Titel: Das Armstrong'sche Geschütz.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 151/Miszelle 2 (S. 314–315)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj151/mi151mi04_2

Das Armstrong'sche Geschütz.

Galignani's Messenger bringt in seiner Nummer vom 17. bis 18 Januar d. J. einen längern Artikel über das in öffentlichen Blättern schon einigemal erwähnte Armstrong'sche Geschütz, den wir, da diese Erfindung Aufsehen erregt, unsern Lesern mittheilen wollen. Die Einleitung spricht sich sehr weitschweifig über die Verbesserung der Feuerwaffen überhaupt aus; wir erfahren jedoch dadurch nichts Neues und können sie also im Ganzen übergehen. Wie gewöhnlich, geht es über die englische Militär-Verwaltung her und wird ihr die Schuld aufgebürdet, die Ehre der Erfindung der verlängerten Geschosse Englands verscherzt zu haben, indem ein gewisser Greener bereits 1836 ganz die nachher nach Minié benannten Geschosse und Gewehre construirt habe. Minié habe sich dieser Idee bemächtigt und sie mit Erfolg weiter entwickelt. Erst von ihm habe sie dann die Regierung angenommen, obwohl die Versuche mit der Greener'schen Waffe vollkommen gelungen gewesen wären. Die Uebertragung des Systems der Expansivgeschosse auf die Geschütze habe sowohl in Bezug auf Herstellung der Züge im Geschütze, als auch auf Darstellung des Geschosses ihre bedeutenden Schwierigkeiten, und das Lancaster-Geschütz mit seiner ovalen Bohrung und seinem schmiedeeisernen Geschosse habe einen sehr kostspieligen Bankerott gemacht. Dieß der wesentliche unerquickliche Inhalt der Einleitung. Der Berichterstatter fährt nun fort:

„W. J. Armstrong, ein Civilingenieur, kein gelernter Artillerist, scheint nun das Problem gelöst zu haben und hat der Artillerie wieder zu ihrem Uebergewicht über das kleine Feuergewehr verholfen.

Armstrong's Geschütz ist von Stahl und wird von einem aus spiralförmig gewundenem Schmiedeeisen gebildeten Mantel umhüllt. Die Stärke und Festigkeit dieser Verbindung im Vergleich zu Bronze oder Gußeisen befähigt das Geschütz, ein 18 Pfd. schweres Geschoß aus einem Rohre zu schießen, das nicht mehr als der gewöhnliche 9pfünder wiegt. Die Seele ist mit etwa 40 schwachen Zügen, welche auf die ganze Länge der Bohrung eine Umdrehung machen, versehen. Das Geschoß ist von Schmiedeeisen, cylindrisch und mit abgerundetem Kopfe. Der größere Theil der Oberfläche desselben ist mit einer solid befestigten Bleihülle überzogen. Das Geschütz |315| wird von Hinten geladen, und da das Geschoß durch die Bleihülle einen etwas stärkern Durchmesser hat als die Bohrung, so wird es durch die Gewalt des Pulvers fest in die Züge getrieben und außerdem umschließt die Bleihülle sodann das Geschoß selbst noch um so dichter, so daß ein Abstreifen weniger zu befürchten steht, und das Geschoß die vorgeschriebene rotirende Bewegung erhält. Die Betrachtung der Versuche beweist die Vortheile dieser Verbesserung.

Bei den Versuchen in Shoeburyniß wurde zur Prüfung der Tragweite und Trefffähigkeit eine 6 hohe Scheibe auf eine Entfernung von 3500 Yards (nur 20 Yards weniger als eine englische Meile) wiederholt und mit größter Sicherheit getroffen. Das Geschoß war ein 18pfündiges. Ein cylindrisches Geschoß mit abgerundetem Kopfe leidet bei richtiger Rotation weit weniger von dem Luftwiderstande, als ein kugelförmiges von demselben Gewichte.

Armstrong's Geschoß kann sehr leicht in ein Hohlgeschoß und zwar in ein solches, welches mit seinem Eindringen explodirt, verwandelt werden. Es geschieht dieß durch Füllen der kleinen innern Höhlung mit Sprengladung und durch Aufsetzen eines Percussionszünders auf dem vordern Ende des Geschosses. Dadurch, daß das Geschoß nach dem Aufschlage erst noch einen Weg von 4–5 Fuß zurückzulegen vermag, ehe es explodirt, wird es ihm z.B. möglich, die Seitenwand eines Schiffes zu durchschlagen, und dann mitten unter die Menschenmenge auf dem Decke seine Sprengstücke zu schleudern. Soll das Geschoß keine Sprengwirkung äußern, so wird an der Stelle des Zünders ein eiserner oder stählerner Verschluß aufgeschraubt. – Zum Beweise der Eindringungsfähigkeit diene Folgendes: Ein 5pfündiges Geschoß schlug auf 1500 Yards eine 3' dicke, von 6 Lagen Ulmenholz solid zu einem Block verbundene Scheibe durch. Ein 12pfündiges Geschoß durchdrang auf 800 Yards zu Shoeburyniß einen 9' dicken eichenen Klotz. Auf 400 Yards schlug das 32pfündige Armstrong'sche Geschoß, mit Stahl verschraubt, einen Theil von einer der eisernen Platten der schwimmenden Batterie „Trusty“ ein, drang durch die Seitenwand, riß einen der Balken weg und fuhr über das dritte Deck wieder hinaus. – Man braucht also mit Armstrong's Geschütz keine schwimmenden eisernen Widder und keine geharnischten Schiffe zu fürchten.“ (Neue Militär-Zeitung vom 12. Februar 1859.)

Wir verweisen auf die Notiz über Armstrong's Kanone im vorhergehenden Heft S. 237 und auf die vorstehend S. 265 mitgetheilte Beschreibung seiner Zünder. – Wie die Allgemeine Zeitung vom 27. Februar d. J. aus London berichtet, wurde Hr. Armstrong bei dem Lever der Königin am 23. d. M in den Ritterstand erhoben und heißt nun Sir William Armstrong. Zwei große Anstalten zur Herstellung des von ihm erfundenen Geschützes werden errichtet, die eine zu Woolwich, die andere zu Newcastle, und 200 Stücke sollen in aller Schnelligkeit fertig gemacht werden.

Die Redaction.

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