daß sie Millionen Kubikfuß enthalten; wie viel Naphtha steckt demnach in jenen Bergen! Es würde sich nur darum handeln, sie auf eine einfache und vortheilhafte Art herauszuschaffen, und dieß ist eine Aufgabe, welche nicht so leicht ist als man denken sollte.

Die eigenthümlichen Verhältnisse Galiziens, welche nicht erlauben complicirte Apparate aufzustellen, die wie z.B. Dampfmaschinen, einer intelligenten Leitung bedürfen oder gar häufigen Reparaturen ausgesetzt sind; welche oft den Transport schwerer und dabei sehr voluminöser Apparate, wie den großen Dampfkessel, der mitunter sehr steilen Gebirgswege halber nicht gestatten, zwingen uns hier in enge Schranken und verbieten die Ausführung mancher Projecte, welche an andern Orten keine Schwierigkeiten finden.

In wie weit es mir gelungen ist einen Apparat zu construiren, welcher bei seiner praktischen Brauchbarkeit diesen Anforderungen entspricht, behalte ich mir vor, später in dieser Zeitschrift mitzutheilen.

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