Titel: Das Stereomonoskop von Claudet.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 151/Miszelle 1 (S. 72–73)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj151/mi151mi01_1

Das Stereomonoskop von Claudet.

Claudet hat ein Instrument erfunden, welches er Stereomonoskop nennt und durch dessen Anwendung ein einfaches Bild eine stereoskopische Täuschung hervorbringt. Im Mittelpunkt eines großen schwarzen Schirmes hat man eine viereckige Oeffnung angebracht, die durch ein mattgeschliffenes Glas eingenommen wird, auf welches man, mittelst einer optischen Vorrichtung, die hinter dem Schirme angebracht ist, das vergrößerte photographische Bild einer Landschaft, eines Portraits oder irgend eines anderen Gegenstandes fallen läßt. Wenn man dieses Bild betrachtet, |73| natürlich mit beiden Augen und ohne Anwendung eines Instrumentes, sieht man ein außerordentliches Phänomen entstehen. Das Gemälde erscheint mit vollkommenem Relief, als wenn man mit beiden Augen die beiden auf gewöhnliche Weise in dem Stereoskop verbundenen Bilder betrachtet. Man kann es in einer Entfernung von 30 Centimetern oder in einer Entfernung von 3 Metern betrachten, wie man es mit einem gewöhnlichen Gemälde macht, ohne die geringste Ermüdung der Augen. Obgleich dieses Bild durch die Projection auf den Schirm schon vergrößert worden ist, so kann man es doch noch mehr vergrößern, wenn man es durch große Sammellinsen betrachtet. Diese neue Thatsache besteht darin, daß das Bild auf dem mattgeschliffenen Glas der dunklen Kammer die Täuschung des Reliefs hervorbringt, während die Empfindung des Reliefs nicht existiren würde, wenn das Bild auf Papier aufgefangen würde. Wenn der Recipient des Bildes ein mattgeschliffenes Glas ist, so sind die durch die verschiedenen Punkte der Linse gebrochenen Strahlen, die das Glas erleuchten, nur dann sichtbar, wenn ihre Richtung mit der der optischen Achse der Augen zusammenfällt, so, daß die vom mattgeschliffenen Glas austretenden Lichtstrahlen, welche das rechte Auge erleuchten, nur diejenigen sind, welche in dieser Richtung durch die linke Seite des Objectives schief gebrochen worden sind, und daß die für das linke Auge sichtbaren Strahlen einzig diejenigen sind, welche durch die rechte Seite der Linse gebrochen worden sind. Die beiden Augen erhalten folglich ein verschiedenes perspectivisches Bild des auf dem mattgeschliffenen Glas dargestellten Gegenstandes, und das einfache Sehen ist in der That das Resultat der Wahrnehmung zweier verschiedener Bilder, von denen jedes nur sichtbar für das eine und unsichtbar für das andere Auge ist. Das ist der Hauptpunkt der Entdeckung Claudet's.

Das Stereomonoskop ist auf das nämliche Princip gegründet; es ist in Wirklichkeit nur eine dunkle Kammer, vor der man eine doppelte stereoskopische Platte angebracht hat. Mittelst zweier Objective, die passend getrennt und von einander entfernt sind, werden die beiden Bilder durch Brechung auf demselben Theil des mattgeschliffenen Glases projicirt und zum Zusammenfallen gebracht. Vermöge des so eben erwähnten Gesetzes wird das rechte Bild nur durch das linke, und das linke Bild nur durch das rechte Auge gesehen, so daß, obwohl es auf dem mattgeschliffenen Glas, wenigstens dem Anscheine nach, nur ein Bild gibt, die beiden Augen, indem sie auf denselben Punkt sehen, in Wirklichkeit verschiedene Bilder sehen, welche, da sie aus verschiedenen Gesichtspunkten aufgenommen sind, ihre individuelle Perspective besitzen. Es werden folglich die optischen Achsen, wegen ihrer unbesiegbaren Tendenz zum einfachen Sehen und bei ihrer natürlichen Anstrengung, die beiden correspondirenden Bilder eines nämlichen Punktes des Gegenstandes auf die Mittelpunkte der beiden Netzhäute zu bringen, mehr oder weniger convergiren, je nachdem die Entfernungen zweier Bilder eines nämlichen Punktes auf dem mattgeschliffenen Glas in horizontaler Richtung mehr oder weniger groß sind; diese horizontalen Entfernungen sind übrigens, wie man weiß, den bezüglichen Entfernungen proportional, welche die Punkte des Objektives von dem Orte trennen, wo die Bilder aufgenommen worden sind; und die Veränderung der Convergenz der optischen Achsen, in dem Uebergange von einer Ebene zur anderen der Landschaft, wird dieselbe Empfindung des Reliefs hervorbringen, als wenn wir die Landschaft oder den Gegenstand mit unsern beiden Augen oder als wenn wir die im Stereoskop verbundenen Bilder betrachten. (Cosmos, vol. XII p. 493, durch das polytechnische Centralblatt, 1858 S. 1657.)

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