Titel: Sicheres Mittel, das Stoßen beim Kochen von Flüssigkeiten in Retorten und anderen Glasgefäßen zu verhüten; von Dr. Wittstein.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 151/Miszelle 9 (S. 318–319)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj151/mi151mi04_9

Sicheres Mittel, das Stoßen beim Kochen von Flüssigkeiten in Retorten und anderen Glasgefäßen zu verhüten; von Dr. Wittstein.

Beim Erhitzen klarer Flüssigkeiten in Gefäßen mit glatten Wänden tritt bekanntlich nicht selten der Fall ein, daß dieselben ungeachtet fortwährenden Feuerns nicht recht ins Kochen kommen wollen, sondern höchstens ein schwaches Schwanken zeigen, aber dann zeitweilig in Folge einer schwachen Erschütterung von Außen oder auch ohne alle äußere Veranlassung, plötzlich so stark stoßen, sieden und schäumen, daß dabei gewöhnlich ein Uebersteigen stattfindet. Dieser Fall ereignet sich weniger bei wässerigen, als bei geistigen und ätherischen Flüssigkeiten, und hat wohl in nichts Anderem seinen Grund, als in einer Ueberhitzung derselben, welche wiederum Folge einer gleichmäßigen Vertheilung und Anhäufung der von Unten zugeführten Wärme in der Flüssigkeit ist.

Es kommt also, zur Verhütung dieses Uebelstandes, alles darauf an, der gleichmäßigen Vertheilung der zugeführten Wärme in der Flüssigkeit möglichst entgegenzuwirken, eine raschere Strömung der Wärme nach der Oberfläche der Flüssigkeit zu veranlassen. Eine solche Strömung entsteht sofort, wenn sich in der Flüssigkeit am Boden des Gefäßes ein hervorragender fester Körper befindet; schon ein Sandkorn bewirkt dieselbe, daher auch das Destilliren in Retorten, welche ein solches in ihrer |319| Masse steckend enthalten, weit leichter und ruhiger erfolgt, als in ganz makellosen Retorten. Da jedoch Retorten mit eingeschmolzenen Sandkörnern gerade an diesen Stellen weit eher zum Springen geneigt sind, so wählt man lieber Retorten von ganz reinem Glase zum Destilliren, und ersetzt das Sandkorn durch ein in die Flüssigkeit geworfenes Stück Glas, Quarz, Platindraht u. dgl.

Allein der beabsichtigte Zweck wird dadurch nur zum Theil erreicht. Die Strömung, welche von dem untersten Punkte des festen Körpers ausgeht, setzt sich nur bis zu dem obersten Punkte desselben fort und verliert sich dann in den zunächst darüber befindlichen Flüssigkeitsschichten. Steht nun darüber noch eine hohe Flüssigkeitssäule, so wird wenigstens diese in den Zustand der Ueberhitzung versetzt und veranlaßt ein Stoßen und Schäumen, wenn auch meistens nicht so heftig und gefährlich als bei gänzlicher Abwesenheit eines festen Körpers.

Man ist indessen aller Unannehmlichkeiten vollständig enthoben, wenn man die Strömung der Wärme unmittelbar bis zur Oberfläche der Flüssigkeit führt, und erreicht dieß einfach dadurch, daß man den festen Körper von solcher Beschaffenheit wählt, daß er vom Boden des Destillationsgefäßes bis etwa zur Oberfläche der Flüssigkeit hinaufreicht. In fast allen Fällen eignet sich dazu ein Glasstab von etwa 1 Linie Dicke; nur bei sehr schwer kochenden Flüssigkeiten, z.B. Schwefelsäure, nimmt man zweckmäßig einen besseren Wärmeleiter, nämlich einen Platindraht, der aber wenigstens die Dicke eines mittleren Strickstocks haben muß.

Seitdem ich ätherische, geistige, wässerige Flüssigkeiten u.s.w. mit eingesenktem bis zur Oberfläche reichenden Glasstabe destillire, ist alle Gefahr des Stoßens und Schäumens beseitigt; der Inhalt der Retorte kommt rasch ins Kochen und siedet ruhig fort. (Wittstein's Vierteljahresschrift für Pharmacie, Bd. VIII S. 104.)

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