Titel: Ueber Dampfkessel aus österreichischem Stahlblech; von Carl Kohn.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 152/Miszelle 2 (S. 155–157)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj152/mi152mi02_2

Ueber Dampfkessel aus österreichischem Stahlblech; von Carl Kohn.

Die wichtigste Rolle unter den Maschinen der Neuzeit spielt unstreitig die Dampfmaschine in den verschiedensten Gestalten und zu den mannigfaltigsten Zwecken. Man ist im Dampfmaschinenwesen schon so weit vorgerückt (wie es die bisherigen stabilen Maschinen, transportablen, Schiffsmaschinen, Locomotive der Jetztzeit genügend beweisen), daß es unnütz wäre, all ihre Vorzüge speciell hervorzuheben.

So sehr in diesem Fache fast alle früher dargebotenen Schwierigkeiten schon gehoben sind, so bleibt doch noch immer ein Umstand zu wünschen übrig, nämlich auch jene Schwierigkeit beseitigt zu wissen, welche der Dampferzeugungsapparat verursacht. Die Dampferzeugung geschieht bekanntermaßen in Dampfkesseln. In der ersten Zeit des Dampfmaschinenbetriebes bediente man sich der Kessel von Gußeisen. Solche Kessel waren sehr schwerfällig, schon ihrer Wanddicke wegen, die sie haben mußten, um nur einer Atmosphäre Dampfspannung zu widerstehen, sie consumirten vermöge ihrer Wanddicke auch bedeutend mehr Brennmaterial und boten überdieß noch wenig Sicherheit in Betreff des Zerreißens vermöge des oft vorkommenden mangelhaften Hohlgusses dar.

Man ist aber nicht lange bei derartigen Dampfkesseln geblieben, um so mehr, als man anfing Hochdruckmaschinen zu bauen, die schon 2 bis 3 Atmosphären und darüber Spannung aushalten mußten, und nahm die Zuflucht zu Kupferblechen, die allerdings eine bedeutende Erleichterung in jeder Beziehung auf Heizung und Dampfbildung darboten, die sich jedoch bei größeren Anlagen, wo nämlich Kessel von 200 bis 300 Quadratfuß Feuerfläche und darüber nöthig waren, viel zu kostspielig erwiesen, wie es schon die Natur des Rohstoffes mit sich bringt. Man machte hierauf, da die gewalzten Eisenbleche bedeutendere Verbesserungen sowohl in ihrer Homogenietät als in ihren Dimensionen erlangten, Dampfkessel von Eisenblech, wie es noch bis heute üblich ist. Durch diesen ersten Fortschritt erlangte man zwar gute Resultate, die den Bedürfnissen des Dampfmaschinenwesens entsprachen, aber im Ganzen genommen noch immer viele Unannehmlichkeiten darbieten, wie es viele der Dampfkesselbesitzer mehr oder weniger erfahren haben werden.

In den meisten Fällen, wo man zur ungelegenen Zeit den Dampfmaschinenbetrieb unterbrechen mußte, war immer die Ursache den Dampfkesseln zur Last zu rechnen. Bald ist es die Kesselsteinbildung, in Folge welcher die Kessel von Außen |156| verbrennen, und somit an den Wechseln leck werden, theils ist es das Eisenblech, welches zu kalt gewalzt, unganz oder brüchig ist, was insbesondere bei den aus England bezogenen Kesseln größtentheils der Fall ist, obwohl die äußere Appretur solcher Bleche sehr schön ist.

Bei Anwendung einer schwefelhaltigeren Steinkohle kommen erst recht alle verborgenen Fehler zum Vorschein, und es entstehen Spaltungen in den dem Feuer am meisten ausgesetzten Stellen, die der Art sind, daß oft Höhlungen sich bilden, die nach Außen und Innen eine kugelförmige Gestalt von manchmal 1 Schuh Größe annehmen, wo dann Reparaturen unausbleiblich sind.

So sehr man sich schon abgemüht hat, die Kesselsteinbildung von Innen und das Verbrennen von Außen abzuhalten, was die vielen auf diesen Gegenstand Bezug habenden Patente darthun, wurde bisher sehr wenig oder gar nichts erreicht, was eben die häufig vorkommenden Reparaturen an Dampfkesseln trotz der Anwendung genannter Schutzmittel thatsächlich beweisen. Man kann daher mit einiger Sicherheit behaupten, daß man bisher und mit den bisherigen Dampfkesseln noch keine vollkommene Sicherheit des ununterbrochenen Betriebes erlangt hat, was die kostspieligen Anschaffungen von Reservekesseln, wo man ununterbrochen arbeiten will, darthun.

In der neuesten Zeit, wo in Oesterreich der Aufschwung der Eisen- und Stahlfabrication die riesenhaftesten Fortschritte gemacht hat, wie selbe in keinem Lande in so kurzer Zeit gemacht wurden, wo Gegenstände vom feinsten Gußstahl in den colossalsten Dimensionen ausgeführt werden, die nicht nur den besten englischen Erzeugnissen zur Seite gestellt werden können, sondern dieselben in der Qualität noch bedeutend übertreffen, ist man leicht in der Lage, zur Anfertigung von Dampfkesseln solche österreichische Stahlbleche anzuwenden.

Hr. Regierungsrath Ritter von Burg hatte schon längst vorgeschlagen, Dampfkessel von Stahlblech anzufertigen, und diese Anregung war und ist von großer Tragweite in diesem Industriefach. Stahlblech hat eine zweimal so große absolute Festigkeit als Schmiedeisen, braucht daher nur halb so dick angewendet zu werden als Eisenblech, der Preis ist mäßig, und ein Stahlkessel von gleicher Größe und Widerstandsfähigkeit wiegt um die Hälfte weniger als ein gleicher eiserner, hat eine bessere Wärmeleitungscapacität wie Eisen, und wer den Unterschied kennt, wie dünnbödige Generatoren gegen dickbödige arbeiten, wird bald die Unzerstörbarkeit derselben einsehen lernen.

Vor 5 Jahren wurde in Paris von Petit-Gondin ein Stahlkessel angeschafft, und derselbe geht heute nach den jüngsten Erkundigungen noch makellos ohne alle Reparatur. Dieser Kessel war in der Pariser Industrie-Ausstellung.

Die Anfertigung von dergleichen Blechen und Winkelschienen wird in Steiermark in großem Maaßstabe betrieben. Franz Mayr in Leoben, einer unserer unternehmendsten Eisen-Industriellen, erzeugt Stahl in jeder Form und Dimension, gewalzte Bleche für Dampfkessel in jeder Dicke und Ausdehnung von der vorhin erwähnten Qualität; Director Haßwell hat aus Mayr'schen Stahlblechen Feuerkästen für stehende Locomotivkessel angefertigt, das Blech kalt gelocht, gebohrt und kalt aufgezogen, kurz so behandelt, als wäre es das geschmeidigste Kupfer, und es ließ Alles mit sich vornehmen, ohne zu brechen. Haßwell baut gegenwärtig die erste Locomotive, die gänzlich von Mayr'schein Stahl angefertigt ist, Kessel, Rohre, Achsen, excentrische Kurbeln, Führungen, Träger u.s.w., kurz alle sonst geschmiedeten Bestandtheile von genanntem Stahl. Solche Wagenachsen, wovon hier ein abgedrehter Span von 80 Fuß vorliegt, bieten dem Reisenden die größte Garantie. Von eben diesem österreichischen Stahl, der zu den stärksten Locomotivbestandtheilen verarbeitet wird, werden die Abfälle zu Bohrern, Schneidewerkzeugen, Supportstählen und Gewindbohrern benutzt, als Beweis der Güte dieses Stahles Hingegen aber scheint bei den aus England bezogenen Blechen von gewissen Seiten mit derselben Escamotage vorgegangen zu werden, wie es mit den englischen Eisenbahnschienen der Fall war.

Die Preise der Mayr'schen Stahlbleche sind gegenwärtig circa 36 bis 40 fl. per 1 Ctr. loco Wien: englisches Blech 36 fl. loco Wien; somit ist es leicht zu ermitteln, wie hoch sich die Stahlkessel stellen, indem sie, wie schon erwähnt, um die Hälfte leichter sind, als gleich große eiserne. In England werden die Schiffskörper |157| von 1 1/2 Linien dickem Stahlbleche angefertigt. Dampfkessel für Schiffsmaschinen für 4 Atmosphären Spannung werden aus 2 Linien dicken Stahlblechen angefertigt, die genügende Sicherheit gewähren. (Mittheilungen des niederösterreichischen Gewerbevereins, 1859 S. 19.)

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