Titel: Gentele, über die Bestimmung des Rohrzuckers, Traubenzuckers und Dextrins in Rohzucker, Syrupen, Bieren etc.
Autor: Gentele, Johan G.
Fundstelle: 1859, Band 152, Nr. XXXII. (S. 139–144)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj152/ar152032

XXXII. Ueber die Bestimmung des Rohrzuckers, Traubenzuckers und Dextrins in Rohzucker, Syrupen, Bieren etc.; von J. G. Gentele.

I.

Im vorhergehenden Heft dieses Journals S. 68 habe ich eine Methode veröffentlicht, um den Rohrzucker und Traubenzucker für praktische Zwecke hinreichend genau zu bestimmen. Diese Methode benutzte ich sofort zur Untersuchung mehrerer Sorten von ostindischem Rohzucker, wie er hier (in Stockholm) auf dem Markte vorkommt und von den Raffinerien angekauft wird, sowie zur Untersuchung von Syrupen aus diesen Raffinerien. Bei dieser Arbeit kam ich auf eine Verbesserung des Verfahrens, wornach es eine größere Menge von Rohmaterial anzuwenden gestattet, was besonders bei dem Rohzucker wünschenswerth ist, weil derselbe oft ein Gemenge ungleichartiger Producte ist und mechanisch beigemengte Unreinigkeiten enthält.

Zu diesem Behufe verdünne ich die vorgeschriebene Probeflüssigkeit mit Wasser auf ihr fünffaches Volum und prüfe sie mit einer Zuckerlösung, die in folgender Weise bereitet ist; man löst 3,5 Gramme reinen Rohrzucker in Wasser auf und vermischt die Auflösung in einer graduirten Flasche mit so viel Wasser, daß sie genau das Volum von 350 Kubikcentimetern einnimmt. Von dieser Normalzuckerlösung bringt man 20 Kubikcentimeter in eine geräumige Kochflasche, fügt 1 bis 2 Kubikcentimeter concentrirter Salzsäure hinzu, und erhitzt auf 90° C.; darauf läßt man einige Minuten stehen und gibt dann gepulvertes kohlensaures Natron bis zur Neutralisation hinzu; nun ermittelt man, wie viele Kubikcentimeter obiger (verdünnten) Probeflüssigkeit von dieser Lösung entfärbt |140| werden. Entfärbt sie z.B. 100 Kub. Centim. Probeflüssigkeit, so entspricht 1 Kub. Centim. von dieser 1 Proc. Rohrzucker; entfärbt sie 120 Kub. Centim. Probeflüssigkeit, so entsprechen 1,2 Kub. Centim. von dieser 1 Proc. Rohrzucker.

In gleicher Weise verfährt man bei der Prüfung jedes andern Materials. Man löst von demselben 3,5 Grm. in Wasser auf und bringt die Lösung auf das Volum von 350 Kub. Centim. Dann bestimmt man zuerst, ohne die Flüssigkeit vorher mit Salzsäure zu erhitzen, den vorhandenen Traubenzucker in Form von Rohrzucker (C¹²H¹¹O¹¹). Um den aus dem angezeigten Rohrzucker gefundenen Traubenzucker auf krystallisirten (C¹²H¹²O¹² + 2 HO) zu berechnen, multiplicirt man die Procente desselben mit 1,18. Hierauf nimmt man 20 Kub. Centim. derselben Lösung und behandelt sie wie es oben für die Normalzuckerlösung angegeben wurde. Zieht man von den zuletzt verbrauchten Kubikcentimetern Probeflüssigkeit diejenigen ab, welche man bei der ersten Probe verbraucht hat, so ergeben sich unmittelbar die vorhandenen Procente von Rohrzucker.

Bei Anwendung der in angegebener Weise verdünnten Probeflüssigkeit ist die Reaction derselben leichter zu beurtheilen und die durch die Probeflüssigkeit hervorgebrachte gelbe Färbung besser von der nun noch helleren, welche das gebildete Einfach-Cyaneisenkalium (gelbe Blutlaugensalz) hinterläßt, zu unterscheiden. – Durch das Erhitzen der Zuckerlösung auf 90° C. soll nur die zur Umsetzung des Rohrzuckers in Traubenzucker erforderliche Zeit verkürzt werden.

Folgende Resultate erhielt ich bei der Untersuchung von Rohzuckern und Syrupen; der gefundene Traubenzucker (C¹²H¹²O¹²) wurde nicht auf krystallirten berechnet, weil dieses für den Fabrikanten zur Beurtheilung der Waare unnöthig ist.

Ostindische Rohzucker.

Rohrzucker.
Proc.
Traubenzucker.
Proc.
Nr. 16 95,0 1,7
Nr. 15 95,0 1,3
Nr. 14 90,2 1,8
Nr. 13 95,8 1,5
Nr. 12 88,1 1,7
Nr. 11 88,6 1,6
Nr. 9 84,9 4,9
Bachia Jerres 84,5 3,2
Bachia Mosquad 91,3 5,4
Havanna Nr. 16 94,6 1,8
Havanna Nr. 11 93,1 3,9
|141|

Syrupe.

Rohrzucker.
Proc.
Traubenzucker.
Proc.
Zuckersyrup, hellgelb 46,6 10,6
Lumpensyrup 53,1 15,9
Bastardsyrup 43,3 17,7

Bei den Rohzuckern steht der Zuckergehalt nicht immer mit dem Ansehen in Verhältniß; Trockenheit und mechanisch beigemengte Unreinigkeiten veranlassen in dieser Hinsicht bedeutende Abweichungen; mit der intensiveren gelben Farbe steigt der Gehalt an Traubenzucker im Verhältniß zum Rohrzucker, aber der Gehalt an beiden Zuckerarten ist häufig größer als in helleren Sorten, und die mechanisch beigemengten Unreinigkeiten betragen gewöhnlich weniger.

Ich wandte nun mein Prüfungsverfahren auch zur Untersuchung der Biere an. Im schwedischen, nach schwedischer Art gebrauten Biere fand ich 0,26 Proc. Traubenzucker; in einer Sorte hier (in Stockholm) gebrauten bayerischen Bieres 2,25 Procent. Das schwedische Bier zeigte im Saccharometer 33° Rechts, und gab nach dem Kochen mit Schwefelsäure 2,25 Proc. Traubenzucker; es enthielt Dextrin, sogar durch Jodtinctur fällbar. Das bayerische Bier enthielt kein Dextrin. Eine andere Sorte hier gebrauten bayerischen Bieres enthielt 1,25 Proc. Traubenzucker; es zeigte im Polarisationsinstrumente 45° Rechts, enthielt aber dessenungeachtet kein Dextrin; es enthält einen Körper, welcher auf das Licht einwirkt, ohne Traubenzucker oder Dextrin zu seyn. Es wäre sehr wünschenswerth daß die Natur des das Licht so stark ablenkenden im Biere enthaltenen Stoffes ermittelt würde, welcher, wie es scheint, durch Kochen nicht in Zucker übergeht.

II.

Die Polarisationsinstrumente ergeben den Rohrzuckergehalt einer Flüssigkeit mit sehr großer Genauigkeit, wovon man sich durch Prüfung selbstbereiteter Lösung von bekanntem Gehalt leicht überzeugen kann. Leider werden aber diese tadellosen Instrumente manchmal mit Gebrauchsanweisungen verkauft, welche bei der Anwendung derselben irre führen können.

So verkauft Hr. Paulowski in Berlin ein Instrument mit einer Gebrauchsanweisung (als Manuscript gedruckt, Berlin 1857), von welcher fast nichts brauchbar ist, als die Anweisung zur Untersuchung von Flüssigkeiten mit unbekanntem Zuckergehalt.

Es wird darin zur Prüfung der Zuckersorten vorgeschrieben, eine gewisse Quantität abzuwiegen, in Wasser aufzulösen, diese Lösung auf |142| ein gewisses specifisches Gewicht zu bringen, und nun die Ablenkung zu ermitteln, dann nach angegebener Weise den Gehalt zu berechnen. Verfährt man nach dieser Anweisung, so kann die Angabe des Instruments offenbar nur bei Anwendung von reinem Zucker richtig ausfallen; denn wenn man mit solchem Zucker, der mit 10 Proc. Wasser befeuchtet worden ist, oder welchem 10 Proc. eines unauflöslichen Körpers, z.B. Sand, beigemengt worden sind, eine Auflösung von dem vorgeschriebenen specifischen Gewichte macht, so zeigt er denselben Gehalt wie der reine, weil man in diesen beiden Fällen dem Gelösten weniger Wasser zuzufügen brauchte, um dasselbe specifische Gewicht zu erlangen. Die Angabe des Instruments betrifft also nur den trockenen löslichen Theil des Zuckers; sie wird erst dann eine brauchbare, wenn man auch den Gehalt der Zuckerprobe an Wasser und die ihr mechanisch beigemengten Unreinigkeiten bestimmt hat, ein offenbar zu umständliches Verfahren.

Da man mittelst des Instruments den Zuckergehalt in Flüssigkeiten richtig bestimmen kann, so liefert folgendes Verfahren zur Prüfung der Zuckersorten brauchbarere Resultate. Man wiegt die Raffinade, den Rohzucker oder Syrup in Portionen von 1, 5, 10, 20, 30 Grm., nach Belieben, löst sie in beziehungsweise 4, 20, 40, 80, 120, überhaupt dem 4fachen Gewichte Wasser auf, setzt auf je 4 Kubikcentimeter angewendeten Wassers 1 Kubikcentimeter Bleiessig zu, filtrirt und bringt in das Polarisationsinstrument. Zu den genau abgelesenen Graden sucht man die Procente in Tab. IV der Anweisung auf, wie sie angegeben sind ohne Anwendung von Bleiessig (denn die dortige Berechnung für Anwendung von Bleiessig gründet sich auf andere Verhältnisse). Die gefundenen Procente multiplicirt man mit 6. Das Product gibt die Procente von Zucker genau, wenn kein Traubenzucker vorhanden war.

Ist aber Traubenzucker vorhanden, so gibt das Instrument nicht nur den Gehalt an diesem nicht an, sondern es fällt sogar dann die Angabe für den Rohrzucker zu gering aus, wie folgender Versuch zeigt: Man löse 5 Grm. reinen Zuckers in 25 Kubikcentimetern Wasser und filtrire die Lösung; sie wird 68° Rechts zeigen, entsprechend einem Gehalt von 16,60 Procent, was mit 6 multiplicirt, 99,60 Procent gibt. Dieses Resultat erhält man mit recht trockener Doppelraffinade. Man löse nun 5 Grm. desselben Zuckers in 25 Kubikcentimetern verdünnter Salzsäure, erhitze auf 90° C., verkorke die Kochflasche und lasse erkalten; man filtrire und bringe die Lösung in das Instrument; sie wird nun 24°,1 Links zeigen; somit bewirkt derselbe Zuckergehalt, in Traubenzucker umgesetzt, eine Ablenkung um 24°,1 Links. Vermischt man nun 68 Kubikcentimeter |143| der nach Links zeigenden Flüssigkeit mit 24,1 Kubikcentimeter der nach Rechts zeigenden, und füllt die Mischung in das Instrument, so zeigt die 16,60 Proc. Zucker enthaltende Flüssigkeit 0° und 0 Procent.

Dieses Resultat ist constant und daraus folgt, daß 1° Links am Instrumente 0,69 Proc. Traubenzucker anzeigt; ferner daß 1 Proc. Traubenzucker die Wirkung von 0,38 Proc. Rohrzucker aufhebt. Da die Rohzucker im Allgemeinen wenig Traubenzucker enthalten, so ist bei diesen der Fehler in der Angabe des Instrumentes nicht von Bedeutung, er wird es aber bei den Syrupen.

Vorstehende Ergebnisse lassen sich benutzen, um mit dem Instrument brauchbare Resultate zu erhalten, nämlich in zweierlei Weise:

Erstes Verfahren. Man ermittle den Traubenzuckergehalt des zu prüfenden Rohzuckers oder Syrups mittelst der chemischen Probe, und den Rohrzuckergehalt mit dem Instrumente. Für jedes Procent gefundenen Traubenzuckers rechne man noch 0,38 Proc. Rohrzucker zu dem mit dem Instrumente gefundenen und man erhält dann den Rohrzuckergehalt genau.

Zweites Verfahren. Man ermittle den Rohrzuckergehalt mit dem Instrumente und notire ihn. Andererseits nehme man 1 Volum der geprüften Lösung, vermische es mit 1 Volum verdünnter Salzsäure und erhitze auf 90° C.; nach dem Erkalten prüfe man diese Flüssigkeit im Instrumente; die Links erhaltenen Grade multiplicire man wegen der vorgenommenen Verdünnung zuerst mit 2, dann mit 0,69, endlich mit 6, und man erhält so den ganzen Zuckergehalt in Procenten als Rohrzucker. Die Differenz beider Proben entspricht dem Gemisch aus Rohrzucker und Traubenzucker, deren Wirkung sich im Instrumente aufhob; multiplicirt man diese Differenz mit 0,72, so erhält man den Traubenzucker als Rohrzucker, und multiplicirt man sie mit 0,28, so erhält man den Rohrzucker dieses Gemisches, welcher zu dem mit dem Instrumente gefundenen zu addiren ist. – Auch dieses Verfahren gibt zuverlässige Resultate, vorausgesetzt, daß man die Links erhaltenen Grade mit der größten Genauigkeit abgelesen hat.

III.

Von Hrn. A. Müller, Professor an der landwirthschaftlichen Akademie hier (in Stockholm), erhielt ich ein Muster rein weiß krystallisirten Stärkezuckers aus einer Fabrik in Prag. Dieser ergab mit meiner chemischen Zuckerprobe 99,0 Procent krystallisirten Traubenzuckers (C¹²H¹²O¹² + 2 HO). Eine Lösung desselben, welche nach der chemischen Probe 19,8 Proc. Zucker enthielt, zeigte im Polarisationsinstrument eine Ablenkung von 66° Rechts; nach dem Vermischen mit ihrem gleichen |144| Volum Bleiessig (um den geringen Dextringehalt zu fällen) zeigte sie eine Ablenkung von 33° Rechts.

Hieraus folgt, daß der durch Behandlung von Stärke mit Säuren bereitete Traubenzucker, mit dem durch Einwirkung von Säuren auf Rohrzucker entstandenen nicht identisch ist, obgleich beide die gleiche Zusammensetzung haben. Kocht man den Stärkezucker mit Salzsäure, wie ich es für den Rohrzucker angegeben habe, so wird sein Ablenkungsvermögen nicht im geringsten geändert. Man könnte vermuthen, daß auch beim Bier die Ablenkung nach Rechts von diesem Körper herrührt; dieß ist aber nicht der Fall, denn die chemische Probe weist keinen entsprechenden Gehalt an solchem nach.

Auf Prof. Müller's Veranlassung untersuchte ich auch den Zucker in eingemachten, mit Rohrzucker gekochten Preiselbeeren, welche hier sehr beliebt sind. Der darin befindliche Zucker enthielt 82 Proc. Traubenzucker gegen 18 Proc. Rohrzucker. Die Lösung ergab im Polarisationsinstrument eine Ablenkung nach Links; der darin enthaltene Traubenzucker ist also linksdrehender, durch die Einwirkung der organischen Säuren auf den Rohrzucker entstandener. In diesen Präparaten ist somit der Traubenzucker überwiegend und der Rohrzucker verschwindet wohl mit der Zeit ganz. Bei ihrer Darstellung den Rohrzucker durch den wohlfeileren Stärkezucker zu ersetzen, ist offenbar nicht zu empfehlen, weil der aus dem Rohrzucker entstehende linksdrehende Traubenzucker viel süßer als der Stärkezucker ist.

Dubrunfaut fand bekanntlich den Zucker in den Fruchtsäften linksdrehend (polytechn. Journal Bd. CXXI S. 302). Er ist es wohl auch im Traubensaft, und in diesem Falle kann es bei der künstlichen Weinbereitung oder der Weinverbesserung – wenn mehr erreicht werden soll als größerer Alkoholgehalt – nicht gleichgültig seyn, welche der beiden Zuckerarten man anwendet, worauf ich nur nebenbei aufmerksam machen will.

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