Titel: Der Brückenbau bei Kehl.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 151/Miszelle 1 (S. 313–314)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj151/mi151mi04_1

Der Brückenbau bei Kehl.

Das Journal des Chemins de fer vom 25. December v. J. enthält über dieses interessante Bauwerk folgende Mittheilung. Bekanntlich ist am 16. September 1857 zwischen Baden und Frankreich ein internationaler Vertrag abgeschlossen worden, welcher die Errichtung einer stehenden Brücke über den Rhein zwischen Kehl und Straßburg zur Verbindung der beiderseitigen Eisenbahnen bezweckt. In Folge dieses Vertrags und des in Uebereinstimmung damit am 2. Juni 1858 festgestellten Projects sind die französischen Ingenieure der Ostbahn mit der Fundation der 4 Strompfeiler und 2 Widerlager für eine Flußöffnung von 235 Meter beauftragt, während der Oberbau der Brücke von badischen Ingenieuren auszuführen ist. Die bis auf eine Tiefe von 80 Meter ausgeführten Sondirungen des Flußbettes haben herausgestellt, daß es sich hier um eine seit Jahrhunderten gebildete Kieslage handelt, welche, da die Geschwindigkeit der Strömung an manchen Stellen 4–5 Meter in der Secunde beträgt, steten Veränderungen unterliegt. Es muß daher die Fundirung der Pfeiler zur Erlangung einer soliden Basis in großer Tiefe stattfinden, wozu man sich der Methode der Gründung durch Anwendung comprimirter Luft bedient, welche mittelst starker Maschinen in wasserdichte Behälter mit starken widerstehenden Wänden gepumpt wird, in welchen die Arbeiter sich aufhalten können.

Vor Allem handelte es sich um Herstellung einer Nothbrücke zum Transport der Gründungsmaterialien etc. Diese ruht auf 40 Centimet. starken Pfählen, welche mittelst Dampframmen 10–12 Meter tief im Flußbette eingetrieben wurden. Diese Nothbrücke ist auf der französischen Seite bis zur Stelle des ersten definitiven Strompfeilers vorgerückt. Die Pfeilergründung wird nun wie folgt vorgenommen. 2 Pfahlreihen, beil. 3 Meter von einander abstehend, umgeben den für den Pfeiler bestimmten Raum und bilden einen Schutzdamm für denselben. Ein zweietagiges Gerüst ist rundherum errichtet, dessen oberste Fläche in einem Niveau mit der Fahrbahn der Nothbrücke sich befindet und rechts und links zwei Bahngeleise enthält, auf welchen sich mächtige Hebekrahnen bewegen. Nachdem die nöthigen Baggerungen stattgefunden haben, um die vier Blechbehälter (Caissons), welche die Basis des Pfeilers zu bilden bestimmt sind, placiren zu können, wird man an das Versenken dieser Behälter selbst schreiten. Jeder derselben von rechteckiger Form und nach Unten offen, hat eine Blechstärke von 8 Millimeter, eine Länge von 7 Meter, eine Breite von 5,80 Meter und eine Höhe von 3,40 M. Ihr Gewicht beträgt 33,000 Kilogr., also für alle vier beil. 133,000 Kilogr. Jeder Kasten ist mit drei Kaminen versehen, wovon die beiden Seitenkamine 1 Meter Durchmesser haben und zur Passage der Arbeiter so wie zur Einbringung der Luft von den Gebläsemaschinen dienen. Der dritte Raum befindet sich in der Mitte des Kastens, hat 1,5 Meter Durchmesser und ist nach Unten bis zum Kies des Flußbettes verlängert; in demselben wirkt ein von Dampf betriebener Baggerapparat. Wenn die 4 Behälter versenkt sind, werden die |314| Gebläsemaschinen in Wirkung treten um Luft in jeden Behälter zu führen, welche mit einem Druck, der größer als derjenige des Wassers, 8 Arbeitern gestatten wird, in dieser Art Citadelle unter Wasser zu arbeiten um den von dem Baggerapparat im mittleren Schacht aufgebrachten Kies wegzuschaffen. Auf diese Art werden die Behälter sich allmählich in dem Flußbett tiefer und tiefer einsenken, und mit zunehmendem Luftdruck will man dieselben bis auf 20 Meter Tiefe hinunter treiben. Auf die 4 Caissons kommt ein starkes Zimmerwerk von Holz und auf dieses das Mauerwerk, welches mit den Behältern sich hinunter senkt. Auf die Tiefe von 20 Meter unter dem Flußbett angelangt, werden die 12 Kamine abgenommen um für den nächsten Pfeiler verwendet zu werden; es wird Beton in die Blechkasten und in alle Zwischenräume des Holzwerks eingebracht und man erhält so eine Masse von Mauerwerk und Beton von 7 Meter Breite, 23 Meter Länge und 20 Meter Höhe. Auf diesen Block wird das Mauerwerk des Pfeilers aus Granit von den Vogesen und vom Schwarzwald aufgeführt. Diese nur oberflächlich skizzirten Details mögen hinreichen einen Begriff zu geben von den Schwierigkeiten und dem hohen Interesse, welche sich an dieses kolossale Unternehmen knüpfen, bei welchem die Wissenschaft des Ingenieurs eine Vereinigung von Hindernissen zu bekämpfen hat, von welchen ein einziges unsere Vorfahren zurückgeschreckt haben würde.

Die bei den Arbeiten beschäftigten Ingenieure der Ostbahn sind: Vuignier, Ingenieuren Chef, Fleur Saint-Denis, erster Ingenieur, de Sapel, Ingenieur, Joyent und de France, Sectionsvorstände. Den Dienst der Dampfmaschinen von 170 Pferdekraft leitet der Inspector des Betriebsmaterials der Ostbahngesellschaft, Marechal. Die Arbeiten werden Tag und Nacht betrieben unter Benützung des elektrischen Lichts; sie führen an die Ufer des Rheins eine Bevölkerung von 1500 Personen. (Eisenbahnzeitung, 1859, Nr. 1.)

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